Kultur : „Ich habe den Musiktrottel gespielt“

Helmut Roloff, der heute vor 100 Jahren geboren wurde, war ein gefeierter Pianist, Hochschulrektor und Widerstandskämpfer. Eine Erinnerung.

Richard Schroetter
Davongekommen. Der Musiker Helmut Roloff (1912-2001) im Jahr 1997. Foto: Ullstein Bild – Böning
Davongekommen. Der Musiker Helmut Roloff (1912-2001) im Jahr 1997. Foto: Ullstein Bild – BöningFoto: ullstein bild

Musiker gehörten im „Dritten Reich“ eher zu den Tätern und Mitläufern. „Zwei Drittel der deutschen Musikerpopulation, viele schon vor 1933, hielten es für opportun eilig der NSDAP beizutreten“, hat der Musikhistoriker Fred K. Prieberg ermittelt. „Diese Quote lag dreimal höher als beim Durchschnitt der erwachsenen Bevölkerung sonst.“ Aber es gab Ausnahmen. Man denke an den Dirigenten Fritz Busch, an den Komponisten Karl Amadeus Hartmann oder an den Musiker Helmut Roloff. Roloff fühlte sich nicht zum Helden berufen, aber gegen das Nazi-Regime meinte er, etwas tun zu müssen.

Roloff, der am 9. Oktober 1912 zur Welt kommt, entstammt einer angesehenen Gießener Professoren-Familie. Die Eltern, entschiedene Gegner der Nazis, übersiedeln nach Berlin, weil die hessische Kreisstadt im Laufe der Jahre immer nationalsozialistischer wurde. Obwohl hochmusikalisch, zweifelt Roloff, ob sein Talent für die Solistenlaufbahn ausreicht. So studiert er zunächst Jura, entscheidet sich dann aber doch für die Musik. 1935 immatrikuliert er sich an der Berliner Hochschule für Musik. Zu diesem Zeitpunkt ist der Lehrkörper der HfM schon „gesäubert worden“. Renommierte jüdische Lehrer wie Leonid Kreutzer, Emanuel Feuermann, Leo Kestenberg oder Arthur Schnabel sind entlassen und vertrieben, und durch angepasste, mittelmäßige Pädagogen ersetzt worden. „Nicht Artisten wollen wir heranzüchten, sondern deutsche Künstler“, lautet die Devise des Hochschuldirektors Fritz Stein 1933.

Nach dem Musikstudium übernimmt Helmut Roloff eine Dozentenstelle am Klindworth-Scharwenka-Konservatorium und beginnt zu konzertieren. Auf der Suche nach politisch Gleichgesinnten kommt er im Winter 1941 über den Zahnarzt und Musikliebhaber Helmut Himpel in Kontakt mit der „Roten Kapelle“.

„Himpel fragte mich, ob ich mit ihm zusammenarbeiten wollte“, erinnerte Roloff sich in einem früheren Gespräch. „Das war ein gefährlicher Moment. Zuerst wusste ich nicht, wie er das meint. Und man weiß nicht, wen man vor sich hat und ob man ihm trauen kann. Er sagte: ,Ich geb’ natürlich meinen Kopf mit dieser Frage in Ihre Hand.’ Da wusste ich Bescheid. Dann haben wir zusammengearbeitet und verschiedene Pläne geschmiedet. Die gingen zunächst mal dahin, dass wir Flugblattaktionen machten. Und wir haben dann Briefe vervielfältigt und kuvertiert oder mit Freimarken beklebt. Die konnte man in einer Tasche mitnehmen und in möglichst verschiedenen Briefkästen zuteilen.“ Die von Arvid Harnack und Harro Schulze-Boysen gegründete „Rote Kapelle“ war ein loses Berliner Netzwerk politisch und sozial unterschiedlicher NS-Gegner, und nicht, wie fälschlicherweise behauptet wird, eine kommunistische Organisation. Das wäre Roloffs Sache nicht gewesen. Seine Motive, mitzumachen, waren einfach: „Alles, was Erfolg verspricht, muss betrieben werden.“

So unterstützt er jüdische Mitbürger, die durch seine Vermittlung wichtige persönliche Unterlagen und Kunstgegenstände in Sicherheit bringen konnten. Was er nicht ahnt: Die Gestapo observiert seit Monaten die Aktionen der Bewegung und hat auch ihn bereits im Visier. In seiner Wohnung wird ein Koffer mit einem Funkgerät gefunden.

Drei Wochen vor seinem 30. Geburtstag, am 17. September 1942, wird er verhaftet und in der Gestapo-Zentrale in der Prinz-Albrecht-Straße verhört. Nach 14 Tagen kommt er ins Strafgefängnis Berlin Plötzensee. Hartnäckig streitet er alles ab, was man ihm zur Last legt. „Mir ist noch besonders in Erinnerung, dass der Hauptvernehmer mich fragte, wir sprachen da über Musik: Was halten Sie denn von Mendelssohn? Da sagte ich: Mendelssohn – den kenn ich gar nicht, der wurde doch früher manchmal gespielt soviel ich weiß. Er schnitt mir das Wort ab : ,Wissen Sie, was es ist: Scheiße ist es.’ Der hatte keine Ahnung von Musik. Ich habe einfach – und das war ganz bewusst – den Musikertrottel gespielt. Und ein Musiker eignet sich dafür ganz gut, besser, als wenn ich Jurist gewesen wäre. Da glaubt man ja immer, dass die noch mehr im Kopf haben.“

Tatsächlich kann Roloff den Untersuchungsrichter von seiner Harmlosigkeit überzeugen. Vor allem aber rettet ihn die Solidarität seiner Mitangeklagten, die bis zuletzt aussagen, er habe nichts gewusst und bei den Zusammenkünften immer nur musiziert. Während Roloff am 26. Januar 1943 überraschend entlassen wird, werden in den folgenden Monaten über 50 Mitglieder der Roten Kapelle hingerichtet, darunter der Arzt Helmut Himpel, dessen Verlobte Maria Terwiel und Roloffs Zellennachbar in Plötzensee John Graudenz. Besonders tragisch ist der Fall Karlrobert Kreiten. Der Pianist, ein Freund von Roloff, ließ sich einer Bekannten gegenüber zu der Äußerung hinreißen, Hitler sei ein Wahnsinniger, der Krieg könne nicht gewonnen werden. Vier Monate später wurde er wegen „Wehrkraftzersetzung und Feindbegünstigung“ in Plötzensee hingerichtet. Der spätere WDR-Intendant Werner Höfer befürwortete das Urteil im „12 Uhr Blatt“ als „strenge Bestrafung eines ehrvergessenen Künstlers“.

Nach dem Krieg nimmt Helmut Roloff Kontakt zu den wenigen Überlebenden der „Roten Kapelle“ auf, zu Günther Weisenborn, Greta Kuckhoff oder Bontjes van Beck. Vergeblich wendet er sich auch an Wilhelm Pieck, um ihm von John Graudenz zu berichten. Der Kommunist John Graudenz hatte Roloff wenige Tage vor seinem Tod gebeten, den Genossen Pieck über das Schicksal der Mitglieder der Roten Kapelle zu informieren. Doch der spätere Präsident der DDR weist ihn ab.

Helmut Roloffs eigentliche Pianistenlaufbahn beginnt in den frühen fünfziger Jahren. Er setzt sich für die im Dritten Reich verfemte Moderne ein, für Berg, Hindemith, Krenek, Schönberg und andere. Doch vor allem pflegte er das klassisch-romantische Repertoire. Mozart, Haydn und Beethoven, Mendelssohn, Schubert und Schumann spielt er uneitel und diskret. Er bevorzugt gemäßigte Tempi und ließ sich nicht zu Effekthaschereien hinreißen, vielmehr stellt er die intime kammermusikalische Seite des jeweiligen Stückes heraus.

Roloff konzertiert auch in der DDR, bald zum Missbehagen des Westberliner Senats wie auch später der östlichen Kulturbürokratie. Es herrscht kalter Krieg. 1970 wird er Nachfolger von Boris Blacher an der Hochschule für Musik. Man sieht ihn in vielen öffentlichen Funktionen: als Juror bei großen internationalen Klavierwettbewerben, als Vorsitzenden der Berliner Symphoniker, als nimmermüden Repräsentanten deutscher Musikkultur. Die Pianistenlaufbahn beendet Roloff 1980. Er unterrichtet noch bis kurz vor seinem Tod im Oktober 2001.

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