Kultur : „Ich habe ein ganzes Trumpfblatt in der Hand“

Sieben Jahre war die Berlinische Galerie vergessen, nun wird sie wiedereröffnet: Direktor Jörn Merkert über Standorte, Blockbuster und Berlinbilder

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Herr Merkert, am Freitag eröffnen Sie das neue Haus der Berlinischen Galerie – das Ende einer siebenjährigen Odyssee. Was hat Sie in die Alte Jakobstraße gebracht?

Ich habe mich imaginär auf den Alexanderplatz gestellt und gesagt: Der neue Museumsort sollte nicht mehr als fünf UBahn-Stationen entfernt sein. Dann habe ich 23 Standorte geprüft, die alle nicht zu kaufen oder zu teuer, zu groß oder zu klein waren. Als ich vor diesem Gebäude stand und in die große Halle blickt, da wusste ich: Das ist es.

Die Alte Jakobstraße ist als Museumsstandort denkbar ungewöhnlich. Sie verweisen zwar auf die Nachbarschaft zum Jüdischen Museum. Aber werden Besucher den Weg vom Libeskind-Bau zu Ihnen finden wird?

Ich glaube gar nicht, dass wir von den Besucherströmen des Jüdischen Museums profitieren werden. Aber von der Standortvermittlung. Wenn ich in New York oder Paris erzähle, wo mein neues Museum ist und sage: zwei Minuten vom Jüdischen Museum entfernt, ist die Welt in Ordnung. Was in der Nähe vom Jüdischen Museum liegt, kann von der Lage her nicht falsch sein. Und außerdem: Wer kannte das Theater am Halleschen Ufer, bevor die Schaubühne dort war? Und wo hat der Gropius-Bau gelegen, als wir anfingen? Es hängt davon ab, wie man sich präsentiert.

Sie müssen sich völlig neu präsentieren, weil die Sammlung Jahre lang nicht präsent war. Viele kennen die Berlinische Galerie gar nicht, zumal sie ja auch im Gropius-Bau nie umfassend zu sehen war. Die Eröffnung in der Alten Jakobstraße kommt der Neugründung eines Museums gleich. Wie melden Sie sich in der Stadt zurück?

Da hat ein Vergessensmechanismus eingesetzt, keine Frage. Aber ich habe ein ganzes Trumpfblatt in der Hand. Zunächst: der Überraschungseffekt. Niemand erwartet hier ein Museum. Das Aha-Erlebnis kommt im Inneren: mit einer 60 mal 60 Meter großen und 11 Meter hohen Halle. Dann die Tatsache, dass wir sieben Jahre geschlossen waren. Eine Million Neubewohner in Berlin kennen uns überhaupt nicht.

Ihre Trumpfkarten sind allerdings noch verdeckt. Sie sitzen an einem schwierigen Standort, haben eine nahezu unbekannte Sammlung, einen Museumsbau, der als solcher von außen nicht erkennbar ist und kaum Mittel für Werbung. Wie wollen Sie überhaupt auf sich aufmerksam machen?

Unser Budget für Öffentlichkeitsarbeit umfasst 50000 Euro, und das sind Spendenmittel. Wir gehen deshalb subversive Wege und werben mit einem kleinteiligen Netzwerk für uns. Wir haben, noch zu Umbauzeiten, Leute als Multiplikatoren ins Haus gelockt. Nur eine Anekdote: Während des Kunstherbstes hatten wir hier eine Abendveranstaltung. Am gleichen Abend war die Flick-Eröffnung. Da hieß es: Vergesst Flick. Bleibt hier.

Dennoch sieht Ihre finanzielle Zukunft nicht rosig aus.

Zugegeben: Wir haben kein Ausstellungsbudget. Aber wir haben verschiedene Spielwiesen, um aktuelle Positionen vorzustellen. Das kann man mit relativ wenig Geld auf die Beine stellen.

Dennoch gehört die Zeit den Blockbuster-Ausstellungen. Im Sommer hat sich das MoMA-Gastspiel in Berlin zu einem sensationellen Erfolg entwickelt, die Eröffnung der Flick-Collection ist von viel Tamtam begleitet gewesen. Wie wollen Sie, ohne Werbe- und Marketingbudget, mithalten?

Es ist klar, dass wir nicht zweimal im Jahr von der Stadt oder der Klassenlotterie Gelder bekommen, um Blockbuster-Ausstellungen zu machen. Wir können das auch personell nicht leisten. Für uns steht zunächst die Präsentation des Eigenen im Vordergrund. Im Übrigen: Was wir jetzt zeigen, ist für sich schon eine Blockbuster-Ausstellung.

Das Zauberwort heißt internationale Kooperationen. Sie sind mit der Berlinischen Galerie in den sieben mageren Jahren fleißig auf Reisen gegangen. Welche Kontakte sind da entstanden, die Sie nutzen können?

Ich komme aus einem internationalen Netzwerk. Doch auch innerhalb der Berliner Museen gibt es Möglichkeiten. Ein Beispiel: Brücke-Werke dürfen wir eigentlich nicht sammeln. Wir haben aber die Sammlung Karsch mit herausragenden Brücke-Zeichnungen geschenkt bekommen. Und nun präsentiert sich das Brücke-Museum bei uns mit fünf Meisterwerken. Und die Zusammenarbeit geht weiter: Wenn die Gelder von der Klassenlotterie bewilligt werden, wird die Jubiläumsausstellung „100 Jahre Brücke“, die das Brücke-Museum mit Madrid und Barcelona vorbereitet, bei uns zu sehen sein.

Zum Stichwort Zusammenarbeit der Berliner Museen: Seit Jahren wird an einer Museumsreform gebastelt, die die Stadt- und Landesmuseen in einer Stiftung zusammenfasst. Die Berlinische Galerie ist dabei eine treibende Kraft. Warum drängen Sie auf diesen Zusammenschluss?

Das hat in erster Linie finanzielle Gründe. Wir sind als Stiftung nicht an den Tarifvertrag gebunden, auch nicht an die Neuregelungen, die das Land Berlin für seine Institutionen getroffen hat. Dennoch müssen wir die gleichen Einsparungen erbringen. Das bedeutet für uns im nächsten Jahr 230000 Euro weniger. Für das Stadtmuseum sind es sogar 495000 Euro. Das heißt, wir brauchen einen gemeinsamen neuen Tarifvertrag. Auch bei Bewachungsdiensten und Restaurationswerkstatt lässt sich viel einsparen. Und wenn wir flexibler werden, können wir ab und zu auch einmal ein Großprojekt auf die Beine stellen.

Was aber bedeutet die Museumsreform inhaltlich? Wollen Sie der Stiftung Preußischer Kulturbesitz Paroli bieten?

Die Häuser sollen in ihren Profilen erhalten bleiben. Sicher: Wenn man drei Armenhäuser zusammenfasst, bekommt man kein prächtiges Wohnhaus. Aber ich sage immer: Wenn der eine die Bohnen hat, der andere den Speck und der dritte das Wasser, kann man sich wenigstens ein schmackhaftes Mahl zusammen kochen. Wir werden der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zwar nicht Paroli bieten, aber sind aufgefordert, genauso hauptstadtgemäß aufzutreten.

Das Gespräch führten Nicola Kuhn und Christina Tilmann.

JÖRN MERKERT , 57,

ist seit 1987 Direktor der Berlinischen Galerie. Zuvor war er bei der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf sowie bei der Neuen Nationalgalerie Berlin tätig.

GEGRÜNDET

wurde die Berlinische Galerie 1975 als privater Verein. Ziel des Gründungsdirektors Eberhard Roters war es, eine Institution zu schaffen, die in Berlin entstandene Kunst sammelt.

IHREN SITZ

hatte die Galerie zunächst in Charlottenburg. 1975 bezieht sie Räume in der Jebensstraße am Bahnhof Zoo. 1986 zieht sie ins

Obergeschoss des

Gropius-Baus und zeigt 1995 dort die Ausstellung „Berlin Moskau“. 1997 muss sie ausziehen und sucht fortan

ein neues Quartier.

Am Freitag eröffnet sie ihr Haus in Kreuzberg.

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