Kultur : Ich habe mich geirrt Zum deutschen Kopftuch-Streit

Caroline Fetscher

„Liebe Mama, ich habe mich entschieden Allah dem Größten zu folgen.“ So sollen zwölfjährige Mädchen bekannt haben, die fortan ihr Haar bedeckten, also „nach islamischem Brauch“ ein Kopftuch tragen wollen, und deren Rührung provozierende Briefe sich im Internet finden. Doch ohne Manipulation, ohne Beeinflussung von außen, würde kein Mädchen der Erde aus freien Stücken ein Stück Stoff um den Kopf wickeln. Es sei denn, es ist sehr kalt. Erst recht nicht würde ein Kind seinen bekennenden Brief veröffentlichen wollen. Nein, das Verbreiten solcher Statements ist politisch motiviert, es folgt den Regeln der Indoktrination.

Als die angehende Lehrerin Fereshda Ludin vor fünf Jahren ihren Rechtsstreit um das Kopftuch, den Hidschab oder Hijab, begann, schien die Geschichte harmloser, als sie sich inzwischen ausnimmt. Auch die Autorin dieser Zeilen argumentierte im Sinne von Ludin. Wozu sich über so ein Stückchen Stoff aufregen: Wichtiger als das Tuch sei allemal der Kopf. Diesem Gedanken folgen, da aus Karlsruhe ein – noch zweideutiges – Signal kam, wieder einige der Debattanten. Inzwischen sollte die Erbitterung, Hysterie und Fixierung, mit der dieser Streit auf beiden Seiten ausgetragen wird, dazu veranlassen, den Horizont etwas weiter auszuleuchten.

Ob es nicht geradezu den Erziehungsauftrag des Staates fördere, wenn eine Lehrerin, die der drittgrößten Glaubensgemeinschaft in Deutschland angehört, sich mit ihrer ganzen Persönlichkeit „einbringt“, fragt der Anwalt von Fereshda Ludin, die ihren Wunsch, als Lehrerin im Unterricht eine Kopfbedeckung zu tragen, vor Gericht erstreiten will. Auch die Verfassungsrichter wussten nicht so recht weiter, das Tuch der Frau Ludin liegt einstweilen weiter auf der langen Bank. Wohin gehört es? Ins Privatleben einer weiblichen Anhängerin des Islam – oder auch dorthin, wo sie als Beamtin oder Angestellte des säkularen Rechtsstaats eine öffentliche Rolle spielt?

Wer möchte, dass ein Lehrer seine „ganze Persönlichkeit einbringt“, der müsste Lehrerinnen und Lehrern bei jedweder Präferenz mit Offenheit begegnen – ob sie an Ufos glauben oder an Wiedergeburt, an die Heilkraft von Halbedelsteinen, an die Lehren der Scientology oder eine Verschwörung des Imperialismus, an Sternzeichen oder Gene als Determinanten. Gerade unter Lehrern sind alternative wie eklektizistische weltanschauliche Ansätze recht verbreitet. Doch das ist deren Privatsache. Dies gehört nicht in den Unterricht an staatlichen Schulen, deren Neutralitätspflicht verlangt, dass Demokratie, Gleichberechtigung, Integration und maximale Aufklärung die Köpfe der Kinder stark werden lassen im kritischen und kreativen Denken. Soweit als möglich sollen Lehrer diese Ziele auch verkörpern – ihr Vorbild gehört zum Unterricht.

Als Kemal Atatürk 1925 die laizistische Ordnung der Türkei durchsetzte, verschwand das Kopftuch aus Schulen und Universitäten. Zahlreiche Professoren sprachen sich auch gegen Bärte bei ihren männlichen Studenten aus. In Frankreich, wo Staat und Kirche am konsequentesten getrennt werden, sind religiöse Zeichen in Schulen nicht erlaubt. Katholische Nonnen wie islamische Frauen müssen für ihr Passfoto die Kopfbedeckung abnehmen. Andere demokratische Staaten, etwa Schweden und Kanada, handhaben die Frage des Kopftuchs lockerer.

In den vergangenen Jahren haben wir weltweit eine sukzessive, dynamische, fast hysterische Aufladung islamischer und islamistischer Zeichen erlebt. Manchmal gibt es bestimmte Blicke, die unbedeckte Frauen von kopftuchtragenden Frauen zugeworfen bekommen. In solchen Blicken kann Sehnsucht liegen: Könnte ich doch auch! Oft sendet der Blick jedoch eher eine subtile Verachtung, der man bisweilen auch anmerkt, dass sie sagt: Du legst keinen Wert auf deine Ehre, du setzt dich den Blicken der Männer aus, was bist du für eine? Es ist kein frommer Blick, sondern ein Hierarchien implizierender, Abstand produzierender Blick. Umgekehrt gibt es die argwöhnischen Blicke auf die Kopftuchfrauen: Ihr lasst euch freiwillig unterdrücken. Mehr und mehr sind religiöse Zeichen, insbesondere moslemische, zu politischen Zeichen geworden, Signale der Opposition gegen „westliche Werte“ wie Demokratie und Freizügigkeit. Die Analyse dieses Umstand ist komplex. Stellen wir hier einfach fest: In Phasen gesellschaftlicher, ökonomischer Unsicherheit wachsen die Bedürfnisse nach Sicherheit. Die einen wollen keine „Fremden“, die anderen wollen sich abgrenzen.

Beiden Impulsen zur Entsolidarisierung, zur Frontbildung muss kluge, demokratische Politik gegensteuern. Womöglich ist ein guter Zeitpunkt gekommen, das verfassungsrechtliche Gebot der Neutralität des Staates in religiösen Fragen, das jede Glaubensrichtung betrifft, konsequenter und klarer auszulegen. Denn auch Kardinal Lehmann erkennt, dass seine Organisation, die Katholische Kirche, bei der Frage Kopftuch und Kruzifix „selbst im Glashaus" sitzt. Damit keine Steine geworfen werden, sollte bald für alle gelten, was anhand von Präzedenzfällen und juristischen Urteilen etabliert werden kann: Strikte Trennung, wie in Frankreich. Wo Religion, respektvoll und diskret, Privatsache eines jeden ist, da erst ist der säkulare, demokratische Staat bei sich angekommen.

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