Kultur : „Ich habe mich nie als Opfer gesehen“

Der eine hat das Leben der Christiane F. beschrieben, der andere sein Doppelleben als Journalist und Junkie. Ein Gespräch mit Kai Hermann und Jörg Böckem.

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Herr Böckem, wie war das für Sie, als Sie zum ersten Mal „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ gelesen haben?

BÖCKEM: Ich glaube, ich war damals 14 oder 15, fing gerade an zu kiffen. Mich hat das Buch damals sehr fasziniert. Für mich waren Drogen noch etwas völlig Neues, ich nahm sie, um mich abzugrenzen von meinen Eltern, Drogen waren für mich Rebellion. Und obwohl meine familiären Verhältnisse ganz anders gewesen sind, waren mir Christianes Protesthaltung und ihre Neugier sehr vertraut.

Hätten Sie sich wohl gefühlt in Christianes Clique?

BÖCKEM: Ich glaube nicht. Die wären mir zu kaputt gewesen. Ich wollte nie nur ein stumpfsinniger Junkie sein, ich habe schon damals geschrieben, mit Freunden ein Punk-Fanzine herausgegeben, und ich hatte immer auch Freunde außerhalb der Drogenszene. Aber es gab in dem Buch eine für mich wichtige Stelle: Christiane erzählt, dass sie die Jugendlichen im Nationalsozialismus irgendwie beneidet, weil die zumindest Vorbilder hatten, auch wenn es die falschen waren. Das konnte ich gut verstehen, denn Eltern und Lehrer waren für mich auch keine Vorbilder. Aber es hat mich gestört, dass Christiane als Opfer der gesellschaftlichen Verhältnisse dargestellt wird. Ich habe mich nie als Opfer, als in die Droge Getriebener gesehen. Ich habe mich für dieses Leben entschieden, zumindest anfangs.

HERMANN: Im Nachhinein gefällt mir dieser 68er-Ansatz auch nicht mehr, alles aus der Gropiusstadt heraus zu erklären, wo Christiane aufwuchs. Ich hatte mich da zwei Wochen eingenistet, um das Grauen der anonymen Hochhaussiedlung, wie wir das damals empfanden, zu erfahren. Im Buch sieht es dann so aus, als ob die Drogensucht nur daraus entstanden wäre. Das ist Quatsch. Als ich später aufs Land zog, sah ich auch dort Junkies und zwar nicht im Schatten von Hochhäusern, sondern unter alten Eichen.

Und doch ist „Christiane F.“ auch nach 25 Jahren noch ein Bestseller und wird in Schulen gelesen.

HERMANN: Mittlerweile hat sich das Buch weltweit über drei Millionen mal verkauft. Dabei wollte der „Stern“ die Geschichte anfangs nicht drucken, der Rowohlt-Verlag wollte sie auch nicht haben. Und dann kam das Manuskript irgendwie zu Henri Nannen, der hat es in einer Nacht durchgelesen, rief mich am nächsten Morgen an und sagte: „Das ist das Wahnsinnigste, was ich je gelesen habe. Nächste Woche ist das im ,Stern’, und dann machen wir das als Buch.“

BÖCKEM: Aber abgeschreckt, wie sich das damals Eltern und Lehrer erhofften, hat mich das Buch nicht. Im Gegenteil, viele meiner damaligen Freunde sind durch das Buch erst richtig neugierig auf Heroin geworden.

HERMANN: Dieser Vorwurf wurde immer erhoben, und es ist ja auch was dran. Das wird mit Ihrem Buch genauso sein. Das ist die Gefahr von Aufklärung: Die Leute, die ohnehin schon auf dem Trip sind, die sich kaputt machen wollen, werden eher noch angetörnt. Auch von Leidensgeschichten. Aber Kids wie Christiane sind Mitte der 70er Jahre völlig naiv in die Drogensucht rein geraten. Das hat sich auch durch das Buch verändert. Wer heute Heroin nimmt, weiß zumindest, worauf er sich einlässt.

BÖCKEM: Nur, als ich Christiane F. gelesen habe, dachte ich mir, so fertig werde ich nie, ich höre rechtzeitig auf. Nie hätte ich geglaubt, dass Heroin mich beinahe zerstören würde. Aber es bringt auch nichts, den Leuten zu sagen, Drogen sind nur böse. Sonst würde sie ja keiner nehmen. Man muss sich damit abfinden, dass Drogen eine verführerische Kraft haben und in der Gesellschaft eine Rolle spielen. Aber nicht jeder, der mal Drogen probiert hat, wird als Nächstes heroinsüchtig

HERMANN: Ich sehe das ähnlich. Ich habe Anfang der 60er Jahre in Kanada studiert, und dann hat es mich auf einer Reise nach Big Sur, Kalifornien verschlagen. Das war während der Hochzeit von LSD, Jack Kerouac war dort, Timothy Leary hielt Vorträge über Bewusstseinserweiterung durch Drogen. Vor allem durch LSD. Die einzige Droge, die mich dann auch wirklich angemacht hat, war LSD. Ich habe ziemlich lange rumexperimentiert mit dem Zeug, sogar auf Trips gearbeitet.

BÖCKEM: Wirklich? Das hat bei mir nie funktioniert.

HERMANN: Die Gefahren von LSD habe ich erst später erkannt, dass es Leute gab, die davon völlig abdrehten, denen es regelrecht das Gehirn zerfraß, statt das Bewusstsein zu erweitern. Was mich aber nie interessiert hat, war Heroin.

Haben Sie es probiert?

HERMANN: Naja, probieren musste ich alles mal. Ich habe das gesnifft. Dann musste ich mich übergeben, und es hat mich total erschreckt, dass mir das in dem Moment nichts ausgemacht hat. So wollte ich nicht sein. Ich war zu der Zeit zum Glück schon geimpft, das war, nachdem ich Christiane F. getroffen hatte. Ich wollte nachvollziehen können, wie das ist, wenn ich schon drüber schreibe. Aber diesen Zustand der Gleichgültigkeit fand ich abtörnend.

BÖCKEM: Bestimmte Charaktere sind eben für bestimmte Drogen anfällig. Obwohl ich heroinabhängig war, trinke ich heute Alkohol und rauche alle paar Monate mal einen Joint, habe aber keine Angst, irgendwann davon abhängig zu werden. Das Suchtmittel, von dem ich mich fern halten muss, ist Heroin.

Herr Hermann, wenn Sie Christiane F. mit Jörg Böckem vergleichen, laufen Drogenkarrieren nach dem gleichen Schema ab?

HERMANN: Ich glaube schon. Das Muster ist dasselbe. Beide haben dieses ewige Hin und Her zwischen Entzug und Rückfall erlebt. Das scheint nahezu unvermeidlich zu sein. Irgendwann schaffen sich Junkies die Gesellschaft im Extrem, gegen die sie immer gekämpft haben. In den Phasen der Sucht, wo es nur darum geht, an den Stoff zu kommen, hat ein Junkieleben etwas sehr Spießiges.

BÖCKEM: Es gibt nichts Langweiligeres als ein Junkieleben. Ich habe irgendwann noch biederer gelebt als meine Eltern, schon in der Zeit vor meinem ersten Entzug, Jahre bevor ich Journalist geworden bin. Damit das Geld für das Heroin reichte, habe ich teilweise 14 Stunden am Tag in einer Spedition als LKW-Fahrer gearbeitet. Statt wie die Kollegen zum Frühstück bin ich halt zum Dealer gefahren, habe mir mittags und abends meinen Druck gesetzt. Ich habe nichts getan als arbeiten, drücken und schlafen.

Zu Nan Goldin, der berühmten New Yorker Fotografin, sagte einmal ein Galerist: Eigentlich schade, dass Sie kein Junkie mehr sind. Woher kommt die Faszination an der Selbstzerstörung durch Drogen?

BÖCKEM: Drogenerfahrung ist auch eine Grenzerfahrung. Und Menschen, die an ihre Grenzen gehen, sind interessant.

HERMANN: Das gilt doch von den Heldensagen bis zu den Hollywoodfilmen, da sind die Protagonisten auch immer Menschen, die in eine ungewisse, abenteuerliche Zukunft aufbrechen. Und heute sind es eben Menschen, die Drogenerfahrungen suchen. Das Faszinierende an Christiane F. ist ja die Vorgeschichte, als sie noch kein Junkie war. Und so ist das auch bei Jörg Böckem. Diese Jugendgeschichte, die zieht einen sofort rein. Auch ich kann mich teilweise damit identifizieren.

BÖCKEM: Wo zum Beispiel?

HERMANN: Wo Sie die Konflikte mit den Eltern beschreiben und die Krise an Ihrem 30. Geburtstag, ich wollte auch nie 30 werden. Aber Sie waren eben auch ein toller Typ, einer, der alle Mädchen haben konnte. Das ist ja ein Teil der Verführung von Drogen: Die sie nehmen, sind oft starke Typen, die auch eine Vorbildfunktion haben können.

BÖCKEM: Für mich waren das Leute wie Iggy Pop und David Bowie. Fast alle Musiker, die wir gut fanden, waren Junkies. Die haben unserem Gefühl einen Ausdruck gegeben: diesem Lebenshunger, dem Aufbegehren.

Herr Hermann, Sie haben selbst Kinder, die mittlerweile erwachsen sind. Haben Sie Angst gehabt, dass die heroinabhängig werden könnten?

HERMANN: Heroinsucht ist so eine Katastrophe, den Gedanken lässt man als Vater nicht zu. Ich hätte sie nicht abhalten können, es zu probieren, dazu wussten sie zu viel über meine Experimente. Aber da habe ich auf die Botschaft vertraut: Der Alte hat schon alles probiert, und es hat nichts gebracht.

BÖCKEM: Ja, das hoffe ich auch immer. Zur Tochter meiner Ex-Freundin habe ich ein sehr enges Verhältnis. Sie ist jetzt 15, in dem Alter hatte ich schon ein Jahr lang gekifft. Ein paar Jahre später habe ich mir meinen ersten Druck gesetzt. Aber ich hoffe einfach, dass sie durch meine Geschichte, die sie sehr genau kennt, gewarnt ist. Meine Mutter hat sich 20 Jahre mit der Frage nach der Schuld rumgequält. Aber ich weiß gar nicht, was meine Eltern hätten anders machen müssen. Ich glaube nicht an Abschreckung und repressive Drogenpolitik. Wichtig ist, dass die Gesellschaft die Möglichkeit des Ausstiegs schafft: verschiedene Therapien und auch Substitutionsprogramme, wie das Hamburger Modell der kontrollierten Heroinabgabe an Schwerstsüchtige.

HERMANN: Aufklärung ist ganz wichtig. Ich halte im Gegensatz zu vielen anderen Haschisch für ein ernsthaftes Problem bei den Jugendlichen. Sich mit 13 vor der Schule zuzukiffen, das geht in dem Alter bedenklich nahe ans Heroin ran, die riskieren nicht nur ihren Schulabschluss. Das ist auch schon der Beginn eines Doppellebens.

BÖCKEM: Ja, dieser Zustand, den Sie beschreiben, morgens vor der Schule schon zu kiffen…

HERMANN: … um den Stress zu bekämpfen…

BÖCKEM: …Hasch zu rauchen, um nichts mehr mitzukriegen, das wird irgendwann schon gefährlich. Denn es geht ja immer um die Haltung zur Droge, warum man sie nimmt und in welcher Häufigkeit.

Würden Sie sagen, jede Zeit hat ihre Droge?

BÖCKEM: Ich würde sagen, bestimmte Gruppen nehmen bestimmte Drogen. Heroin wird sicher nicht aussterben. Bei meiner letzten Therapie und in meinen letzten Entgiftungen vor drei oder vier Jahren traf ich sehr viele junge Heroinsüchtige. Immer häufiger auch Russlanddeutsche. Es scheint, dass deren Lebensumstände den Heroinkonsum begünstigen. Drogen haben ja eine Funktion. Im Laufe der letzten 20 Jahre hat sich sehr viel verändert. Als ich anfing, waren das vermutlich noch die Auswirkungen der 60er Jahre: Wir haben uns bewusst für Drogen entschieden, weil wir ein Mehr an Erfahrung wollten. Später in den Entgiftungen habe ich ständig Leute kennen gelernt, denen es nie um ein Mehr an irgendwas ging, sondern um ein Weniger. Nur noch breit sein, nichts mehr hören, nichts mehr sehen.

HERMANN: Aber es gibt natürlich auch Moden. Zu meiner Studienzeit spielte Heroin noch gar keine Rolle. Und Koks war vor allem in den Jazzkellern angesagt. Dann war es irgendwann wieder weg und kam Ende der 90er Jahre in den Zeiten der New Economy wieder auf. Unter den Börsianern ist das sicher eine Mode.

BÖCKEM: Ich fand Kokser schon immer scheiße, auch als ich noch gedrückt habe. Für mich sind das Blender. Die nehmen eine Droge, um sich besonders gut zu präsentieren, und machen sich und anderen vor, dass bei ihnen alles in Ordnung ist. Die belügen sich.

HERMANN: Ich gehe Koksern noch heute aus dem Weg.

Kokain war in den 90ern die Antwort auf die Leistungsgesellschaft, in der man allzeit funktionieren muss. Was kommt jetzt?

BÖCKEM: Ich kann da keine Prognose abgeben. Aber wenn man sich umsieht, hat bei den Jungen neben Haschisch Alkohol wieder eine große Popularität. Die so genannten Alcopops sind schön bunt und schmecken süß, da ist die Hemmschwelle einfach niedriger.

HERMANN: Heroin ist als Mittelstandsdroge out, und LSD ist völlig weg.

BÖCKEM: Aber was als Nächstes kommt? Vielleicht steht schon irgendein Chemiker in seinem Kellerlabor und mixt was Neues. Moden haben natürlich immer mit einer gesellschaftlichen Veränderung zu tun, mit einem bestimmten Freizeitverhalten. Nehmen wir die Technobewegung. Die ist eine Mainstreamkultur geworden, und in gleichem Maße ist der Ecstasykonsum, der zu dieser Bewegung gehört, gestiegen. Ecstasy hatte nie diese Janusköpfigkeit von Heroin, es galt als nette Spaßdroge: Wenn ich es nehme, habe ich alle lieb. Das hatte nie diesen Drogenappeal.

HERMANN: Heroin und Spaßgesellschaft, das ist auch nicht vereinbar.

BÖCKEM: Nee, Heroin hat mit dieser Art Spaß nichts zu tun. Ich fand Ecstasy immer sehr befremdlich, weil das jeder nimmt. Ich habe Drogen genommen, weil es verboten war, wild, gefährlich. Ich hätte einfach keine Lust auf eine Droge gehabt, die Teil meiner Freizeitgestaltung werden soll, die man nimmt, und dann mit den anderen normal feiert, als wäre nichts dabei.

Werden Drogen heute von der Gesellschaft eher akzeptiert?

BÖCKEM: Wenn es um weiche Drogen geht: ja. Aber Heroin nicht. Ich habe bei den Reaktionen auf mein Buch bemerkt, dass es für die meisten unvorstellbar ist, dass jemand in seinem Beruf funktionieren kann und gleichzeitig Junkie ist. Die haben immer noch das Bild von den „Kindern vom Bahnhof Zoo“ im Kopf: Junkies sitzen da rum, haben kein Dach überm Kopf und gehen anschaffen.

HERMANN: Und das stimmt natürlich nicht. Ich habe in Berlin auch die arrivierte Szene gesehen, da treffen sich Ärzte, Friseure, Steuerberater und setzen sich gemeinsam einen Schuss.

BÖCKEM. Aber nicht regelmäßig.

HERMANN: Doch, täglich.

BÖCKEM: Ich kann mir kaum vorstellen, dass so etwas lange gut geht. Heroin hat so eine unglaublich verführerische und vereinnahmende Kraft.

Wie muss man sein, um den Ausstieg zu schaffen?

BÖCKEM: Es gibt keine Patentformel. Wichtig ist, Perspektiven zu finden und neue, andere Erfahrungen zu machen

HERMANN: Man muss sich wohl vor allem ein Ziel setzen. In meinem letzten Buch „Engel und Joe“ ist es das eigene Kind, das zunächst die Kraft für den Ausstieg gibt.

BÖCKEM: Kinder sollen die Funktion ja oft übernehmen. Aber wenn es schief geht, wird es richtig dramatisch.

HERMANN: Das Punkerpaar, das die Vorlage für „Engel und Joe“ war, hat alle Hoffnung auf das Kind konzentriert. Das Mädchen war fast zwei Jahre clean, um den Sohn zurückzubekommen. Wenige Wochen, nachdem er wieder bei ihr war, ist sie dann an einer Überdosis gestorben. Die Macht des Heroin kann teuflisch sein.

Wie geht es Christiane F. heute? Mitte der 90er Jahre las man, sie lebe in einer Eigentumswohnung und sei wieder heroinsüchtig geworden. Dann war die Rede von einem Methadonprogramm.

HERMANN: Ich habe kein Recht, in der Öffentlichkeit über ihr Leben zu reden. Ich kann nur so viel sagen: Sie hat ein Kind und lebt mit ihm in Berlin. Und erhält Honorare aus dem Verkauf des Buches. Aber das Gefährliche an solchen Geschichten, genau wie bei Böckem, ist ja der Eindruck, dass da eine Drogenkarriere in Prominenz und viel Geld endet.

BÖCKEM: Also, von viel Geld bin ich noch weit entfernt...

HERMANN: Ja, aber aus Sicht gefährdeter Jugendlicher nicht, für die sind Sie jetzt berühmt.

Das Gespräch führten Tanja Stelzer und Annabel Wahba.

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