Kultur : „Ich habe nie einen bösen Menschen getroffen“

Bestseller-Autor Henning Mankell über Rechtspopulismus und die Verantwortung der Literatur

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Mit seiner inzwischen abgeschlossenen Romanreihe um Kommissar Wallander wurde er weltberühmt. Für seinem letzten Roman „Die Rückkehr des Tanzlehrers“ hat sich der schwedische Schriftsteller Henning Mankell, 54, einen neuen Protagonisten erfunden: Nun ermittelt Kommissar Lindman. Mankells jüngster Roman „TeaBag“ erscheint im Februar auf Deutsch (wie alle seine Bücher im Zsolnay Verlag) und beschäftigt sich wie sein gerade in Graz uraufgeführtes Theaterstück „Butterfly Blues“ mit dem Leben illegaler Immigranten.

„Die Rückkehr des Tanzlehrers“ erzählt von den langen Schatten der deutschen Vergangenheit: Ein alter Nazi wird ermordet. Manchmal bekommt man den Eindruck, als hätten Sie als Autor auch Verständnis für das Opfer, den Täter von einst.

Ich habe noch nie in meinem Leben einen an sich bösen Menschen getroffen, sondern immer nur Menschen, die böse Dinge getan haben. Das ist ein Unterschied. Will man die Wurzeln des Bösen finden, muss man die Umstände berücksichtigen. Wenn man heute den Balkan betrachtet, wo sich ehemalige Nachbarn gegenseitig umbringen, dann sind es die äußeren Umstände, die diese Situation hervorrufen. Es gab den Faschismus in Italien, den Nationalsozialismus in Deutschland oder auch in Schweden, aber dasselbe hätte genauso gut in England oder in den USA passieren können. Es sind die Umstände, die sowas hervorrufen. Das ist auch die Grundlage für den Roman „Tea-Bag“.

Gibt es unter diesen Umständen so etwas wie Kollektivschuld?

Jeder muss die Verantwortung für seine Handlungen tragen. Ich denke aber, dass es eine Art von kollektiver Schuld ist, wenn die Menschen nicht reagieren. Natürlich war das in den dreißiger Jahren schwer. Aber einige haben es trotzdem getan, also war es zumindest möglich. Daher gibt es eine Kollektivschuld in der Hinsicht, dass mehr Menschen hätten reagieren sollen. Das gilt selbstverständlich auch für Schweden, denn dort gab es in den dreißiger und vierziger Jahren viele Nazis.

Gerade in Schweden treten in letzter Zeit immer mehr Neonazi-Gruppen auf – ausgerechnet in einem Land, das als Modell für den liberalen Sozialstaat gilt.

Die Neonazi-Gruppen in Schweden sind alle klein, und ich halte sie nicht für sehr wichtig. Was mir mehr Sorgen macht, sind die großen nationalistischen Bewegungen. In Schweden sind sie nicht so stark, aber es gibt große Gruppierungen in Norwegen, Dänemark oder Österreich. Manche Vertreter wie Le Pen in Frankreich sagen Dinge, die genau so gut aus den dreißiger Jahren stammen könnten. Was die Neonazi-Gangs betrifft, so müssen wir sie natürlich im Auge behalten und versuchen, nicht die Kontrolle zu verlieren.

Wie soll man mit ihnen umgehen?

Ich bin dafür, das Tragen von Uniformen, nicht aber die Bewegungen zu verbieten. Wir müssen die Diskussion darüber aufnehmen, darüber sprechen, zuhören, was ihre Vertreter zu sagen haben – und darauf reagieren. Das ist die einzige Möglichkeit. Wenn wir das Problem bloß beiseite schieben, werden diese Gruppierungen weiter wachsen.

Vermissen Sie eine solche öffentliche Auseinandersetzung?

Es gibt mir Hoffnung, dass ich immer mehr junge Leute treffe, die bereit sind, die Diskussion mit guten Argumenten zu suchen. Ich denke, die nächste Generation wird das Problem der neuen europäischen Nationalismen lösen, das unsere Generation nicht in den Griff bekommt.

Sind es nicht gerade junge Menschen, die vom Rechtspopulismus angezogen werden?

Sicher werden einige von ihnen eingefangen, aber nicht die Mehrheit. Das ist heute das wirklich Neue: Die jungen Europäer sind, anders als vor 20, 30 Jahren daran gewöhnt, mit schwarzen Kindern im Klassenzimmer zu sitzen. Man sieht immer mehr weiße Jungen und Mädchen mit Freunden, die aus einem anderen Teil der Welt stammen. Diese Jugendlichen werden Xenophobie nicht akzeptieren, so wie Jugendliche vor 20 Jahren es noch getan hätten. Ich bin da sehr optimistisch.

Hat die bisherige Politik versagt?

Ich glaube nicht. Mir scheint, dass Europa nach einer neuen Identität sucht. Viele Westeuropäer haben Angst, wenn nun zehn neue Staaten in die EU kommen. Sie fürchten, dass sie für die ärmeren osteuropäischen Länder zahlen müssen. Und Menschen, die Angst haben, sind offen für rassistische Parolen.

Welche Rolle spielt dabei die Literatur?

Normalerweise kann Kunst nichts direkt verändern. Ganz selten hat ein einzelner Roman, ein Theaterstück oder ein Film die Kraft, soziale Veränderungen hervorzurufen. Aber auf der anderen Seite lässt sich auch nichts ohne die Kultur verändern. Wir brauchen sie als Teil des Veränderungsprozesses. Kunstwerke stellen die Frage, auf welcher Seite man steht. Und da spielt auch ein Roman eine Rolle. Natürlich gibt es eine Art nicht organisierte Widerstandsbewegung auch im kulturellen Leben. Ich glaube an die Bedeutung der Gesellschaft. Daher habe ich natürlich eine Art Verantwortung, und diese Verantwortung muss in dem, was ich schreibe, sichtbar werden.

War das Ihre Maxime, als sie in der „ Rückkehr des Tanzlehrers“ den ehemaligen Nazi zum Mordopfer machten?

Man muss vorsichtig sein mit den Auswirkungen, die Dinge, die vor 50, 60 oder 70 Jahren geschehen sind, auf die Gegenwart haben. Man muss achtgeben, dass sie sich nicht wiederholen. Mit dieser Überlegung hatte ich die Arbeit begonnen.

War Ihnen dabei auch bewusst, dass sich Bücher, die von der Nazizeit handeln, besonders gut verkaufen?

Nein, ich glaube, das Gegenteil ist wahr. Wenn man wirklich einen Bestseller schreiben will, sollte man nicht über die Nazis schreiben. Vor zehn oder 15 Jahren, da wäre das Thema noch der Garant für einen Erfolg gewesen. Heute gibt es kaum neue Filme zu Nazithemen.

Kritiker haben Ihnen immer wieder vorgeworfen, mit Klischees zu arbeiten...

Ich lese keine Kritiken. Was ich schreibe, basiert immer auf der Realität. Wenn man die Realität als Klischee bezeichnen will, bitte sehr.

Das Gespräch führte Irene Binal.

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