Kultur : „Ich habe nur das Geld gebraucht“

Er kam als 7-Jähriger aus Ghana in den Wedding und mit 22 in den Knast: Wie Kalusha sein Leben ändern will – als Rapper

Mikko Stübner

Ein Junitag 2002. Forster Yeboahs Laune könnte kaum schlechter sein. Morgen ist sein 22. Geburtstag und er ist pleite. Der Magen knurrt. Und es drücken noch zwei fällige Monatsmieten. Der junge Mann aus Ghana liegt auf seinem Bett. Im Kopf kreisen die Worte seines Freundes, den er nur den Araber nennt. Bis jetzt war es nur eine Schnapsidee, dummes Geprahle unter Halbwüchsigen. Doch in diesem Moment fällt er seine Entscheidung. Er greift zum Telefon und sagt zu. Ganz mechanisch, ohne Gefühle. Eine Stunde später stehen die beiden vor dem Schlecker-Markt in der Kameruner Straße. Und warten. Zwei Stunden lang. Nervös qualmen sie zwei Schachteln Zigaretten leer. Unter ihren Pullis haben sie Pistolen und Mützen versteckt. Als die Kassiererin endlich allein im Laden ist, gehen sie rein.

„Es ging nie darum jemanden persönlich zu schaden, ich habe nur das Geld gebraucht“, sagt Yeboah heute. Zwei Jahre nach dem Überfall sitzt er auf einer Parkbank am Mierendorffplatz, raucht und blickt in die blasse Sonne. Konzentriert erzählt er seine Geschichte. Wie er die Kassiererin mit der Waffe bedrohte, wie er den Tresor leerte, ohne auf das Geld zu achten. Und auch von dem Scheißgefühl berichtet er, als ihn drei Kripo-Beamte an der Ladentür abfingen und auf den Boden warfen. Erst später hat er begriffen, dass sich an diesem Tag sein Leben verändert hat. Vor allem für vier Jahre und neun Monate.

Yeboah ist ein harter Kerl, ein Muskelpaket. Nur ein Zucken unter dem rechten Auge, unmerklich, verrät, dass die Erinnerung wieder da ist. Heute nennt er sich Kalusha. Er hat ein Rap-Album aufgenommen: Es erzählt die Geschichte eines Gangsters und heißt „Nicht zur Nachahmung empfohlen“. Mit der Vergangenheit hat er abgeschlossen – Musik machen ist seine Art der Resozialisierung.

„Auferwacht von den Toten, doch ich war noch nie tot/ der Teufel hat es oft versucht, aber bis jetzt blieb ich verschont/ Ich hatte keinen richtigen Wegweiser, also fiel ich in seinen Schoß.“

Freitagnachmittag, Justizvollzugsanstalt Düppel: offener Strafvollzug. Inmitten von Reiterhöfen, Kleingärten und Feldern liegt eine in sich geschlossene Welt. Hinter einem mannshohen Drahtzaun wohnen Gewalttäter, Trickdiebe, Vergewaltiger, Mörder. Sie alle haben eine zweite Chance bekommen: Sie arbeiten in einer Gärtnerei, erster Schritt auf dem langen Weg zur Wiedereingliederung. Verlassen darf Kalusha das Gelände nur für 60 Stunden im Monat. Wie er sich hier fühlt? Nun, er sei kein Botaniker, aber grün ist besser als grau. Und seit er die Natur um sich herum hat, meditiert der Ex-Gangster regelmäßig. Doch sein Gesichtsausdruck bleibt ernst. Durch den Zaun dringt die Neugier der Mitinsassen, Kalusha beachtet sie nicht. Er muss hier draußen cool bleiben, wenn er da drinnen überleben will.

Er schnürt seine neuen Basketball- Schuhe und überprüft den Sitz seines Graffiti-Shirts. Ypsilon Recordz, seine Plattenfirma, hat ihm ein paar Sponsoren-Klamotten besorgt, denn gleich kommt ein Kamerateam von VIVA. Trotz Plattenvertrag lebt er vor allem von hundert Euro, die er monatlich in der Gärtnerei verdient. Das reicht nicht für coole Sneakers, die ein Rapper braucht, um seine Verbundenheit zur Straße auszudrücken. Vor zwei Jahren war das noch anders, da hat er sich genommen, was er brauchte.

„Rauben ist mein Hobby/ Ich häng mit voll harten Soldaten/ Die schnell Zoff starten/ Weil sie aufm Konto nicht genug Soll haben.“

Ortswechsel: Wedding, Samoa–, Ecke Sprengelstraße. Mit 14 hat Kalusha hier für ein paar Monate in einer betreuten WG gewohnt. Nun steht er vor der Telefonzelle, an der er damals diesen Araber erwischt hat. Der hatte ein paar Tage zuvor Kalushas Cousin verprügelt. Kalusha wollte die Familienehre verteidigen. Leider hatte der Araber ein Messer dabei. Fünf Mal stach er zu, Kalusha zeigt seine Narben im Gesicht und am Arm. Ein Stich hat das halbe Ohr abgeschnitten, ein anderer das Herz nur knapp verfehlt.

Früher hießen Kalushas Idole Dr. Dre und Snoop Doggy Dogg und kamen aus South Central L.A., einem riesigen Ghetto, wo Arbeitslosigkeit und Gewalt regieren. So wie im Wedding. Wobei in Los Angeles Drive-By-Shootings bis heute zum Alltag gehören. Das ist im Berliner Norden noch nicht der Fall, sondern geschieht allenfalls in Kalushas Fantasie.

„Ich bin wieder mal sooo pleite, mein Magen wird immer kleiner/ es wird Zeit, dass ich losreite - ich hoff mich sieht doch keiner.“

Kalusha will eine Stimme sein für die, die ganz unten sind. Er war selber dort. Als 7-Jähriger aus einem kleinen Dorf in Ghana nach Berlin gekommen, hat er den Kulturschock erlebt, in seiner Schule soziale Ausgrenzung erfahren. Überall Hänseleien und Schläge, einfach wegen seiner Hautfarbe. Seine Mutter arbeitete den ganzen Tag, die Straße war der Ort, wo er wenigstens nicht einsam war. Er lernte, sich zu verteidigen und rutschte direkt in die Weddinger Unterwelt.

Doch jetzt will er zurück in die Legalität. So wie Dr. Dre und Snoop Dogg. Die haben den Gangsta-Rap erfunden und damit den Absprung aus ihrer desolaten Welt geschafft. In ihrer Musik wird der Bandit zur Kunst-Figur, der sich durch seine Härte und Unbeugsamkeit außerhalb der Gesellschaft bewegt, Gewalt ist ein Mittel, seine Autonomie auszudrücken. Erlebtes verschmilzt in den Schilderungen der Gangsta-Rapper mit Erfundenem, die Wirklichkeiten verschwimmen.

„Bang Bang ist woran wir denken/ wenn wir Kugeln in die Richtung von Deinem Kopf lenken.“

Wie viel von den Texten wahr sei? Kalusha antwortet vorsichtig: „Rap ist Entertainment, manchmal muss man eben übertreiben, damit es gut klingt. Vielleicht fifty-fifty.“ Das Album reflektiert vor allem seine Vergangenheit, die Gegenwart klingt optimistischer. So prognostiziert ihm sein Anwalt eine günstige Entwicklung, da es im Hintergrund „funktionierende Strukturen“ gebe. Damit ist nicht nur der Plattenvertrag gemeint. Noch in Tegel, wo er anfangs einsaß, hat Kalusha seinen Abschluss als Mediengestalter gemacht: Zur praktischen Prüfung musste er mit Fußfesseln vor der Kommission der Industrie- und Handelskammer erscheinen. Aber er hat bestanden. Außerdem ist er seit einem Jahr verheiratet und wird in drei Wochen Vater.

Er weiß, dass er nochmal davongekommen ist, und deshalb passt Kalusha auf, keine Fehler zu machen. Bier und Joints sind tabu, was in der Musikszene nicht immer einfach ist. „Aber er ist ein harter Junge und schafft das“, ist sich Jochen Kühling, sein Labelchef und persönlicher Manager sicher. Der 40-jährige Niedersachse hat Kalusha ein Jahr vor dem Überfall kennen gelernt und ihm die Treue gehalten: „Natürlich war es anfangs ein Risiko, aber ich vertraue ihm. Der Typ hat so viel Mist erlebt – er hat einfach ein Happy End verdient.“

Kalusha dankt es mit eiserner Disziplin und hält sich an die Regeln. Wenn er zehn Stunden Freigang hat, steht er bis um sieben im Studio, dann holt ihn seine Frau ab und pünktlich um 23 Uhr ist er wieder zurück in Düppel.

Nur lächeln sieht man ihn selten. Dafür bräuchte es mehr als Disziplin. Wahrscheinlich ist sein Album deshalb so hart geworden, „härter als alle anderen deutschen Rapalben“, wie er findet. Als er sich im Büro seines Labels zwanzigfach vervielfältigt als Poster wiedersieht, fällt die Anspannung für einen kurzen Moment von ihm ab – und über seine Züge huscht ein verlegenes Lächeln.

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