Kultur : „Ich habe tagelang geweint“

Patti Smith ehrt auf ihrem neuen Album Rock-Klassiker. Ein Gespräch über Jimi Hendrix, Kurt Cobain – und Murat Kurnaz

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Frau Smith, angeblich haben Sie seit Jahren über das Cover-Album nachgedacht, das jetzt unter dem Titel „Twelve“ erscheint. Was hat Sie aufgehalten?

Ich plane diese Platte seit den späten Siebzigern. Aber als ich damals eine Liste zusammengestellt habe und mir vorstellte, wie ich die Stücke singen würde, fühlte sich das einfach nicht okay an. Ich war noch nicht bereit und habe mich auch weniger als Sängerin gesehen, sondern eher als Performerin oder Rockaktivistin. Bis mir mein verstorbener Mann Fred, der ja ein großartiger Musiker war, eine Menge über meine Stimme beigebracht hat. Erst danach hatte ich das Gefühl, ausreichend qualifiziert zu sein, um die Arbeit von anderen Künstlern umzusetzen.

Hat sich Ihre Liste verändert?

Und wie! Von den Stücken, die ich seit 1978 im Kopf habe, sind nur drei übrig geblieben: „Are You Experienced?“, „Gimme Shelter“ und „White Rabbit“. An denen gab es kein Vorbei.

Wobei Sie „White Rabbit“ auf eine so mystische Weise bringen, dass man es kaum erkennt.

Das war der schwierigste Song, was die Umsetzung betrifft. Einfach wegen meiner Bewunderung für Grace Slick. Sie hat diesen Song geschrieben, und der Text ist großartig. Aber das Entscheidende ist ihre Stimme – eines der wichtigsten Statements einer weiblichen Künstlerin in den Sechzigern. Dabei gab es so viele große Sängerinnen. Tina Turner, Janis Joplin, Martha Reeves, Joan Baez und, und, und. Aber wenn wir von Rock’n’Roll reden und dem, was er verkörpert, dann hat es nur Grace Slick geschafft, mit ihren männlichen Kollegen mitzuhalten. Ich habe zwar nicht das Gefühl, als könnte ich mit Grace konkurrieren, aber ich will ihr mit meiner Version salutieren.

Und was ist mit „Everybody Wants To Rule The World“ von Tears For Fears? Damit dürften Sie all jene überraschen, die in Ihnen die Wächterin des Rock sehen.

Ich hatte zuerst gar nicht vor, es aufzunehmen. Ich kannte es nicht einmal. Aber dann saß ich in meinem Lieblingscafé und grübelte darüber nach, was auf dieser Welt so alles falsch läuft, und da erklang dieser nette kleine Pop-Song. Ich saß da und dachte: „Wow, er bringt es in einem Satz auf den Punkt.“ Also entschied ich, mich auf seine politische Kernaussage zu konzentrieren. Doch dann musste ich feststellen, dass er etwas hat – er ist leicht zu singen, verfügt über einen netten Rhythmus, und er macht Spaß.

Bleibt noch Jimi Hendrix. Stimmt es, dass Sie ihn kurz vor seinem Tod getroffen haben?

Ja, wenige Stunden, bevor er nach London geflogen und nie zurückgekehrt ist. Er hat eine Party zur Einweihung seines Electric Lady Studios gegeben. Und ich habe ungefähr 20 Minuten mit ihm gesprochen. Es ging um sein Studio, auf das er sehr stolz war, und über seine Zukunftspläne. Dann musste er zum Flughafen. All die Dinge, die er mir erzählt hat, habe ich im Herzen bewahrt. Und sobald ich selbst in der Lage war aufzunehmen, habe ich meine erste Single „Piss Factory“ und mein Album „Horses“ in Electric Lady produziert – genau wie die neue Platte.

Leiden Sie unter einer Hendrix-Obsession?

Ich würde es nicht als Obsession bezeichnen. Ich hielt ihn einfach für den größten Rockstar, den Amerika je hatte. Denn für mich hatte er alles. Er war schön, einfühlsam, ein toller Techniker, ein wahnsinniger Performer, und ich habe seine Texte geliebt. Er war ein Visionär, und sehr respektvoll im Umgang mit anderen Musikern.

Gefällt Ihnen, wie das Hendrix-Estate den Nachlass verwaltet – oder vor allem: vermarktet?

Um ehrlich zu sein, hatte ich einige Probleme, eine Freigabe für meine Version zu erhalten. Da gab es Bedenken, weil ich Teile des Textes als Gedicht rezitiere. Allerdings hat die lukrative Ausschlachtung dessen, was er getan hat, nichts mit ihm selbst zu tun. Deshalb ändert sie auch nichts an meiner Wertschätzung ihm gegenüber. Ich denke, er war ein junger Mann, der ein paar Fehler gemacht hat. Und der größte war, sein Leben zu verlieren. Es war ein schrecklicher Unfall.

Im Gegensatz zu Kurt Cobain, über dessen Selbstmord Sie sehr enttäuscht waren?

Ich war sogar richtig wütend darüber. Einfach, weil ich mich mit Nirvana identifizieren konnte – mit ihrer Welt und ihren Fans. Die sogenannten Grunge-Kids sahen aus wie meine eigene Familie. Ich konnte eine Beziehung zu ihnen aufbauen, zu der Art, wie sie sich kleideten, zu ihrer Einstellung, und ich mochte die Musik. Dabei hatte ich keine Ahnung von Kurts Privatleben oder von seinem Schmerz. Ich kannte ihn nur durch seine Musik. Und ich war so geschockt, als ich von seinem Selbstmord gehört habe, dass ich tagelang geweint habe – und mein Mann Fred mit mir. Ich meine, wir waren alt genug, um seine Eltern zu sein. Wir hatten das Gefühl, dass er einen tollen Job macht und eine große Zukunft haben würde. Mir kam es vor, als ob dieser junge, talentierte Bursche sein Leben einfach so wegschmiss. Trotzdem mag ich Nirvana, sie haben großartige Songs geschrieben, und einen davon wollte ich covern. Nämlich „Heart-Shaped Box“, der einen sehr starken Text besitzt. Aber dann habe ich mich für „Smells Like Teen Spirit“ entschieden. Einfach, weil ich es im Auto gehört habe und dabei diese Vision hatte, wie man den Song auf eine ganz andere Weise bringen könnte. Und zwar in der Art von Mountain Music, also dieser knarzigen Country-Musik, die Kurt sehr geliebt hat. Wir haben es dann mit Banjo und Fiddle aufgenommen.

Sie haben einen Song über Murat Kurnaz geschrieben. Werden Sie den auch veröffentlichen?

Auf jeden Fall. Er heißt „Without Chains“. Ich weiß zwar nicht, warum der Junge verschleppt und inhaftiert wurde, aber ich habe diesen Song für ihn geschrieben – als emotionale Reaktion auf die ganze Aktion. Denn wenn ich mir diesen jungen Mann anschaue, der 24 Jahre alt ist, dann frage ich mich: Wie würde ich reagieren, wenn mein Sohn irgendwohin reisen und fünf Jahre lang von einer Regierung inhaftiert würde, nur weil sie einen Verdacht gegen ihn hegt? Eine furchtbare Vorstellung. Weißt du, was das Absurde an seiner Freilassung war? Als sie ihn endlich haben gehen lassen, schickten sie ihn zurück zu seinen Eltern. Aber selbst im Flugzeug musste er noch Ketten tragen, weil die Regierung darauf bestand. Wie krank ist das denn?

Es gibt einen Untersuchungsausschuss, der die Versäumnisse der deutschen Politik im Fall Kurnaz durchleuchtet.

Die Welt ist ein großer Club, der von der Gier nach Macht und wirtschaftlichem Vorteil gesteuert wird. Wenn du nicht bei den Kriegsspielen mitmachst, dann bei den Geldspielen. Es sind nicht unsere Regierungen, die die Geschicke lenken, sondern Firmen, die mit ihnen ins Bett steigen. Ich weiß noch, dass ich in Deutschland war, ehe Amerika in den Irak einmarschiert ist, während der großen Wahl. Ich traf Schröder und seine Frau bei einer Gartenparty, er sagte, dass er nichts von Bushs Idee hält, in den Irak einzumarschieren. Also habe ich ihn ganz direkt gefragt: „Wenn Sie gewählt werden, bleiben Sie bei Ihrer Meinung?“ Und er sagte: „Ja, das werde ich.“ Das hat er getan. Dafür haben ihn US-Zeitungen als Verräter tituliert. Ich habe mich geschämt, wie für alles, was Bush getan hat. Wir müssen unsere Stimme nutzen. Das ist einer der Gründe, warum ich Rock’n’Roll immer geliebt habe – weil er uns die Möglichkeit gibt, die Leute auf bestimmte Dinge aufmerksam zu machen, Dinge wie Liebe, Sex, Kunst, Poesie. Aber auch auf soziale, politische und menschliche Sachen.

Empfanden Sie es als Genugtuung, vor wenigen Wochen in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen zu werden?

Eigentlich würde ich es vorziehen, wenn der Rock’n’Roll sich nicht selbst mit Preisen auszeichnet. Einfach, weil er eine offene, freie Sache sein sollte – und den Menschen da draußen gehört. Er ist unsere revolutionäre kulturelle Stimme, und ich könnte es nicht ertragen, als beste weibliche Sängerin oder so etwas ausgezeichnet zu werden. Das wäre eine Beleidigung. Aber als ein Teil der Geschichte des Rock’n’Roll anerkannt zu werden, ist eine Ehre.

Das Gespräch führte Marcel Anders.

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