Kultur : Ich hasse, also bin ich

Steffen Richter

über die Rückkehr einer elementaren Gewalt Das nennt man Kontinuität im Wandel: Erst war es die Grotewohl-Villa im Pankower Majakowskiring. Dann folgte der Umzug in die Kulturbrauerei. Und nach einem Zwischenspiel in der Prenzlauer Allee kam im letzten Jahr das Podewil zum Zuge. Keiner soll sagen, die junge Literaturszene sei unbeweglich. Zumindest ihr prominentester „Wanderzirkus“, der von der Literaturwerkstatt ausgerichtete Wettbewerb Open Mike , hat schon wieder sein Domizil gewechselt. Diesmal gastiert er im Kulturhaus WABE (Danziger Str. 101, Prenzlauer Berg).

Am nächsten Wochenende nimmt das gewohnte Procedere seinen Lauf: 18 hoffnungsfrohe Autoren lesen an zwei Tagen (am 12.11. um 14 Uhr und 13.11. um 13 Uhr) aus ihren Texten. Am Ende kürt die Jury – hochkarätig besetzt mit Lutz Seiler, Katja Lange-Müller und Peter Stamm – drei Gewinner. Und weil sich derweil Lektoren, Agenten und Journalisten auf die Füße treten, sind die Namen der Preisträger bald in aller Munde. Mit einem Bein stehen sie im Literaturbetrieb. Wie der sich anfühlt, könnten sie schon am Vorabend des „großen Open Mike Wochenendes“ (also am 11.11., 20 Uhr), in der Literaturwerkstatt erfahren (Kulturbrauerei, Knaackstr. 97, Prenzlauer Berg). Dann nämlich lesen Tilman Rammstedt, Kirsten Fuchs und Kai Weyand, allesamt Preisträger der vergangenen Jahre, aus ihren Büchern und sprechen über ihre Aufnahme im Literaturbetrieb.

Im Ethnologischen Museum ist heute der französische Starpolemiker André Glucksmann zu Gast (19 Uhr 30, Lansstr.8, Dahlem), um aus seinem kontrovers diskutierten Buch vom „Hass“ zu lesen (Nagel und Kimche) und mit seinem Philosophen-Kollegen Peter Bieri zu sprechen. Mit dem Hass sieht Glucksmann derzeit eine „elementare Gewalt“ zurückkehren – in Gestalt von terroristischen Selbstmordattentaten, Fanatismus, Krieg und Massakern. Das Problem mit diesem absoluten, „autonomen“ Gefühl liege darin, dass ihm mit aufklärerischen Kulturtechniken, wie etwa kommunikativem Aushandeln, nicht beizukommen sei. Hass, sagt Glucksmann, kann nur gnadenlos bekämpft werden. Und er nähre sich – seit dem Medea-Mythos bis zu den Kriegen in Tschetschenien und im Irak – vom Rachedurst. Hier gäbe es eine Kontinuität im Wandel. Freilich eine finstere.

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