Kultur : Ich höre einen weißen Porsche

Und aus dem Schnürboden Schweinehälften: Helge Schneiders Bochumer Uraufführung „Mendy – ein Wusical“

Thomas Lackmann

Frühmorgens auf dem Schlachthof, im platten Land vor Duisburg, spielt die zarteste Märchentraumszene dieser seltsamen Ruhrpottgeschichte. Angekettet warten da die Todeskandidaten auf den Schichtbeginn: Zenzi, das Rind mit Nagelbettentzündung, und Lisa, die leergemolkene Muhkuh, das abgewickelte Rennpferd, die Ziege Roland, das Schaf Dolly und Teenager Wendy. Die Kuhhörner sind Croissants, Zensis Euter ist ein Gummihandschuh. Und Lisa singt, („schubidu, bin nur ’ne kleine Muhkuh, so wie du“) den „Muhkuh-Song“. Die anderen raunen swingend den Chorus, auch der Security-Mann. Breitbeinig , sonnenbebrillt, verleiht er der Situation einen KZ-Thriller-Touch, und philosophiert: „Gegen vier fängt hier die Schicht an. Is’ also noch ’ne gute Stunde Zeit. Da kann man noch wat machen. Ach, wisst ihr was? Da machen wir noch mal Licht aus, können wir uns alle noch mal ’n Stündchen aufs Ohr hauen. Da sind wir gestärkt für später. Also dann. Toi, toi toi.“ Wie soll Backfisch Wendy, die es im freiwilligen Tausch für ihr Pferd Mocca an diese Schlachtbank verschlagen hat, hier wieder rauskommen? „Das Schlimmste im Leben", hat Helge Schneider in seinen frühen Komikerjahren gern gesagt, „ist die Pubertät.“

Helge Schneider, mittlerweile vierfacher Vater, anerkannter Dada-Entertainer, Buchautor und Filmemacher, hat ein Musical hergestellt, in dem überhaupt viel gestorben wird. Wendys Vater, den Rollstuhlfahrer, trampeln die Tiere während ihrer Befreiung aus dem brennenden Schlachthof nieder, nachdem der bekennende Porschebesitzer zuvor seine Gattin auf dem Weg ins Amüsierlokal umgenietet hat, welche wiederum mit dem Küchenbeil den stotternden Knecht des Hofes gemetzelt hatte, was zu Entsorgungsproblemen mit der Leiche in den Mülltüten führt. Mocca wiederum, Wendys große Liebe, ist aus Verzweiflung fast von der Ruhrtalbrücke gesprungen, weil der labile Gaul, um einer arroganten Rösser-Clique zu imponieren, seine Reiterin abgeworfen hat. Im Finale gar trifft sich das komplette Ensemble auf einer winzigen, zur Sonne im Wolkenblau steil aufsteigenden Showtreppe (Szenenanweisung: „Irgendwo – vielleicht die Treppe zum Himmel“) und jubelt die transzendierende Schlusshymne: „Du wirst sehn, dieser Weg führt ins Glück.“ Das Schönste im Leben ist gewiss Poesie. Die aber muss dem Regisseur Schneider, dessen Stück von Liebe und Tod handelt, bei den letzten Dingen gleichwohl abhanden gekommen sein.

Helge Schneider, den seine Bewunderer mit dem skurrilen Tragikomiker Karl Valentin, aber auch mit dem Blödelstar Heinz Erhardt vergleichen, verdichtet Alltagsprosa gewöhnlich treffsicher-lakonisch zu Kalauerlyrik. Für sein Werk „Mendy - das Wusical“ hat er, außer der Musik, mit Coautorin Andrea Schumacher das Libretto verfasst. Das Stück persifliert Krimi, Oper, Sozialdrama, Vorabend-Soap, Fernsehshow und Ethno-Kabarett unter Verwendung von Trash-ComedyElementen. „Ich höre einen weißen Porsche“, sagt der Knecht beim Sex mit Wendys Mutter. „Na toll“, sagt Wendys Vater im Rollstuhl, als ihm in der blutigen Küche die Leiche des Knechts den Weg versperrt. „Ich bin es leid, in einem Wendehammer zu wohnen!“ schreit Wendys Mutter. Die Autoren überhöhen ihre Persiflage, in den guten Passagen, zur spezifischen Schneider-Groteske der versandenden Witze, der abstürzenden Gedanken und zerbrochenen Idiome.

Doch diese Überhöhung muss Regisseur Schneider nun einem Apparat anvertrauen, den er selbst on stage nicht mehr kontrollieren wird: Für die Entwicklung seines Oeuvres ist das ein Einschnitt. Schon als der Alleinunterhalter vor Jahren begann, sich zur Realisierung expandierender Projekte einer Bigband oder einer Filmcrew zu bedienen, erklangen solche Zweifel. Damals schaffte er es, auch innerhalb komplexerer Produktionsstrukturen, und obwohl eine wachsende Fangemeinde vor allem das Recycling infantiler Kult-Hits („Katzeklo“, „Möhrchen“) erwartet, als Meister des improvisierten Missverständnisses seine egomanische Gratwanderung fortzusetzen: zwischen Affirmations-Verweigerung und komischem Kalkül.

Jetzt aber übernimmt ein Stadttheater das Schneider-Produkt – und selbst die PowerSchauspielerin des Abends, Martina Eitner-Acheampong, bedient als Cartoon-Figur Mama eher Holzhammer-Gags als Schneiders implodierende Fragilität. Julie Bräunings kitschige Wendy, Bernd Rademachers Weichei-Papa, André Meyer als schnaubender dürrer Mocca-Gaul und Franz Xaver Zach als höhnisches Chefpferd spielen handfest Klamotte, ob sie piepsen oder schmettern. Aber da ihre Vorlage vom Kleinkunstsurrealisten Schneider stammt, wirkt das Ergebnis oft wuselig: wie halbfertiges Off-Theater.

Von anderen Lachfabrikaten und von der Tabu-Verwurstung à la Raab & Co unterscheidet sich dieses Schneider-Produkt ohne Helge live am deutlichsten, wo Schneiders Poesie doch noch eine Chance erhält: wenn das Jazz-Trio in Jockeykleidung cool oder atonal oder mit rasanter Slapstick-Untermalung die Szene aufmischt, we+nn die Pferdedarsteller zaghaft-vergnügte Tanzschritte wagen, wenn die Detail-Verücktheit des Bühnenbilds (Volker Hintermeier) zur Geltung kommt: der rotbebirnte Showbühnenrahmen mit dem sich drehenden „W/M“ von „ENDY“; der Schlachthof mit Schweinehälften, die wie Punchingsäcke herabschweben.

Das Schönste an der pubertären Poesie sind die Pickel; jedenfalls bei Helge Schneider, diesem harmoniesüchtigen Dissidenten, der das eigene Scheitern künstlerisch perfektioniert. In „Mendy – das Wusical“ rezitiert er einmal, vom eingespielten Band, einen sozialpädagogischen Text: „Autonomie ist ein ganzheitlicher Zustand, in dem sich die Fähigkeit verwirklicht, im Einklang mit den eigenen Bedürfnissen und Gefühlen zu leben“(Arno Gruen). Der Die-Welt-bin-ich-Entertainer lässt sich auf die Gesellschaft in Form des Stadttheaters ein – und überwindet dabei, durch seine emphatischen Schlusshymne, die ganze deutsche Misere: „Komm mach mit! Sei dabei. Bei uns ist niemand mehr dem andren einerlei! Gib dir heute einen Ruck!“ Die Initiative eines obsessiven Individualisten gegen den Reformstau: Schlachtung missglückt, Wurstfabrik abgebrannt. Na toll.

Wieder am 19., 20., 25. und 29. April.

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