Kultur : Ich, ich, ich

Ein Almanach zu Andy Warhol

Bernhard Schulz

Über Warhol ist alles bekannt. Alles? Vielleicht nicht ganz. Zumindest interessiert Warhols Werk immer wieder aufs Neue. So kam denn auch die Ausstellung zustande, die jüngst im Stedelijk Museum Amsterdam zu sehen war und nun ins Stockholmer Moderna Museet weitergewandert ist, dorthin also, wo Warhol vor exakt 40 Jahren seine erste europäische Ausstellung hatte. Der jetzige Katalog ist eine eigenständige Publikation, ein Warhol-Almanach, der dem unerschöpflichen Schaffensdrang des 1987 verstorbenen Künstlers aufs Beste entspricht. Das von der Kölner Kuratorin Eva Meyer-Hermann herausgegebene und jüngst in Berlin vorgestellte Buch ist informativ und unterhaltsam, vor allem aber eine Alternative zu den zahllosen coffeetable books, die Warhols Erbe ausschlachten.

„A Guide to 706 Items in 2 Hours 56 Minutes“ heißt der Untertitel, und die Berechnung nach Minuten liefert die eigenwillige Paginierung des Buches: eine Minute pro Seite. So viel braucht es nicht immer, manchmal aber schon – so beim legendären Interview von 1966, aus dem die zu Tode zitierte Sätze stammen wie: „Just look at the surface. There’s nothing behind it.“ Stammen sie eben nicht: Es sind brillante Zusammenfassungen der Interviewerin Gretchen Berg, deren Arbeitsweise Vorbild wurde für Warhol selbst. Und zuvor, auf Seite „00:55:00“, heißt es, dass Warhols Nachruhm ganz wesentlich auf seinem Talent zur unermüdlichen Selbstdarstellung, ja mehr noch Selbstkonstruktion beruht. Sein Ego, das er mediengerecht und zugleich medienüberwältigend zur Schau stellte, überstrahlt das Werk, mag es auch – wie das Buch aufzählt – in (mindestens) 33 Kategorien aufzudröseln sein und vom Gemälde bis zum Video, von der Tapete bis zum Polaroid reichen. Nach rundgerechnet 2 Stunden 56 Minuten begreift man, dass Warhols Werke tatsächlich nur Oberfläche sind: Dahinter steckt immer und ausschließlich das Kunstprodukt Andy Warhol. So ist das Buch die ideale Ergänzung zu Warhols Endlosgeplauder in Buchform, „The Philosophy of Andy Warhol“: Auch das handelt von nichts anderem als dem Alltag des Autors, der sich selbst das ganze Universum war. Bernhard Schulz

Eva Meyer-Hermann: Andy Warhol. NAi Publishers, Rotterdam 2007, im deutschen Buchhandel 37 Euro.

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