Kultur : Ich. Ich. Ich!

„Selbst“ in Hamburg: Ausstellungen über das Ego haben Konjunktur. Doch hinter allen Selbstporträts verbirgt sich die Leere

Thomas Eller

„Ich ist etwas Anderes“: Das abgewandelte Rimbaud-Zitat war der Titel einer Ausstellung in der Düsseldorfer Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen im Jahr 2000. Im Nachhinein erweist sie sich als kulturelle Demarkation der Jahrtausendwende. Waren die Neunzigerjahre in der Kunst noch hauptsächlich mit Themen aus dem sozialen Bereich besetzt, häufen sich in letzter Zeit Ausstellungen, die sich mit künstlerischer Selbstvergewisserung beschäftigen. 2003 etwa präsentierte das Duisburger Lehmbruck-Museum eine große Ausstellung zu „Taktiken des Ego“, das Herzog Anton Ulrich-Museum in Braunschweig zeigte zu Jahresbeginn „Neue Ansichten vom Ich“, und in Hannover sind noch immer Selbstporträts von Andy Warhol zu sehen.

In Hamburg gibt es gegenwärtig gleich vier Ausstellungen zum Thema „Selbst“: im Harburger Kunstverein, in der Hamburger Kunsthalle (Einzelpräsentation von Lovis Corinth und Horst Janssen) sowie in der benachbarten Galerie der Gegenwart, wo Kurator Matthias Mühling die verschiedenen Aspekte künstlerischer Selbstinszenierungen zwischen Eros und Thanatos zusammengetragen hat. Hier erscheint das „Selbst“ in fein geschliffene Themenkreise unterteilt, die sich sowohl in der Kunstgeschichte als auch in der Gegenwart verankern lassen. Verblüffend nahe wirken da die Selbstinszenierungen von Rembrandt auf kleinen Radierungen zu den Ego-Trips von Jeff Koons auf riesigen Plakaten und Arnulf Rainers Automatenfotos. Als ob in der Zwischenzeit nicht 400 Jahre vergangen wären, wird beim Betrachten klar, dass es sich um dieselben Haltungen, dieselben Künstlertypen handelt. Es sind die menschlichen Begierden und die daraus resultierenden Konflikte, die auf der Bühne des Selbst ausgetragen werden.

Und weil man sich am häufigsten selbst thematisiert im Moment der Krise, überwiegt das Leiden in den meisten Werken. Die Geschlechterspannung ist dabei die ergiebigste Quelle. Der Amerikaner Jeff Koons hat hier die Grenzen in Richtung Pornografie verschoben, indem er sich mit seiner Muse Ilona Staller, dem Kurvenstar Cicciolina, in höchst eindeutigen Posen inszenierte. Marina Abramovic und ihr Partner Ulay hingegen ohrfeigten sich als Kunstaktion, bis einer von beiden aufgeben musste. Nan Goldin projiziert zum Soundtrack „All by Myself“ 89 Bilder ihrer sexuellen Biografie.

Viele Künstler benutzen diese Grenzüberschreitungen in ihrem Werk als Techniken der Selbsterfahrung. Die Travestien von Urs Lüthi, Jürgen Klauke und Andy Warhol wirken jedoch in ihrer Ambivalenz kalkuliert. Ob sie Wege aus dem Dilemma weisen, bleibt fragwürdig. Am ehesten scheint ein Schweben zwischen beiden Geschlechtsidentitäten möglich, wie es sich in einem frühen Selbstporträt von Richard Prince ausdrückt.

Am Ende steht der Tod, dem sich sogar Martin Kippenberger stellt, der sonst jedem Thema mit Zynismus ausweichen konnte. Seine ein Jahr vor seinem Tod entstandenen Lithographien „Floß der Medusa“ geben einen erschütternden Einblick in die Seele des Künstlers, der seine eigene Sterblichkeit anerkennen muss. Und doch ist der Tod nicht das Ende aller Rollenspiele, wie Ene-Liis Semper und Erik Schmidt bezeugen. Überhaupt Rollenspiele – die Fotografin Cindy Sherman darf hier natürlich nicht fehlen, galt sie in den Achtzigerjahren noch als Vorreiterin der Auflösung von Identität, wurde sie in den Neunzigern zur Projektionsfigur einer Debatte über gender studies. Unter der Maske findet man wieder nur eine weitere Maske, schreibt Kurator Mühling im Katalog. Fragt sich nur: Was ist denn nun das Selbst, das sich porträtiert?

Authentizität, Autorschaft, Autobiografie, Politik und der Körper als Material – diese Themen werden an Künstlern wie Bruce Nauman, Vito Acconci, Hannah Wilke, Eleanor Antin durchdekliniert. Der Ausstellung gelingt es hier, die Konstruktionen des Selbst an die Oberflächen der Bilder zu holen. Seltsam in der Luft hängt jedoch die Erkenntnis, dass das Ich in einer dekonstruktivistischen Betrachtung vollkommen gegenstandslos wird. Mittels eines Nietzsche-Zitats wird erklärt, dass das Ich zum Wortspiel geworden sei und die Antwort des Künstlers darauf sei eine „verschärfte“ Inszenierung des Ichs: „Der Künstler stellt sich nicht mehr dem Spiel der Zeichen zur Verfügung, sondern nimmt es entschlossen in die Hände, das Bild seiner selbst nach seinem Willen zu gestalten." Das ist reines Wunschdenken der Ausstellungsmacher. Denn gerade die jüngeren gezeigten Künstler reflektieren ihre Rolle lediglich innerhalb des Sozialkosmos Kunst, wie Olga Lewicka mit ihrer Arbeit „Star“. Sie bleiben dabei abhängig vom jeweiligen Referenzsystem, in das sie sich begeben. Dabei aber verwischt sich jegliche Differenz zwischen dem Ich und dem Selbst, deren Unterscheidung man bei Nietzsche gut hätte nachlesen können – von der Verwechslung von (Künstler-)Person und Bild ganz zu schweigen. Unter den präsentierten Positionen findet sich keine, die ein neues Verständnis für eines der beiden Konzepte – Ich oder Selbst – vorschlüge. Was wir sehen ist Rückzug: Cindy Sherman ins Rollenspiel, Christian Boltanski in die Fiktionalisierung der Biografien. Die Ausstellung berichtet von der Krise des Subjekts, wie es die Renaissance einst propagierte, als sie das Künstler-Ich entdeckte. Dass dieses Modell nicht mehr funktioniert, wird paradoxerweise gerade durch die Popularität solcher Ausstellungen zum Thema „Ich“ deutlich. Immerhin ist die Erkenntnis zu gewinnen, dass auch die Künstler diese Krise nicht bewältigt bekommen. Ein zweiter Verdacht macht sich außerdem breit: Könnte es sein, dass sich die Beschäftigung mit „unserer“ Identität nur komplementär zu unserem Engagement für die „Anderen“ verhält?

„Ich ist etwas Anderes“, behauptete die Düsseldorfer Ausstellung damals. Was aber, wenn das „Ich“ das „Andere“ ist, wenn also beide identisch sind und das eine die Funktion des anderen übernimmt, wie dieser Satz impliziert – gilt dann auch der Umkehrschluss, dass die anderen „Ich“ sind? Die Verve, mit der die Diskussionen um Minderheiten, Migranten, Globalisierungsopfer geführt werden, lässt zumindest auf ein hohes Maß an Identifikation schließen. Der Verdacht liegt also nahe, dass unsere intensive Beschäftigung mit den „Anderen“ nur das Fehlen eines Modells unserer selbst verbergen soll. Ähnlich könnte es sich mit der Urbanismus-Debatte verhalten, die letztlich ausblenden soll, dass wir nirgendwo zu Hause sind?

Am Ende steht die Frage: Können wir es akzeptieren, dass sich in unserem Mittelpunkt schon immer eine Leere befand, ohne nach neuen Werten und alten Göttern zu rufen? Und geht das, ohne ein neues Modell des „Ich“ oder „Selbst“ zu entwickeln? Oder anders, mit Nietzsche gefragt: Wie kann man statt „Ich“ zu sagen, „Ich“ tun? Jenseits der Befindlichkeiten und Nabelschauen gibt es noch eine Welt. „Höre auf, dich etwas anzugehen!“ lautete Nietzsches Rat. Das wird schwierig. Der Selbstporträt-Boom zeugt von diesem Dilemma.

Kunsthalle Hamburg, Galerie der Gegenwart, bis 27. Februar; Katalog 8 Euro.

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