Kultur : Ich ist ein anderer

MORITZ MÜLLER-WIRTH

Im samtroten Berliner Ensemble, kurz vor dessen Schließung.Ein feierlicher Moment.Es gilt, den 90.Geburtstag von Marianne Hoppe zu feiern.Unter den Gratulanten: Schlöndorff, Schmidinger, Schröter, Rühle, Rinke, Nicole Heesters, als Stimme aus dem Off: Robert Wilson.Dann - von rechts außen - erklimmt mit behendem Satz auch der Staat die Bühne."Sie kennen mich vermutlich nicht, aber ich kenne Sie", leitet der Staat seine Gratulationsrede ein.Dann sagt der Staat: "Ich bin der Staat." Daraufhin blickt Michael Naumann, der Freund der Dichter, ins Publikum, sehnsüchtig - so, als erhoffe er sich aus dem vollbesetzten Parkett die Absolution: Nein, du bist nicht der Staat, du bist einer von uns.Der Saal aber schweigt unbarmherzig.Der Staat fährt dann fort: "Sie verkörpern, Marianne Hoppe, als Schauspielerin diese Sehnsucht in uns allen, plötzlich das Leben zu ändern, einfach alles anders zu machen." Es folgt ein Rimbaud-Zitat, versehentlich Beckett zugeordnet: "Ich ist ein anderer." Beifall.Der Staat setzt sich.Die Kultur nimmt wieder das Wort.Schön, daß der Staatsminister gesprochen hat, hört man nachher auf dem Geburtstagsempfang bei Rotkäppchen-Sekt.Schön, daß der Staat so schön sprechen kann.Eigentlich hatte an diesem Abend aber der Staat gar nicht gesprochen.Auch der Kulturstaatsminister hat eigentlich nicht gesprochen.Es sprach Michael Naumann, zu Marianne Hoppe, über das Theater, den Film und ein bißchen auch über sich.

Seit einigen Wochen steht der Gemütszustand des Kulturstaatsministers im Bundeskanzleramt unter besonderer Beobachtung.Dies hängt vor allem mit jenem Thema zusammen, das Naumann vom Anbeginn seines politischen Wirkens zu seinem Thema gemacht hat: das "Denkmal für die ermordeten Juden Europas" in Berlin.Kaum ernannt, gibt Naumann als Wahlkämpfer und Sprach-Matador der Mahnmal-Debatte einen neuen Rhythmus vor: ein Denkmal als Kompensation der Schuld für die Verbrechen des Holocaust? Nicht mit mir, sagt Naumann, der politische Quereinsteiger.Die vorliegenden Entwürfe? Zu monumental.Die Öffentlichkeit, die zunächst das kometenhafte Aufscheinen des polyglotten Verlegers mit Ovationen begleitet hatte, reagiert verstört: Zehn Debattenjahre, hinweggefegt von einem einzigen Interview? Daraufhin drosselt Naumann, mittlerweile Neu-Minister, das Tempo ein wenig: Denkmal, na gut, aber nicht so.Sein Vorschlag: Der Stelenwald des amerikanischen Architekten Peter Eisenman, durch Reduktion in seiner Wucht reduziert, dafür ergänzt durch didaktische Elemente: Bibliothek, Forschungszentrum, die Videobänder aus Steven Spielbergs Shoah-Foundation, außerdem Zusammenarbeit mit renommierten Forschungsstätten wie dem Leo-Baeck-Institut.Obwohl gezielte Indiskretionen dem Neu-Politiker bisweilen das Leben schwer machen: Naumann mitsamt seiner Mahnmal-Idee scheint vorübergehend nicht mehr aufzuhalten.Wer wagt, nach dem Mahnmal-Sinneswandel vom kategorischen "Nein" über das "Ja, aber" hin zum "Ja" zu fragen, erhält die denkbar souveränste Antwort."Ich habe dazugelernt", sagt der Minister und lächelt.

Das fällt nicht schwer, hatte Naumann doch mittlerweile namhafte Mitstreiter gewonnen.Mahnmal-Architekt Eisenman, dessen Entwurf inzwischen faktisch als Sieger des letzten Wettbewerbs feststeht, will sein Konzept auf die Umbaupläne des Ministers ausrichten.Michael S.Blumenthal, der Direktor des Jüdischen Museums in Berlin, der augenblicklich einflußreichste Mittler in deutsch-jüdischen Kulturfragen, signalisiert seine Zustimmung.Mehr noch, er bietet eine Zusammenwirkung seines Museums mit dem von Naumann vorgesehenen "Haus der Erinnerung" an.Blumenthal, Eisenman, Spielberg, nicht zu vergessen Freund Gerd, der Bundeskanzler: Naumann, das ist zu diesem Zeitpunkt - trotz vereinzelt polemisch-scharfer Kritik - der dominierende Eindruck, hat als stil- und wortsicherer Moderator die zerfasernde Diskussion endlich gebündelt und - mit der Autorität von Amt und Auftreten - nach zehn Jahren dem scheinbar einzig sinnvollen Ergebnis zugeführt.Er selber glaubt, dafür die wichtigsten Unterstützer hinter sich versammelt zu haben.Ein Irrtum.

Dieser folgenschweren Fehleinschätzung ist es zuzuschreiben, daß sich das Kräfteverhältnis zwischen dem Matador und seinem Schicksals-Thema rasch wandelt.Wo anfangs der Minister die Debatte vorantrieb, hat diese sich nun des Ministers bemächtigt.Was nicht ohne Auswirkung auf dessen Gemütszustand bleibt.Festzumachen ist dies an den beiden vom Kulturausschuß des Bundestages organisierten parlamentarischen Anhörungen.Anhörung Nummer eins findet in Bonn statt, in den Räumen des ehemaligen Wasserwerks, einst Übergangsrefugium für das Hohe Haus.Leicht erhöht, auf dem Präsidentenplatz, sitzt, man kann schon fast sagen: thront, Elke Leonhard, die Gastgeberin, Ausschußvorsitzende und wie Naumann Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands.Der Minister selbst darf, ganz links außen plaziert, gegen Ende der Aussprache und sichtlich entnervt, in einer kurzen Rede seine Argumente für das Konzept "Eisenman plus" darlegen.Spätestens in diesem Moment dürfte Michael Naumann klar gewesen sein, daß diejenigen, die er zu überzeugen hat, schon eine ganze Weile nicht mehr Blumenthal, Eisenman, Spielberg oder Schröder heißen, sondern unter anderem Leonhard, Weisskirchen, Lammert, Griefahn, Otto, Steinbach oder Koschyk: Abgeordnete, Mitglieder des Kulturausschusses.Die bittere Erkenntnis: Keiner der neuen Widersacher dreht am großen intellektuellen deutsch-jüdisch-amerikanischen Rad, ohne sie wird jedoch im Parlament die notwendige Mehrheit nicht zustandekommen.Bei der zweiten Anhörung fehlt Naumann.Ein bemerkenswerter Umstand, zumal lange bekannt war, daß der Minister zu diesem Zeitpunkt auf europäischer Ebene zu agieren hatte.Ein Befürworter seiner Position wird unter den "Sachverständigen" nicht gesichtet.

An jenem 20.April hätte Michael Naumann vermutlich wirklich am liebsten hingeschmissen, sich vielleicht in ein Flugzeug in Richtung des geliebten New York gesetzt und dort gewartet, bis, sagen wir, ihm das Amt des ersten europäischen Kulturministers angetragen wird.Ausgebremst in den Niederungen parlamentarischer Ränkespiele, vermeintlich verlassen von der SPD, "meiner Partei", düpiert vom Kulturausschuß, "den es ohne mich gar nicht geben würde": das "So nicht mit mir" steht für kurze Zeit im Raum.Doch die Wogen glätten sich bald.Naumann bleibt und zitiert statt dessen, nicht eben vieldeutig, unter Vertrauten ein altes Naumann-Wort aus den ersten Tagen seiner Politiker-Karriere: Wer quer einsteigt, kann auch quer wieder aussteigen.

An diesem Freitag sollte nun im Deutschen Bundestag die erste Debatte über das geplante Denkmal für die ermordeten Juden Europas stattfinden.Eine Stunde, eventuell erst am Nachmittag, zusammen mit dem "Staatsbürgerschaftsrecht", im Anschluß an die große Haushaltsdebatte, vermutlich vor halbleerem Plenum, mit absurd komprimierten Redezeiten - das war der Plan.Wer auch immer sich das ausgedacht haben mag.Was zählt ist, daß dies mit vereinten Kräften eben noch verhindert werden konnte.

Jetzt werden die Anträge zunächst ohne Aussprache an den Kulturausschuß überwiesen.Wahrscheinlich sind es letztlich zwei Varianten, die am 25.Juni nach einer großen Aussprache zur Abstimmung ohne Fraktionszwang vorliegen werden: Eisenmans wie auch immer um didaktische Elemente ergänzter Stelenwald und Richard Schröders Vorschlag, einen Obelisken mit der Inschrift "Du sollst nicht morden" zu errichten.Die bis dahin verbleibenden knapp zwei Monate könnten indes für das Ergebnis der Debatte von entscheidender Bedeutung sein.Es werden nicht nur die einzelnen Vorschläge besser vorbereitet sein, dann wird sich auch das Verhältnis zwischen dem Kulturstaatsminister und seiner Partei in wichtigen Punkten weiterentwickelt haben.In der SPD-Fraktion jedenfalls setzt sich langsam die Erkenntnis durch, daß eine Kraftprobe mit Naumann ausgerechnet aus Anlaß eines Konflikts über das Mahnmal eher auf das Gesamtbild der Partei und nicht so sehr auf das für die Ortsverein-gestählten Freunde gelegentlich gewöhnungsbedürftige Verhalten des Ministers zurückfiele.Und auch der Staatsminister selbst spürt, daß der Denkmal-Disput sich nicht für ein ansonsten zweifellos unterhaltsames Kräftemessen zwischen dem freigeistigen Quereinsteiger und dem Genossen Tradition eignet.

Michael Naumann hat auf dem schmalen Grad zwischen Ironie und Fatalismus ("Ich bin der Staat!") wandelnd, vor einigen Monaten einmal bekannt: "Das Mahnmal ist mein Schicksal." Inzwischen hört sich das etwas anders an: "Auch wenn mein Vorschlag keine Mehrheit findet, ist dies kein Grund, mich aus dem politischen Leben zurückzuziehen." Warum auch? Wenn es gelänge, parteiübergreifend einen Bundestagsbeschluß herbeizuführen und dann mit der Realisierung im Zentrum der Hauptstadt zügig zu beginnen, wäre dies zweifellos auch der Erfolg Naumanns, des Ministers.Und Naumann, der Melancholiker, hätte dabei von Naumann, dem Realpolitiker, auch noch etwas dazugelernt - man sollte vielleicht besser sagen: dazugelitten.

Am Morgen nach dem Hoppe-Geburtstag sollte übrigens in einer großen deutschen Tageszeitung zu lesen sein, der Staatsminister für Kultur habe in einem Brief an Abgeordnete seiner Fraktion eine weitere Variante für das in Berlin geplante Holocaust-Denkmal vorgeschlagen.Der kurze Beitrag wird die Überschrift "Eisenman IV?" tragen.Fast beiläufig und erneut höchst verärgert über die "abenteuerliche Indiskretion" kündigt Naumann beim Verlassen des Berliner Ensembles die Fundsache der Kollegen an: Die Idee sei, nahezu den gesamten didaktischen Bereich unter die Erde zu verlegen.Ein weiterer, gar fauler Kompromiß? Ein Friedensangebot an die Genossen? Es geht um die Sache, sagt Naumann, der Minister.Dann verläßt Naumann, der Freund der Dichter, zu vorgerückter Stunde bei bester Laune mit dem Essayisten und Ex-Intendanten Ivan Nagel die einstige Brechtbühne, um sich "über Theaterfragen" auszutauschen.

Der Dichter Rimbaud, übrigens, hat sein künstlerisches Schaffen nach wenigen Jahren abrupt eingestellt - und sich in den Dienst der Fremdenlegion begeben.

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