Kultur : Ich ist eine Andere - Irene Andessners Selbstporträts

Moritz Schuller

Die Bilder sind aufwendig wie die Werbekästen am Flughafen. Satte Farben auf Plexiglas, großformatig und glänzend von hinten erleuchtet, und wie immer in der Werbung: eine nackte Frau im Pool. Doch nicht erotisch verdecken die Wellen ihre Brüste und auch ihr Kopf ist nicht verführerisch abgewendet. Die Badende in Irene Andessners Leuchtkasten "Wasserfest 3" wirbt für nichts, nicht einmal für sich selbst - sie zeigt alles, nur sich nicht.

Auch die anderen Bilder und Installationen der österreichischen Künstlerin, die zur Zeit im Podewil ausgestellt sind, entziehen dem Porträt das Gesicht. Die Badende taucht, hockt unter Wasser, krault, doch Körper und Gesicht bleiben hinter Wellen und Blasen verborgen. Seit zehn Jahren arbeitet Andessner an "einer zeitgenössischen Neubestimmung des Genres Selbstporträt". Es geht dabei um eine ironische Reduktion des Abbildungsporträts, das Brechen des traditionellen Blicks auf ein Gesicht.

In der Installation "Vorbilder 1" bricht Andessner diesen Blick gleichsam multimedial und über Jahrhunderte der Kunstgeschichte hinweg. Ausgangspunkt dieser fiktiven Porträtgeschichte ist die Kopie eines 1554 entstandenen Selbst-Bildnisses von Sofonisba Anquissola, das von einem Videobeamer auf die Gegenwand geworfen, sich zum Porträt einer fremden Frau, zum Selbstporträt der Künstlerin verwandelt. Hochgeknöpft streng wie die Malerin aus dem 16. Jahrhundert zeigt sich ein neuer Frauenkopf, in der Hand noch die Malpalette. Das Porträt wird zum Puzzle, hier Anquissola, dort Andessner. Was Andessner zu sehen gibt, schreibt Peter Sloterdijk, "bildet eine Folge von Vor-Gesichtern oder Gesichtsvorstufen", die auf "die Wiedererhebung in den Rang des vollen Frauenantlitzes warten."Podewil, Klosterstraße 68-70 (Mitte), bis 29. Januar, Mo-Sa 12 bis 20 Uhr

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben