Kultur : Ich ist eine Gegenstimme

Marcel Beyer schrieb für die Video-Oper „Interzone“ sein erstes Libretto – Uraufführung bei den Berliner Festspielen

Frederik Hanssen

Wer in Marcel Beyers Dresdner Wohnung die Schallplattensammlung bestaunt und ihn fragt, welche Musik er denn vor allem schätze, bekommt eine überraschende Antwort: „Tanzmusik.“ Wie bitte? Tango, Walzer, Disco-Hits? Nein, der Schriftsteller unterscheidet nur zwischen zwei Stilrichtungen: Tanzmusik und Sitzmusik. Für Letztere stünden beispielsweise die Scorpions. „Deren CDs sind für Leute gemacht, die Dolby-Surround-Anlagen besitzen, sich im Wohnzimmer zwischen den Boxen auf’s Sofa setzen und dann nicht mehr vom Fleck rühren.“

Marcel Beyer interessiert sich für Stücke, die den Hörer zur Bewegung verführen. Black Music vor allem. Jetzt allerdings hat sich der 39-jährige Autor auf ein Abenteuer eingelassen: Im Auftrag der Berliner Festspiele entstand das Libretto für die Eröffnungs-Uraufführung der diesjährigen Festwochen, „Interzone“, ein Video-Musiktheaterabend frei nach William S. Burroughs, in Töne gefasst von Enno Poppe. Echte Sitzmusik also.

Bei dem Projekt war Beyer jedoch kein reiner Textlieferant nach dem Modell der klassischen Oper, bei dem die Komponisten vom Librettisten vor allem vertonbares Material abforderten. „Von Anfang an haben Enno Poppe und ich eng zusammengearbeitet und die Struktur gemeinsam entwickelt.“ Dass ihn Töne interessieren, weiß man seit „Flughunde“, dem Roman über die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs, mit dem Marcel Beyer bekannt wurde. Der Plot: Funker nimmt Röcheln der Gefallenen auf.

Zwei Jahre dauerte die Entstehung von Poppes und Beyers Werk; mit der fertigen Ton-Text-Partitur ging die Filmkünstlerin Anne Quirynen dann ins Studio, um dazu ihre Videoinstallation zu erarbeiten. Hat Marcel Beyer keine Angst davor, dass sich während der Aufführung die Optik in den Vordergrund drängt? Schon bei der traditionellen Oper dominiert stets die Szene gegenüber der Musik. Der Text steht in der Wahrnehmungshierarchie erst an dritter Stelle. Wie wird es dann erst, wenn ab Donnerstag im Haus der Festspiele in der Schaperstraße das Publikum mit einem „Bühnenbild“ aus Monitoren konfrontiert wird?

Beyer bleibt da ganz locker. Beim Schreiben des Textes ging es ihm gar nicht um Erzählstrukturen oder um eine konkrete Geschichte, die nachvollzogen werden soll. Bei den Beyer/Burroughs-Gedichten sind vielmehr akustische Stimmungen entscheidend. Mit Enno Poppe hat er viel darüber diskutiert, wie der Text klingen soll, wie viele Silben die Verse haben sollten, bis hin zu Detailfragen: Wo sind eher harte, wo eher weiche Konsonanten? „Durch dieses Interesse seitens des Komponisten fühle ich mich besser behandelt, als wenn der Hörer am Ende jedes einzelne Wort verstehen kann.“ Schließlich versteht man bei Burroughs auch nie alles.

Den amerikanischen Schriftsteller hat Beyer schon früh für sich entdeckt, hat Texte von ihm ins Deutsche übertragen, wollte sogar seine Doktorarbeit über Burroughs schreiben. Klar war von Anfang an, dass für das Musiktheaterprojekt keine biografische Skizze entstehen sollte. Als Enno Poppe „Interzone“, eine Vorstufe des „Naked Lunch“-Romans von 1959, als Textgrundlage vorschlug, las sich Beyer noch einmal durch Burroughs Gesamtwerk. Und entdeckte dabei eine Seite des Autors, die ihm früher nicht so aufgefallen war.

Neben den Ausbrüchen, den Beschwörungen und den verbalen Eruptionen spürte er Melancholie, „eine zunächst untergründige, im Alter immer klarer herauszuhörende Melancholie“. Statt die typischen Junkie-Outlaw-Weltverschwörungs-Klischees herunterzubeten, ließen sich der Komponist und sein Dichter von einzelnen Sätzen inspirieren, destillierten gemeinsam Szenarien und Motivkreise heraus. So entwickelte sich etwa aus dem letzten Satz des Buchs der gesamte Prolog: „Wie Spanien hänge ich fest in der Vergangenheit.“ Sehr überrascht war Beyer allerdings darüber, wie wenig Text in den einstündigen Abend „passt“: „Zuerst gingen wir davon aus, dass ich ungefähr 40 Seiten liefern sollte. Am Ende waren es nur noch fünf.“

Für einen Schriftsteller, der 90 Prozent seiner Arbeitszeit alleine am Schreibtisch verbringt, brachte das „Interzone“-Projekt auch die Erfahrung eines kollektiven Schaffensprozesses mit sich: „Gemeinschaftsarbeiten sind entweder toll oder der Horror.“ Eine positive Erfahrung: Beyer ließ dafür sogar eine Zeit lang sein aktuelles Romanprojekt liegen. Nach acht Jahren in Dresden will er darin die Summe seiner Beobachtungen bündeln. Weil dabei aber kein „Wessi-Erlebnisbericht“ herauskommen soll, hat er die Figur eines Vogelkundlers im Ruhestand erfunden, der aus der Perspektive des Jahres 1991 auf sein Leben vor und in der DDR zurückblickt.

In „Interzone“ hat Beyer dem Erzähler Gegenstimmen zur Seite gestellt, zwei Soprane, einen Countertenor, eine Altistin und einen Bass, die sich jedoch nicht zu Charakteren verdichten. „Ich finde mich als einziger Mann zwischen lauter Frauen in einer Bingohalle wieder, und es geht mir gut dabei. Alles Hausfrauen, Krankenschwestern oder Rentnerinnen, alle summen einen obskuren Countrysong (’Haben Sie den etwa vergessen?’) während sie darauf warten, dass die Nummern aufgerufen werden.“ Menschen, die sich in ihrem Tun selber beobachten, fand Marcel Beyer schon immer faszinierend.

„Interzone“, Haus der Berliner Festspiele, Schaperstraße 24, Aufführungen am 2., 4. und 5. September, jeweils 20 Uhr

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