Kultur : Ich ist eine Pose

Die Giedre Bartelt Galerie zeigt Aktfotografie aus Litauen

Ronald Berg

Während des Sozialismus gab es in Litauen eine einfache Regel: Fotografische Akte werden nicht gezeigt! Und wenn sie doch einmal in verborgenen Amateurfotoclubs auftauchten, sozusagen als Ventil auf die gesellschaftliche Verklemmtheit in Sachen Sexualität, dann zeigten sie junge, makellose Mädchen. Ihre Körper waren so perfekt, dass sie wie selbstverständlich ins Reich der schönen Künste zu gehören schienen. Tatsächlich sahen die fast ausnahmslos werktätigen Frauen in der baltischen Sowjetrepublik anders aus: so wie Violeta Bubelyte. Vor über zwanzig Jahren fing die damals 25-Jährige an, sich selbst nackt zu fotografieren. Was als ungewöhnliches Unterfangen begann, ist inzwischen eine wohl beispiellose Langzeitbeobachtung des Körpers.

Violeta Bubelyte arbeitet als Fotojournalistin in Wilna und spricht wenig über ihre Selbstporträts, die sie nach einem langen Arbeitstag ohne großen Aufwand zu Hause inszeniert (je 500 Euro). Ihre Fotos seien wie ein Tagebuch, sagt die Künstlerin. Sie wäre auf der Suche nach Bedeutung, nach Gefühlen und innerer Schönheit. Tatsächlich ist es interessanter weniger die Posen, sondern mehr den Lauf der Zeit zu beobachten: Aus einem jungen Wesen wurde eine reife Frau. Der Körper bekam mehr Volumen, die Formen wurden weicher und runder.

In letzter Zeit arbeitet Bubelyte häufig mit Mehrfachbelichtungen. Manchmal scheinen die Nackten dabei in einen Dialog zu treten, manchmal verdoppelt und verdreifacht sich ein und dieselbe Gestalt in gleicher Pose. Doch schon zwischen den einzelnen, nur wenige Sekunden auseinander liegenden Ablichtungen zeigen sich bei genauerer Betrachtung etliche subtile Differenzen.

Diese feinen Unterschiede liefern bereits eine Antwort auf die für Bubelyte so drängende Frage nach der eigenen Identität. Keine ihrer Haltungen und Posen ist mit der anderen identisch. Der Lauf der Zeit verwandelt nicht nur den Körper, sondern auch den inneren Ausdruck, der aus ihm spricht. In jedem Moment ist der Mensch einzigartig und unvergleichlich. Und die Identität, das zeigen diese Fotografien, ist zu allererst ein Bewusstseinsphänomen.

Wie existentiell Bubelytes fotografischer Ansatz ausfällt, kann man im Kontrast zu Remigijus Treigys ermessen, dem zweiten Litauer in der Ausstellung. Auf den kleinformatigen, getönten und mit Kratzern und Dreck behandelten Aktfotos (jedes Unikat 200 Euro), ist der Körper kaum einmal klar zu erkennen. Treigys behandelt ihn genau so wie die Stillleben, die er sonst in Szene setzt. Im Vergleich zu Bubelyte ein Unterschied wie zwischen Leben und Tod.

Giedre Bartelt Galerie, bis 3. Mai; Montag bis Freitag 14–18.30, Sonnabend 11–14 Uhr.

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