Kultur : Ich ist kein anderer

„Der Unbequeme“: ein Günter-Grass-Filmporträt von Nadja Frenz und Sigrun Matthiesen

Gerrit Bartels

Es ist ein merkwürdig nichtssagender Titel, den Nadja Frenz und Sigrun Matthiesen für ihren Film über Günter Grass gewählt haben: „Der Unbequeme“. Nun ja, ist eben der Grass – das weiß man doch, dass der unbequem ist, stachelig, widerborstig, unangepasst und was es sonst noch so an Synonymen gibt. Nur führt dann, und das macht den Titel noch ein bisschen merkwürdiger, sinnentleerter, ihr Günter-Grass-Filmporträt keinen wirklichen Beleg dafür an.

Vielmehr ist es so, dass Grass einmal mehr sich selbst repräsentieren kann: als „Günter Grass“, als fleißiger Künstler, als lebendes Denkmal, dem das immer gleiche politische Engagement in Fleisch und Blut übergegangen ist, ungeachtet der Tatsache, dass die nuller Jahre nicht mehr die sechziger und siebziger Jahre sind. Man sieht Grass bei einer Reise in den Jemen, wo das zwar freundliche, aber doch unbedingte gegenseitige Nichtverstehen zwischen ihm und den Gastgebern ins Auge sticht. Oder bei der Enthüllung einer politisch korrekten Skulptur (Pistole mit Knebel um den Lauf) mit Ex-Kanzler Gerhard Schröder, beim Proben für ein Bühnenprogramm in Paris mit Tochter Helene, bei der konzentrierten Arbeit in seiner Bildhauerwerkstatt. Oder man sieht ihn bei einer Lesung in einer Schule, wo er anschließend Fragen beantwortet. Zum Beispiel, welches Buch er für sein gelungenstes halte: „Der Butt“, sagt er bedächtig, seine Frau Ute aber ermutigt ihn, „Das Treffen in Telgte“ zu nennen.

Frenz und Matthiesen machen es Grass bewusst leicht. Ihnen war daran gelegen, wie sie in einem Begleitinfo zum Film schreiben, „die Vielfalt seiner künstlerischen und politischen Aktivitäten“ zu spiegeln, sie wollten eine Langzeitbeobachtung, „die nicht eingreift, nicht kommentiert und Rücksicht nimmt“. So gibt es in diesem tatsächlich ruhigen, unaufgeregten Film schon gar nichts Neues, aber auch nur wenig Überraschendes über Grass. Schön ehrlich ist, wenn er eingangs zugibt, keine Altersweisheit zu verspüren. Das Alter sei für ihn eher die Wiederholung, das plötzliche, immer wiederkehrende Erinnern von lange zurückliegenden Dingen und Ereignissen. Natürlich denkt man da gleich an die letztjährige Debatte, an Grass’ Autobiografie „Beim Häuten der Zwiebel“ und seine Waffen-SS-Enthüllung. Und natürlich ist diese Debatte Bestandteil dieses Films: zum einen am Schluss, da Grass im Berliner Ensemble bei der Buchvorstellung auf dem Blauen Sofa zu sehen ist. Zum anderen sind Frenz und Matthiesen dabei, als Grass mit den Mitarbeitern seines Verlages berät, wie das Buch vermarktet werden soll. Vor allem Verleger Steidl und die Marketingleute sind es, die einen „Scoop“ landen wollen in Form einer Beilage bei der „FAZ“ oder der „Zeit“, und das dann ja auch getan haben. Grass selbst ist zögerlich. Er glaubt, das Buch allein für sich sprechen lassen zu können.

Vielleicht erklärt sich daraus seine bis heute starrsinnige, uneinsichtige Reaktion auf den Medienwirbel, bis hin zu den Vorwürfen, man wolle ihn mundtot machen. Andererseits: So wie Verleger Steidl ganz richtig sagt, jedes Grass-Buch hätte in den letzten Jahren viel Wirbel entfacht, so sind für Grass die Kritiker schon lange äußerst übelwollende Gesellen. Von „schauerlichen Hinrichtungsversuchen“ sprach er, als Mitte der achtziger Jahre „Die Rättin“ erschien.

Grass ist sich treu und wirklich alles andere als altersweise, was Hans Magnus Enzensberger mit dem treffendsten Satz in diesem Film bestätigt: „Grass ist immer ganz bei sich, er ist authentisch.“ So authentisch, dass zwischen ihm als Privatmann, Künstler und öffentlicher Figur kein noch so dünnes Blatt Papier mehr passt. „Nun soll es genug sein“, beschließt Grass den Film recht barsch. Bezüglich seiner Person, seines weiteren Wirkens ist damit jedoch nicht so bald zu rechnen.

„Der Unbequeme – Der Dichter Günter Grass“. D, 2007. 100 Min. R: Nadja Frenz, Sigrun Matthiesen. In Berlin im Kino Hackesche Höfe.

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