Kultur : „Ich küsse dich vorsichtig und unvorsichtig“

Jahrhundert-Fund in der Garage: Die Berliner Akademie der Künste erhält ein einzigartiges Brecht-Konvolut

Steffen Richter

Es klingt wie im Märchen. Über ein halbes Jahrhundert lagerten in einer Garage am Schweizer Zürichsee etliche Mappen und Ordner mit Briefen und Manuskripten. Insgesamt 2500 Blatt. Dazu Pässe, Scheckhefte und Rechnungen. Ihr Eigentümer, Bertolt Brecht hatte sie dem Schweizer Victor N. Cohen überlassen, als er 1947/48 aus dem amerikanischen Exil zurückkehrte und vor dem Sprung nach Berlin in Zürich Station machte. Dann hat er das enorme Konvolut – einfach vergessen.

Den Teilnachlass, den Kultursenator Thomas Flierl am Dienstag dem BrechtArchiv der Akademie der Künste übergab, kann man nur sensationell nennen. Er stellt die erst vor zwei Jahren angekaufte „Sammlung Renata Mertens-Bertozzi“, die immerhin mit fünfzehn unbekannten Keuner-Geschichten aufwartete, in den Schatten. Damals, so der Direktor des Akademie-Archivs, Wolfgang Trautwein, „wussten und verschwiegen wir“, dass ein noch viel bedeutenderer Fund in der Schweiz wartete. Seit 1998 war die Existenz des Cohen-Nachlasses bekannt. Acht Jahre lang habe man so zäh wie erfolglos über Anwälte mit anonymen Partnern verhandelt. Als der Bestand auf die Brecht-Erben überging, konnte der „bedeutendste Zuwachs seit Gründung des Archivs 1956“ erworben werden. Den Hauptanteil der Kaufsumme, über die Vertraulichkeit vereinbart ist, trägt die Stiftung Deutsche Klassenlotterie, beteiligt sind außerdem die Deutsche Forschungsgemeinschaft und die Akademie der Künste.

Cohen, Sohn sephardischer Juden, die aus der Türkei in die Schweiz eingewandert waren, hatte Brecht in seiner Zürcher Zeit in praktischen Fragen unterstützt. Zudem dürfte Brecht Cohens Nähe zur Arbeiterbewegung interessiert haben. Der Werbefachmann, der später Reklame für Zigaretten machte, schrieb damals für Gewerkschaftszeitungen und entwarf sozialdemokratischeWahlkampagnen. Warum er die Materialien bis zu seinem Tod 1975 nicht öffentlich machte, ist unergründlich. Seine Söhne wussten lediglich, dass es „etwas Schriftliches von Brecht gibt“. Die Dimension war ihnen unklar – bis die Garage geräumt werden musste.

Ans Tageslicht kommen nun vor allem140 von Brecht verfasste und 220 an ihn gerichtete Briefe – Korrespondenzen mit Döblin, Feuchtwanger, Eisler und Dessau, mit Christopher Isherwood und Charles Laughton. Erdmut Wizisla, der Leiter des Brecht-Archivs, steht beglückt vor den „Zeugnissen aus einer Zeit vor dem Weltruhm, der Kanonisierung und Mythenbildung“. Die Dokumente stammen hauptsächlich aus den Jahren des amerikanischen und Schweizer Exils. Der Prosatext „Mein unvergesslichster Charakter“ – ein Seitenstück zum „Arturo Ui“ – erzählt, wie Hitler beim Münchener Hofschauspieler Basil „dramatischen unterricht“ nimmt. In den unveröffentlichten Aufzeichnungen „Was tun mit Deutschland“ klinkt sich Brecht 1944 in die Debatte um die deutsche Nachkriegsgesellschaft ein. KlebeTyposkripte mit handschriftlichen Anmerkungen geben Aufschluss über die Entstehung des „Kaukasischen Kreidekreises“.

Zudem lässt sich Brechts „Strategie der Rückkehr nach Berlin“ rekonstruieren. Er wolle „jede sich darbietende Gelegenheit“ nutzen, „in Europa neues Theater (mit neuen Inhalten) zu machen“, schreibt er 1948 an Herbert Ihering. Man erfährt, dass er vorerst nur einen 6-8-wöchigen Aufenthalt plant und sich sowohl das Deutsche Theater als auch das spätere Berliner Ensemble am Schiffbauerdamm als Spielstätte vorstellen kann.

Auch über Brechts finanzielle Situation erteilt das Material Auskunft. Zum einen erhält er von der dänischen Schriftstellerin Karin Michaelis für Hauskauf, Amerikareise und Unterhalt eine opulente Summe. Zum anderen gehen von der Adresse Brecht/Weigel, 1063 26th Street, Santa Monica, Calif. zahllose C.A.R.E.-Pakete an Suhrkamp, Kantorowicz und unbekannte Naziopfer ab. In einem interessanten Dankesbrief spricht Anna Seghers offen von ihrer Skepsis hinsichtlich des ostdeutschen Neuanfangs, der „Schwung“ käme ihr abhanden.

Berührend sind nicht zuletzt die 36 privaten Briefe, die Brecht an Helene Weigel schreibt. In ihrer Zärtlichkeit – „ich küsse dich vorsichtig und unvorsichtig, sorgfältig und flüchtig, schnell und langsam, heli“ – erinnern sie an frühe Lyrik. Dass die Dichtung des Revolutionstrompeters von Augsburg „leidende Empfindung in der scheinbaren Härte“ birgt, bezeugt ein erschütternder Brief Heinrich Manns.

Anfang Mai wird man die neuen Bestände des Archivs einsehen und nutzen können. Zuvor präsentiert die Akademie der Künste die „Sammlung Victor N. Cohen“ erstmals öffentlich in ihrer „Langen Brecht Nacht“ am 29. April. Brief-Editionen sind noch in diesem Jahr geplant, die Berliner und Frankfurter Brecht-Ausgabe werden ebenso ergänzt werden müssen wie Werner Hechts verdienstvolle „Brecht Chronik“. Der Glaube, in seinem 50. Todesjahr alles über den Klassiker zu wissen, war jedenfalls ein Irrtum.

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