Kultur : Ich lebe in meiner eigenen Welt

Sigmar Polkes „History of Everything“ in der Tate Modern London zeigt den deutschen Künstler als Trivialmythos

Christina Tilmann

Schon beim ersten Bild weiß man, was die Stunde geschlagen hat: „Die Jagd auf die Taliban und Al Qaida“ hat Sigmar Polke sein im Jahr 2002 entstandenes Großformat genannt. Es zeigt, stark gerastert, lila eingetönt und offensichtlich aus einer deutschen Tageszeitung übernommen, eine Grafik, die klarmacht, wie Bildmaterial per Satellit von einem Überwachungsflugzeug zur Bodenstation nach Usbekistan gesendet werden kann. Die Folge: „Innerhalb von 1,5 Sek. treffen die Bilder bei den Befehlshabern ein. Der Gegner kann Sekunden später angegriffen werden.“

Die beiden Reiter in Turban und Burnus, die das Flugzeug wie mit einem Spot-Scheinwerfer eingefangen und als Bilder nach Usbekistan übertragen hat, tauchen in vielen neueren Werken des 62-jährigen Polke auf. Ein Bild weiter sind sie derart aufgerastert, dass man sie kaum noch erkennen kann: zwei unklare schwarze Flecken auf einem fast dekorativ schwarz-weiß gemusterten Grund. Titel: „I Live in My Own World, but Its OK, They Know Me Here“. In „The History Of Everything II“, einer Zwölf-Felder-Anordnung auf durchsichtigem Polyester, ist der Prozess der Verfremdung von der Zeitungsvorlage zum abstrakten Punktraster vorgeführt. Und noch etwas später gibt es ein Bild „War and/or Peace“, in dem Überwachungsflugzeug, Suchscheinwerfer und Reiter in eine weite, wüstenähnliche Landschaft versetzt sind, die Überwachungsabschnitte markieren wie Raster den Weg der Reiter.

Die mittelalterlich anmutenden Taliban-Reiter und die moderne Überwachungs-Technologie: ein Gegensatz, wie man ihn sich stärker nicht denken könnte. Aber einer, der perfekt zu Polkes Ansatz passt: Immer schon verbindet er in seinen Bildern moderne Medienkritik mit historischen Vorlagen – in London lässt er barocke Putti, Delfter Mühlen und mittelalterliche Magier durchs Bild wandern –, und erweckt den Eindruck eines flüchtigen Zeitungsdrucks, indem er jeden Rasterfleck sorgfältig und zeitraubend mit der Hand malt. Und er nimmt sich die Freiheit, aktuell zu sein, indem er seine altbewährte Technik weiterführt.

Das zu überprüfen, gibt die Ausstellung in der Londoner Tate Modern beste Gelegenheit: „The History of Everything“, eine aus Dallas übernommenen Retrospektive, konzentriert sich auf das jüngste Werk Sigmar Polkes, auf die Bilder von 1998 bis 2003. Wer immer sich in den letzten Jahren die Frage gestellt hat: Was macht eigentlich Sigmar Polke? Hier ist die Antowrt. Und sie ist einfach: Er macht das, was er immer gemacht hat. Er übernimmt Fotos aus Zeitungen und Zeitschriften und setzt sie grob gerastert ins Bild. Er greift zurück auf historische Grafiken und Kinderbuchillustrationen. Bemalt milchig trübe Polyesterscheiben, durch die man das hölzerne Rahmengerüst hinter den Bildern erkennen kann. Er experimentiert mit Maschinen- und Computerdruckverfahren, mittels derer er wandgroße Poster herstellen kann. Und er ist – auch das ein Markenzeichen von Anfang an – ein leidenschaftlich politischer Maler.

In London geht es – neben den Taliban- und Al-Qaida-Bildern – hauptsächlich um den Umgang der USA mit Waffengewalt. Der erstmals in Europa gezeigte Texas-Bilderzyklus von 2000-2002 entstand für die erste Station der Retrospektive im Dallas Museum of Art. Polke verwertet texanische Zeitungen und Zeitschriften, die er sich als Vorbereitung hatte zuschicken lassen. Da lacht uns eine Frau mit Revolver in der Hand vor einer durchlöcherten Zielscheibe an: „I Don’t Really Think About Anything Too Much“. Und ein fetter Texaner zielt über eine Barriere auf zwei menschliche Zielscheiben: „The Fastest Gun in the West“.

Man musste nicht erst Michael Moores Dokumentarfilm „Bowling for Columbine“ im vergangenen Jahr gesehen haben, um auf die Idee zu kommen, dass das Verhältnis der US-Amerikaner zu Schusswaffen und Schusswaffen-Besitz etwas Pathologisches hat. In Polkes Bildern ist Moores beißende Kritik jedoch einer dekorativen Unbeteiligtheit gewichen: Golden glänzend liegen die Gewehre zum Verkauf aus, das Bild der fröhlichen Texanerin ist mit bunten Quadraten unterlegt. Nur in einem einzigen Werk gelingt Polke nachhaltige Verstörung, Verunsicherung: Die beiden Zielscheiben, auf die der dicke Texaner in „The Fastest Gun in the West“ schießt, tauchen noch einmal ausgekoppelt auf einem eigenen Bild auf: als schwarze Gespenster, halb Cowboys, halb Klu-Klux-Klan. Sie erscheinen hohl, durch das grobe Raster durchlöchert, bedrohliche Geister einer Vergangenheit, die Gegenwart ist.

Es sind Gespenster, die aufgeblasen erscheinen. Mit zunehmender Aktualität sind Polkes Bilder immer größer, immer deutlicher geworden. Sie sprechen, nein sie schreien ihre Botschaft heraus: Szenen wie die amerikanischer Marine-Soldaten während des Golfkriegs (Untertitel: „American marines played the board game ,Risk’ on a ship in the Gulf of Aden last fall. The object of the game is to dominate the world“) lassen an Deutlichkeit nichts übrig. Fast wundert man sich, dass Polke sich den 11. September als Bildmotiv hat entgehen lassen.

Auf der Strecke geblieben ist bei allem politischen Engagement leider auch Polkes wunderbar trockene Ironie. Die Zeiten, als ihm höhere Wesen noch befahlen, die rechte obere Ecke eines Bildes schwarz zu malen, sind lange vorbei. Heute befehlen sie ihm höchstens noch, auf den Monumentalformaten wie „Anyone Can have Out-of-body Experiences at Will“ in der Mitte einen weißen Fleck zu lassen. Bilder, auf denen britische Nudisten fröhlich durch den Garten tollen, sich mit Heugabeln bedrohen oder sinnend hinter einem Pflug hergehen, das Ganze gedruckt auf Taschentücher mit Jagd- und Pferdemotiven, sind selten geworden. Und selbst das formal sehr anspurchsvolle Triptychon aus abstrakten Schwüngen von 2002 kann eine gewisse Megalomanie nicht verbergen. Vollends problematisch jedoch sind die jüngsten Bilder, in denen Polke die Computertechnik entdeckt hat.

War bis dahin jedes der scheinbar maschinell erstellten Werke mühsam per Hand gemalt, entstehen nun riesige Computerdrucke, die es erlauben, den Kopf der Freiheitsstatue auf Plakatgröße aufzublasen. Die Ballonmotive, die Polke zuletzt häufig verwendet, tragen die Warnung in sich. Auch Steve Fossett ist auf seiner Ballonfahrt rund um die Welt mehrmals die Luft ausgegangen.

Sigmar Polke, History of Everything, Tate Modern London, bis 4. Januar, Katalog 22 Pfund.

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