Kultur : Ich leide, also bin ich

Was ist Schmerz? Eine außergewöhnliche Ausstellung im belgischen Gent

Renate Klett

Das ungewöhnlichste Museum Belgiens befindet sich im Norden von Gent, im weitläufigen Gelände der ersten Psychiatrischen Klinik des Landes. Zuvor gab es Irrenhäuser zum Wegsperren, dies hier war ein Krankenhaus zum Heilen: kleine heimelige Gebäude in einem großen Park, symmetrisch angeordnet, mit viel Luft, Grün und Wasser drumherum. Das 1876 eröffnete Psychiatrie-Zentrum ist teilweise heute noch in Betrieb allerdings in zugefügten Neubauten, die alten beherbergen eine Ausbildungsstätte, die Verwaltung und eben jenes Museum Dr. Guislain. Joseph Guislain war Gründer, Architekt und leitender Arzt der historischen Klinik, die heute unter Denkmalschutz steht.

Das Museum zeigt eine hochinteressante Dauerausstellung zur Geschichte der Psychiatrie, von mittelalterlichen Darstellungen der Narrenschiffe und des Steinschneidens bis zur modernen Folter von Elektroschock und Insulin-Koma. Man läuft durch Krankensäle mit 60 Betten, sieht die echten Apparate und Maschinen, historische Fotos von Patienten und Bilder, die sie gemalt haben.

Vitrinen bergen Ketten, Peitschen und Zwangsjacken, medizinische Wachsfiguren in Lebensgröße demonstrieren „Badetherapie“ und „Schädelbohrung“. Die Angst vor der Abweichung, das Experimentieren mit Emotionen und Schocks, die Lethargie als Zeichen von Heilung, all das kann man hautnah und intensiv nachempfinden – es ist lehrreich, erschreckend und ein bisschen gruselig.

In den unteren Räumen gibt es wechselnde Ausstellungen, die derzeitige heißt „Pijn“, ist dreisprachig beschriftet (Flämisch, Französisch, Englisch) und widmet sich dem Phänomen Schmerz. Sie thematisiert seine Gründe, Darstellungen und Ideologien, fragt nach psychologischen, medizinischen und sozialen Zusammenhängen, nach Mitleid, Bewunderung, Lust und Verklärung.

Religion und Sport, Liebe und Kunst basieren auf Martern aller Arten, und die Ausstellung benennt sie. Eine Fotoserie von Elke Boon zeigt Menschen im Schmerz, man sieht das am verstörten Blick oder an offenen Wunden, aber vor der Kamera geben sie sich ganz normal. „Schmerz macht uns tapfer und mutig“, wird eine der Frauen zitiert, „aber der Gedanke daran verwandelt uns in Feiglinge.“

Die Schmerzdarstellungen zeigen altertümliche Heiligenbilder mit Schwertern im Hals und moderne Ikonen des psychischen Leidens, wie die Selbstporträts ohne Gesicht von Jean Michel Wuilbeaux. Die Kunstbeispiele sind mit Bedacht gewählt, nicht, was man erwartet: Francis Bacon oder Arnulf Rainer, stattdessen die verstörenden Bilder eines Jean Rustin. Seine „Idioten“-Porträts sind gemalte Panik, Gesichter aus Angst und Grauen, die einen bis in die Träume verfolgen. Und Thomas Schüttes „Trio“, drei aneinander gebundene Wachspuppen mit grausamen Gesichtern, Blutflecken auf dem weißen Kittel und Bleistiften als Waffen, wirkt wie ein Voodoo-Fetisch, mit dem es die Feinde zu töten gilt.

„Was ist Schmerz?“, fragt Kurator Patrick Allegaert und gibt auch widersprüchliche Antworten: Depression und Melancholie, Krankheits- und Weltschmerz, Selbstverletzung und Sado-Masochismus, der von Wim Delvoyes „Birdhouse“-Skulptur lässig und verspielt auf den Punkt gebracht wird. An diesem Ort sind die psychiatrisch-medizinischen Annäherungen natürlich ebenso wichtig wie die künstlerischen, also werden etliche Diagnose- und Behandlungsversuche dokumentiert , stets unter dem Vorbehalt, dass den Schmerz nur wirklich verstehen kann, wer ihn spürt.

Da es keine Trennung von Ich und Schmerz gibt, lässt sich die Erfahrung im akuten Zustand nicht analysieren. Schmerz ist immer subjektiv, man kann ihn nicht messen und oft nicht einmal richtig beschreiben. Nur wer ihn überwunden hat, und sei es vorübergehend, kann über ihn sprechen. „Mein Schmerz reicht bis zum Horizont, füllt alles aus“, schreibt Alphonse Daudet in „La doulou“, und Fritz Zorn berichtet in „Mars“, wie er in schlaflosen Nächten vom Intellektuellen, „der kluge Gedanken über Schmerz in die Schreibmaschine hämmert“ zum sich windenden, schreienden Opfer wird, das „einzig und allein der Gnade meines physischen und psychischen Schmerzes ausgeliefert“ ist.

Ex-voto-Bilder von Unfällen und Krankheiten einerseits, Abbilder dessen, was Schmerzen zufügt (Warhols Serie „Electric Chair“) oder lindert (Tabletten, Drogen, religiöse Ekstase) andererseits. Was bedeutet es, fremdbestimmt zu sein durch Schmerz? Und warum sind viele Menschen bereit, Schmerzen zu leiden für ein höheres Ziel? „No pain, no gain“, sagt der Volksmund oder dass sich Schmerz auf Herz reime. Menschen, die keinerlei Schmerzempfinden haben (CIPA heißt diese sehr seltene Krankheit), können kein normales Leben führen, weil ihr Warnsystem nicht funktioniert. Was also ist besser?

Museum Dr. Guislain, bis 30. 4. 2006, dreisprachiger Katalog „Pijn – la douleur – pain“, 24 Euro

0 Kommentare

Neuester Kommentar