Kultur : Ich liebe, also kämpfe ich

Thriller mit Trauerrand: „Der ewige Gärtner“ nach John le Carré

Julian Hanich

Der britische Diplomat Justin Quayle (Ralph Fiennes) ist kein Charismatiker. Ihn als zurückhaltend zu beschreiben, wäre noch die freundlichste Interpretation dieses sanften Dieners seines Staates. Die Passioniertheit, mit der er Pflanzen pflegt, spiegelt den Grad seiner Passion gegenüber dem politischen Leben: Er jätet lieber den Hinterhof, als sich in die Welt der afrikanischen Politik zu wagen.

Dass dieser scheue Beamte in Kenia mit Tessa (Rachel Weisz) verheiratet ist, erscheint nur auf den ersten Blick absurd. Tessa – heißblütig, großherzig und voller humanistischer Überzeugung – findet in Quayle den emotionalen Gegenpol, der ihr gleichzeitig das politische Engagement in der Dritten Welt ermöglicht. Für Quayle wiederum stellt Tessas Energie eine Belebung seines grauen Daseins dar.

Eines Tages wird Tessa tot im kenianischen Hinterland aufgefunden. Quayle macht sich auf die Spurensuche – und wird plötzlich gefährlich. Dabei entdeckt er nicht nur eine fein verästelte ökonomische und politische Verschwörung, sondern auch die Geheimnisse einer enigmatischen Frau: seiner eigenen. War Tessa eine untreue Frau, die ihren Körper in den Dienst eines politischen Idealismus gestellt hat? Und was hat es mit Tessas Investigationen ins Feld der Aids-Prävention und Tuberkulose-Forschung eines Pharmagiganten auf sich? Die Suche nach den Antworten treibt Quayle von Kenia über Berlin und London bis in den Sudan.

Vordergründig passt der Film, der auf einem Roman von John le Carré basiert, ins Genre des internationalen Politthrillers – im Stil von „Der stille Amerikaner“ und „Die Dolmetscherin“. Doch ein rechter Thriller ist er nicht. Spannung und Action werden zu zurückhaltend dosiert; zum anderen richtet „Der ewige Gärtner“ ein mindestens ebenso großes Augenmerk auf die bewegende Beziehung zwischen Quayle und Tessa. Ein Liebes-Melodram vor dem Hintergrund internationaler Politik: Nennen wir es das „Farewell-to-Arms-Doktor-Schiwago“-Modell. Das Problem dieses Erzählmusters ist die Lücke, die zwischen Vorder- und Hintergrund klaffen kann. Hier aber greifen beide Zahnräder mit so konsequenter Logik ineinander, dass man am Ende nicht weiß, was einen mehr aufgewühlt hat: die Anklage gegen den zynischen Kapitalismus und seine politischen Erfüllungsgehilfen oder die Komplikationen zweier „star-crossed lovers“.

Die vielleicht wichtigste Entscheidung dabei: Regisseur Fernando Meirelles erzählt nicht linear, sondern erhellt die Gegenwartshandlung durch lange Rückblenden. So erfahren wir bereits zu Anfang von Tessas Tod, wodurch Quayles Trauer wie eine Raureif-Schicht über dem Film liegt. Nur schrittweise wird die Beziehung von Quayle und Tessa enthüllt – immer mit dem Wissen um ihr tragisches Ende. Und schon kann der Regisseur getrost auf andere ästhetische Attraktionen verzichten. Also: keine „Jenseits von Afrika“-Klischees, keine prachtvollen Naturkulissen, keine sonnendurchfluteten Safari-Bilder, keine Cinemascope-Panoramen. Stattdessen zieht Kameramann César Charlone mit seinen wackligen Bildern, den radikalen Nahaufnahmen und schrägen Blickwinkeln tief hinein in eine schmutzige, schwüle Slumwelt. In diesem Umfeld hat der Brasilianer Meirelles seine Kennerschaft bereits mit „City of God“ eindrücklich bewiesen.

All das wäre schon mit durchschnittlichen Schauspielern überdurchschnittlich. Dank Ralph Fiennes und der leuchtenden Vitalität von Rachel Weisz wird „Der ewige Gärtner“ zur herausragenden Demonstration: Mainstream kann sehr ungewöhnlich sein.

In zwölf Berliner Kinos; OV im Cinestar SonyCenter, OmU im Babylon Mitte und im Filmkunst 66

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