Kultur : „Ich liebe es, zu weit zu gehen“

Der französische Autor Frédéric Beigbeder hat es als Erster gewagt, einen Roman über den 11. September zu schreiben. Ein Gespräch

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Monsieur Beigbeder, seit Jahren gelten Sie als „Skandalautor“. Finden Sie nicht, es wäre mit bald 40 an der Zeit, dieses Klischee vom „Enfant terrible“ abzulegen?

Ja, es nervt allmählich, dass alle von mir einen Skandal erwarten. Besser ist es, die Leute zu überraschen. Deshalb habe ich diesen eigentlich langweiligen Roman „Windows on the World“ geschrieben, aber leider hat es nicht funktioniert und das Buch ist wieder zu einem Skandal geworden. Damit hatte ich nicht gerechnet, denn der Roman ist gefühlvoll und nicht sehr lustig. Doch was ich auch mache, es wird gleich als Provokation verstanden.

Darüber wundern Sie sich? Warum verknüpfen Sie zum Beispiel Ihre Kapitalismus-Kritik immer mit harten Sex-Szenen?

Weil wir heute in einer Welt ohne Utopien leben. Die einzige Utopie ist diejenige, Sex zu haben mit göttlichen Frauen. Ich beschreibe den Hedonismus dieser Welt. Der Kapitalismus ist bestimmt nicht das schlechteste System, aber es ist ein System, das uns keine Hoffnung lässt und keine wirklichen Träume. Wir träumen nur von Luxus-Komfort oder vom Vergnügen, das ist alles.

Der Bestsellerroman „39,90“ war Ihr literarischer und persönlicher Abschied von der Werbebranche. Wovon verabschieden Sie sich mit „Windows on the World“, in dem die letzten zwei Stunden im Leben einiger Menschen geschildert werden, die am 11. September 2001 im Restaurant des World Trade Center eingeschlossen waren?

Ich verabschiede mich von der kapitalistischen Utopie des permanenten Vernügens. Alles hat sich radikal geändert. Es gibt eine neue Form von Gewalt und faschistischem, islamischem Terror. Das bereitet mir Unbehagen. Außerdem verabschiede ich mich von meiner Kindheit. Bis zum 11. September war ich höchstens sieben Jahre alt. Jetzt bin ich erwachsen, ein schmutziger alter Mann.

Der Sturz der New Yorker Zwillingstürme war lange Zeit ein ästhetisches Tabu. Warum haben Sie es gebrochen?

Es ist wichtig, über dieses gigantische Ereignis zu reden. Ich wollte einen Roman darüber lesen, also habe ich ihn geschrieben! Die Vorgänge sind so spektakulär, neuartig und bedrohlich, dass es viele Romane darüber geben müsste. Ich bin erstaunt, dass meiner der Erste ist.

Sie schreiben, das Restaurant „Windows on the World“ war „eine Luxus-Gaskammer. Seine Gäste wurden vergast, verbrannt und zu Asche wie in Auschwitz. Wir schulden ihnen das gleiche Gedenken.“ Selbst wenn dieser ominöse Vergleich stimmen würde: Wäre es dann nicht besser gewesen, im Gedenken an die Leiden der Opfer zu schweigen?

Die Amerikaner haben sich für das Schweigen entschieden. Ich respektiere das. Aber die Aufgabe eines Schriftstellers kann es auch sein, das Schweigen zu brechen. Dahinter steckt eine komplizierte Debatte über Fiktionalität und die Rolle des Autors. Soll er nur die historischen Fakten beschreiben? Soll er über die wichtigsten, aktuellen Vorgänge schweigen? Ich verstehe diese Diskussion, in Amerika möchten einige – wie die „New York Times“ – die Bilder des 11. September zeigen, andere – wie die Regierung – wollen aus dem, was sich im Inneren der Türme abgespielt hat, ein Geheimnis machen. Wenn ich von einer Gaskammer schreibe, will ich den 11. September nicht mit Auschwitz vergleichen. Ich will nur zeigen, dass das Restaurant „Windows on the World“ ein abgeschlossener Raum war, vollgepumpt mit tödlichem Rauch. Es war wie in einer Gaskammer. Die Art, wie die Menschen starben, ähnelt also dem Tod in den Gaskammern von Auschwitz. Alles andere ist nicht zu vergleichen.

Haben nicht nur die Überlebenden des Holocaust, wie Imre Kertész oder Primo Levi, ein Recht, vom Leiden der Opfer zu berichten? Warum nehmen Sie sich das Recht, über das Geschehen im Inneren dessen zu schreiben, was Sie eine „Luxus-Gaskammer“ nennen?

Die Autoren, die Sie erwähnen, sind nicht die einzigen, die über den Holocaust gesprochen haben. Es gibt auch andere. Zum Beispiel die Filmemacher Steven Spielberg und Roberto Benigni, die der Meinung sind, man könne den Holocaust durchaus fiktionalisieren. In Frankreich – genau wie in Deutschland – hatten wir darüber eine lange Debatte. Claude Lanzmann, der den „Shoah“-Film gemacht hat, meinte, Spielberg hätte kein Recht gehabt, „Schindlers Liste“ zu drehen. Es geht immer um die Frage, ob es erlaubt ist, über derartig fürchterliche Ereignisse zu sprechen, wenn man sie nicht selbst erlebt hat. Ich halte es mit Spielberg und glaube, das Fiktive hat eine Aufgabe, und man kann über alles reden, solange man es mit Respekt vor den Opfern macht und versucht, die Wahrheit herauszufinden. Vielleicht ist mein Roman obszön – ich hoffe, er ist es nicht.

Besonders übel genommen hat man Ihnen die sadomasochistische Sex-Szene, in der sich ein Pärchen inmitten von Leichenbergen zu einem finalen perversen Orgasmus stimuliert.

Ich liebe es, zu weit zu gehen. Ich möchte die Grenzen testen. Der Angriff auf die TwinTowers war nicht nur ein Angriff auf ein Symbol amerikanischer Macht, sondern auch auf unsere Lebensweise, auf die Gleicheit von Mann und Frau und auf die sexuelle Freiheit. Das sind Errungenschaften, die von den Fanatikern abgelehnt werden. Ich habe diese verrückte pornografische Szene erfunden, um zu zeigen, dass wir sexuelle Freiheiten verteidigen müssen. Ich mag Romane, die den gefährlichen Weg gehen und ein bisschen schockieren. In Heinrich Bölls „Katharina Blum“ versteckt die Titelheldin einen RAF-Terrorristen. Das zu schreiben, war für Böll nicht ungefährlich.

Im Herbst wird Ihr Buch auch in den USA erscheinen. Wie wird man Sie dort empfangen: als Freund oder als Feind?

Ich weiß es nicht. Es wäre jedenfalls schön, wenn auch über die Freiheit des Autors gesprochen würde und über die Aufgaben des Romans. Warum lesen wir heute Romane? Warum werden sie geschrieben? Worin liegt der Unterschied zwischen Roman und Film? Welche Rolle haben Schriftsteller heute? Hoffentlich erwarten mich in Amerika auch Menschen, die offen sind für künstlerische Freiheiten beim Erzählen historischer Fakten. Über den 11. September gibt es Songs, Filme, TV-Shows, Essays, tausende Sachbücher. Also sollte es auch Romane geben.

Was werden Sie denen antworten, die Ihnen Antiamerikanismus vorwerfen?

Ich werde sagen: Glaubt nicht, dass ein Franzose den 11. September nicht verstehen könnte, und glaubt nicht, er ist, wenn er darüber schreibt, ein Anti-Amerikaner. Nein, es ist ein Buch gegen den Anti-Amerikanismus.

Ihr Roman ist auch eine Abrechnung mit der moralischen Verkommenheit Ihrer eigenen Spaß-Generation. Welche Konsequenzen ziehen Sie für sich selbst aus dieser Schelte?

Als ich kürzlich das Berliner Nachtleben genoss, war es natürlich schwierig zu behaupten, ich sei jetzt eine „reine“, „heilige“ Person geworden. Trotzdem habe ich mich verändert. Ich kümmere mich mehr um die Menschen, die ich liebe, und ich kritisiere mich auch. Wenn ich die moralische Dekadenz angreife, beobachte ich mich selbst im Spiegel.

Die jungen Väter, die – wie Sie selbst – nach der Geburt ihres Kindes die Ehefrau verlassen, beschreiben Sie als egoistische Feiglinge. Warum gehen Sie, statt öffentlich Asche auf Ihr Haupt zu streuen, nicht einfach nach Hause und kümmern sich um Ihre Tochter?

Sie haben Recht, aber es ist sehr kompliziert. Natürlich würde ich gern ein „perfektes Leben“ führen, leider aber schaffe ich es nicht. Deshalb stelle ich Fragen: Warum werden die Frauen meines Alters, wenn sie Kinder kriegen, von ihren Männern verlassen? Das passiert im Moment überall. Kinder werden nur von ihren Müttern erzogen. Die Väter sind abhanden gekommen. Das Buch fragt deshalb: Was bedeutet Vaterschaft in einer Generation selbstverliebter Bastarde? Schreiben heißt ja nicht, das Leben zu erklären, sondern es ungeschminkt zu zeigen.

Im Roman heißt es, für die Generation, die den Luxus zur Religion und den Konsum zur Utopie erklärt hatte, sei die Zukunft bereits Vergangenheit. Hat der Kapitalismus verspielt?

Nach dem 11. September ist alles viel absurder geworden. Wie können wir jeden Tag zur Arbeit gehen in einer Welt, von der wir nicht wissen, ob sie überleben wird? Viele Sachen scheinen heute lächerlich. Der Kapitalismus hat uns jahrelang weisgemacht, er sei seriös, die Manager seien rational handelnde Geschäftsleute. Plötzlich kommen jede Woche neue Skandale ans Licht. Die Zahlen der Jahresberichte sind falsch, die Mannager haben gelogen und das Geld in Steuerparadiese verschoben. Das kapitalistische System, das angeblich so perfekt funktioniert, ist eine einzige große Lüge. Nach dem 11. September hatten wir den Enron-, den Parmalat-, den Vivendi-Skandal. Jeden Monat einen neuen!

Eine große deutsche Zeitung meinte, Sie und Osama Bin Laden hätten vieles gemein: die Liebe zu blumigen Formulierungen und zu blankem Kitsch, den Hang zur großen Pose, die Herkunft aus wohlhabenden Familien.

(lacht) Es gibt wohl einen großen Unterschied: Ich habe niemanden getötet! Ich bin nur ein Schriftsteller und ein großer Verehrer von Andy Warhol. Eines seiner Gemälde zeigt einen elektrischen Stuhl. Das bedeutet nicht, dass er den elektrischen Stuhl gutheißt, sondern er zeigt und beschreibt nur die Welt, in der wir leben.

Werbetexter, Wahlkämpfer der kommunistischen Partei, Literaturkritiker, Programmchef eines Verlages, Bestsellerautor: Was wollen Sie noch alles werden?

Vielleicht sollte ich Disc-Jockey werden! Letzte Nacht habe ich Platten aufgelegt und es sehr genossen. Mein nächster Job könnte der eines DJs sein. Vielleicht sogar in Berlin.

Das Gespräch führte Frank Dietschreit .

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