Kultur : Ich mach dir den Frosch

Was kommt nach der Ära Zehelein? Mit „Carmen“ startet die Staatsoper Stuttgart in die Saison

Christine Lemke-Matwey

Ein historischer Augenblick. Einer, von denen es im Musiktheater derzeit nur so wimmelt. Als zöge sich die Gattung vor uns zurück. Aufführung für Aufführung. Als seien die viel geliebten Stücke des Kampfes müde und legten sich still und leise, wie sehr alte Tiere, zum Sterben nieder. Eines nach dem anderen. Und als bestünde der ganze Betrieb überhaupt nur noch aus Symptomen, aus mal glückenden, mal scheiternden Rettungsversuchen: Ob man sich nun, wie unlängst an der Deutschen Oper Berlin, archäologisch betätigt und in den Gesteinsschichten des Repertoires schürft (um einen Brocken wie Franchettis „Germania“ zutage zu fördern). Ob man, wie diesen Freitag in München, Strauss’ „Salome“ mit einer neuen Oper von Wolfgang Rihm koppelt. Oder ob man, wie jetzt in Stuttgart, mit Bizets „Carmen“ noch einmal die Flucht nach vorn antritt.

Es ist gewiss ungerecht, den Start einer neuen Ära mit solchem Pathos, solchen Weltschmerzlichkeiten zu belegen. Wie Kirsten Harms’ Schicksal nicht einzig und allein an „Germania“ hängt, so ist auch diese „Carmen“ sicher nicht der Kaffeesatz, aus dem Albrecht Puhlmanns Stuttgarter Zukunft herauszulesen wäre. Der Mann hat es schwer genug: Muss sich einerseits gegen einen Vorgänger profilieren, Klaus Zehelein, der in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten alles dominierte und gezeigt hat, wie’s geht. Steht andererseits als gewachsener Dramaturgen-Intendant in der Pflicht, eben jenes Musiktheater der Regisseure und Konzeptdenker weiterzuverteidigen, ja zu neuen Ufern zu führen. Und bringt aus Hannover die Erfahrung mit, dass ein Publikum und eine Stadt eine Intendanz durchaus in die Knie zwingen können. Die Puhlmannsche Mutkurve an der Leine, sie orientierte sich – mit Ausnahmen wie Barbara Beyers „Jenufa“, Peter Konwitschnys „Al gran sole“ oder Calixto Bieitos „Don Giovanni“ – zunehmend an städtischen Sparvorgaben und dauerkriselnden Abonnentenzahlen.

Wenn er muss, dann kann Albrecht Puhlmann also ziemlich pragmatisch sein (darauf zumindest setzt aktuell auch die baden-württembergische Politik, die der Experimentierbühne der Staatsoper, dem von Klaus Zehelein gegründeten „Forum Neues Musiktheater“, nach drei Jahren mit denkbar fadenscheinigen Argumenten nun die Förderung streichen will). Und pragmatisch, in jeder Beziehung, gestaltet sich auch seine Eröffnungspremiere. Zwei Fliegen mit einer Klappe: Ein absoluter Renner des Repertoires, „Carmen“, der das Publikum – ja, sogar das Stuttgarter! – bei seinen kulinarischen Sehnsüchten packt, beim Hunger nach unverwüstlichen Melodien, lodernden Leidenschaften, nach Blut, Schweiß und Tränen, Liebe, Tod und Teufel. Selbst das platteste Opernklischee beruht ja, das sollte man nicht vergessen, auf vergleichsweise differenzierten Texten. Und gerade „Carmen“, diese von mediterranem Licht erfüllte, sprichwörtlich nicht „schwitzende“ Partitur, sie wäre als Tragödie von gleichsam leichter Hand zu erzählen. Peter Brook konnte das.

Puhlmann aber – und das ist gewissermaßen seine zweite Fliege – setzt weniger auf „Carmen“ als auf den legendären „Carmen“-Reflex: Buchstäblich jeder weiß, wie dieses Stück auszusehen hat und wie es geht (respektive auf gar keinen Fall gehen darf). Die Femme fatale als typische Männerfantasie, klappernde Kastagnetten, schmachtende Toreros, finstere Schmuggler – und natürlich will alle Lust am Ende nichts als Einsamkeit. Don José, ein Naivling. Escamillo, eine Episode.

Prompt wird das Klischee zum Problem und das Problem wiederum zur Legitimation für die Stückwahl selbst. Sprich: Wir spielen zwar „Carmen“, aber ganz anders. Sebastian Nübling, der Regisseur, entledigt sich dieser Aufgabe hauptsächlich durch das Hinzudichten einer stummen Figur: Eine Art Marsmännlein, man glaubt es kaum, hopst da durchs Geschehen, ein Clown mit Kugelbauch und Riesenfüßen (Christian Brey), der immer dann seine Faxen macht, wenn’s in Bizets Musik besonders ernst und schön wird. Ein Frosch gewordener V-Effekt, wenn man so will, der Einbruch des Burlesken in die französische Opéra lyrique (was immer es da zu suchen hat) oder auch bloß: Don Josés Alter Ego, der Hanswurst in allen Männern und Menschen, die über ihre Verhältnisse begehren, die Lächerlichkeit des Liebestods auf zwei Beinen.

Vielleicht läge in diesem Froschmann – mit Nietzsche, mit René Leibowitz! – sogar ein Körnchen Wahrheit über „Carmen“: Ein kleiner Voodoo-Zauber, der alle bösen Wagnerschen Operngeister bannt, eine leise Ahnung von jener afrikanischen Leichtigkeit des Seins, die vor allem durch diese Partitur weht. Dafür allerdings wird die Sache viel zu plump in Szene gesetzt: Der Clown bricht die Atmosphäre, ohne dass daraus je ein Funken Spannung ent- oder gar überspränge.

Außerdem wähnen sich Nübling und seine Ausstatterin Muriel Gerstner prompt aus allem raus. Indem sie delegieren, ja transplantieren, was diesen José erst zu einem theatralischen Fall macht, zu einem facettenreichen Charakter, bleibt weder für ihn noch für irgendeine andere Figur mehr übrig als – das übliche Setting. Carmen sonnt sich im perfekten Callas-Outfit an der Rampe oder züchtigt die Männerwelt mit langstieligen Rosen (Karine Babajanian verfügt über profunde Tiefen, ein sattes Mezzo-Timbre, bleibt stilistisch aber arg pauschal); Escamillo gibt im Frack dazu passend den alternden Giuseppe di Stefano (leider blechern: Vinvent Le Texier); Micaela scheint als Stewardess bei Pan Am zu arbeiten (sehr leichtgewichtig: Ina Kancheva); und José selbst wird, wenn er nicht gerade mit Sesseln und Stehlampen wirft, nach Kräften gedemütigt (bei diesem imposant-virilen Tenor müsste Will Hartmann bei weitem nicht so brüllen, tut es aber doch, was an der Besetzung leise zweifeln lässt).

Der Rest kombiniert brav zusammengefegtes Regietheater mit ein bisschen Psychoanalyse. Carmen stirbt mehrfach, der Chor ist abwechselnd viele Josés, viele Carmens, viele Escamillos oder viele Clowns – und am Ende steht alles auf Anfang. Ein Typ im Unterhemd vor der Glotze, zu seinen Füßen eine tote Frau.

Julia Jones am Pult des Stuttgarter Staatsorchesters tut sich ein bisschen schwer, all diesen hartnäckigen Holzschnitten klingendes Leben, Zwischentöne, eine Geschichte einzuhauchen. Im Schmissig-Circensischen, in der Ouvertüre und in den Torero-Musiken, da zünden ihre schnellen Tempi und die trockene Atemlosigkeit, mit der sie jeden Verdacht auf Gefühligkeit erstickt. Im Lyrischen aber, im wunderbaren Vorspiel zum dritten Akt etwa oder auch in der Blumenarie, verschlägt es ihr die Sprache. Als traute sich hier keiner mehr zu singen. Als wagte niemand ein echtes Gefühl.

Wenn es das ist, was uns in der Oper an der Oper in Zukunft interessieren soll, dann darf tapfer weitergebangt werden. Um das Repertoire, wie gesagt. Um unser Seelenheil.

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