Kultur : Ich mache ihm ein Angebot, das er nicht ablehnen kann

Der kanadische Autor Mordecai Richler erzählt vom wundersamen Aufstieg des Hochstaplers Duddy Kravitz

Nicole Henneberg

Er gilt, zusammen mit Michael Ondaatje und Margaret Atwood, als der Begründer der kanadischen Nationalliteratur. Doch zugleich war der 2001 verstorbene Mordecai Richler einer der härtesten Kritiker seines Landes. Geboren 1931 als Sohn eines Schrotthändlers im jüdischen Viertel von Montreal, besuchte er, wie der Held seines erfolgreichsten, jetzt erstmals auf Deutsch erschienenen Romans „Die Lehrjahre des Duddy Kravitz“, die wegen ihrer gewalttätigen Schüler berüchtigte Fletcher’s Field Highschool.

Die meisten von Mordecai Richlers Romanen – „Solomon Gursky war hier“ oder „Wie Barney es sah“ – spielen in den schäbigen Straßen rund um die Schule; und seinem Vater hat er in Gestalt des Schrotthändlers Cohen ein liebevolles Denkmal gesetzt. Mit den „Lehrjahren des Duddy Kravitz“ gelang Richler 1959 der Durchbruch. Das liegt wesentlich an der hinreißend gezeichneten Hauptfigur. „Da, wo Duddy Kravitz herstammte, wuchsen die Jungen auf wie das Gras neben Eisenbahngeleisen, im Dreck, traurig, zwischen Dornen. Er hätte auch in Lodz zur Welt kommen können, aber achtundvierzig Jahre vorher hatte sich sein Großvater eine Schiffspassage nach Halifax gekauft.“

Der gebeugte, wortkarge Alte ist der Einzige in der Familie, den Duddy wirklich liebt. Er weiß fast nichts von Polen, aber er verehrt im Großvater den unbeugsamen Willen, der im neuen Land mitunter krude Ergebnisse hervorbringt: ungenießbare Gurken zum Beispiel, aber auch den Traum vom eigenen Land.

Es ist eine enge, kleinmütige Gesellschaft, in der Duddy aufwächst, und Richler beschreibt sie mit bissigem Humor. Kleine Männer in viel zu bunten Hemden, die ständig lamentieren; zickige Frauen, die laut und ordinär überall Unfrieden stiften. Wegen der bösen Ironie, mit der Richler seine jüdischen Figuren zeichnet, hat man ihm Antisemitismus vorgeworfen – doch gerade in einem skeptisch mitfühlenden Blick liegt seine Stärke: Der Leser beginnt Schwadroneure wie Barney, Miesmacher wie Gursky oder skrupellose Geschäftemacher wie Duddy zu lieben, obwohl der Autor ihre Gier und Brutalität genüsslich beschreibt.

Duddy gehört unverkennbar die ganze Sympathie des Autors. Er hat nichts: kein Geld, keine Ausbildung und keinerlei familiären Rückhalt. Seine Sippe sieht in ihm alle negativen jüdischen Eigenschaften verkörpert, bis hin zur Ghettomentalität, in der sie selbst fest verankert ist: Man bleibt unter sich und macht Geschäfte. Doch Duddy, das unterscheidet ihn, hat einen romantischen Traum: Bis zur Erschöpfung handelt er mit allem, was ihm unterkommt, von geschmuggelten Flipperautomaten bis zu Filmen und Flüssigseife. Gegen die bleierne Zeit der fünfziger Jahre setzt dieser Roman eine wütende Energie – und gewinnt noch den nächtlichen Albträumen etwas ab. Das liest sich bis heute faszinierend.

Es gibt keine Normalität und keine Ruhe in dieser Welt: „Wenn ich verliere, ertränke ich mich. Ist doch so im Showbiz“, sagt Duddy zu einem schrillen jüdischen Komiker. Auch der 19-jährige Duddy ist hart, beutet Freunde und Familie aus und betrügt sie; und als er sein großes Ziel erreicht hat und ihm ein wunderschönes Stück Land mit See gehört, ereignet sich die Katastrophe: Der Großvater will nichts davon wissen. Diese Männer, erklärt ein Schulfreund, der Immobilien- und Drogentycoon Dingleman, dem weinenden Duddy, haben im Ghetto gesessen und von grünen Feldern geträumt. Aber eigentlich wollen sie alle nur „in derselben stickigen Enge sterben, in der sie gelebt haben“.

Kanada, lässt Mordecai Richler den missmutigen Solomon Gursky einmal sagen, sei „ein Behälter, angefüllt mit der übellaunigen Nachkommenschaft besiegter Völker“. Er drückt damit die Melancholie aus, für die Duddy in nur anderthalb Lehrjahren Spezialist geworden ist. Sein Traum ist so schnell in Erfüllung gegangen, wie er geplatzt ist. Künftig, beschließt Duddy, wird er die Träume anderer zu Geld machen.

Mordecai Richler: Die Lehrjahre des Duddy Kravitz. Roman. Aus dem Englischen von Silvia Morawetz. Liebeskind, München 2007. 432 Seiten, 22 €.

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