Kultur : Ich mich entschuldigen? Niemals!

EVA SCHWEITZER

Um die Oscar-Verleihung, die am 21.März in Hollywood stattfindet, ist ein Kulturkampf ausgebrochen.Es geht um Schuld, Sühne und verlorenes Leben.Altmeister Elia Kazan soll einen Ehren-Oscar für sein Lebenswerk bekommen.Nun ist der 89jährige Kazan nicht nur Regisseur von Filmen wie "Endstation Sehnsucht", "Jenseits von Eden" oder "Die Faust im Nacken", der Entdecker von Marlon Brando und James Dean und der - zeitweise - Geliebte von Marylin Monroe.Er war auch einer der Informanten des Kommunistenjägers Senator Joseph McCarthy.Eine Gruppe von Autoren, die Kazan damals denunzierte, hat jetzt zu Protesten aufgerufen.Kazan solle sich zumindest entschuldigen, fordern sie."Entschuldigen? Ein guter stalinistischer Begriff", ließ Kazan seine Anwältin ausrichten."Meine Gegner haben sich niemals dafür entschuldigt, Stalinismus und Kommunismus unterstützt zu haben."

Das Erstaunliche an der Auseinandersetzung ist die Schärfe, mit der sie geführt wird."Königs-Ratte" nennt ihn der Autor Sidney Zion.Charlton Heston hingegen, Schauspieler und Lobbyist für den ungehinderten Verkauf von Schußwaffen, spricht von "stalinistischer politischer Korrektheit" der Kazan-Gegner.Hollywood hat seine Stasi-Debatte, mit umgekehrten Vorzeichen.

Es war in den fünfziger Jahren, als McCarthy Lehrer, Kindergärtner, Staatsbedienstete, Schauspieler und Autoren vor den "Ausschuß gegen unamerikanische Umtriebe" rief.Wer keine Namen nannte, war selbst verdächtig.Kazan war 1934 in die kommunistische Partei eingetreten, hatte sie aber rechtzeitig wieder verlassen.Auch er wurde 1952 vor die Inquisition gerufen und nannte Namen, acht Namen, darunter Dashiell Hammett, der Autor des "Malteser Falken" und den Schauspieler Zero Mostel.Alle kamen auf die schwarze Liste, die zum Schluß über 10 000 Leute erfaßte, davon hunderte aus der Filmbranche.Sie erhielten jahrzehntelang Berufsverbot, manche gingen ins Gefängnis oder ins Exil.Kazan war nicht der einzige und erste, der Namen preisgab, aber er war einer der einflußreichsten Leute Hollywoods."Hätte Kazan dagegengehalten, wäre die Hexenjagd zusammengebrochen", sagte Victor Navasky später, einer derer, die auf die schwarze Liste gerieten.

Aber Widerstand wäre von dem Sohn eines griechischen Teppichhändlers, dessen oberstes Ziel es war, akzeptiert zu werden, wohl zuviel verlangt gewesen.Der Broadway-Autor Arthur Miller, dessen Stück "Tod eines Handlungsreisenden" Kazan inszeniert hatte, kündigte ihm danach die Freundschaft.Kazan jedoch kaufte eine Anzeige in der New York Times, um sich zu rechtfertigen.Und er ließ Marlon Brando in dem Film "On the Waterfront" als Helden auftreten, der die Mafia-Bosse verpfeift, die den Hafen von New Jersey kontrollieren.

Nun wird debattiert: Ist Kazans Schuld inzwischen nicht verjährt? War es überhaupt Schuld - oder hat er nicht vielmehr Amerika vor einer kommunistischen Verschwörung gerettet? Und selbst wenn sich Kazan moralisch fragwürdig verhalten hat - was hat das mit der Qualität seiner Filme zu tun? Sogar US-Präsident Bill Clinton muß als Begründung für den Kazan-Oscar herhalten: Hollywoods Liberalen, die Clinton unterstützen, wird entgegengehalten, sie würden bei dem Präsidenten zwischen der einwandfrei agierenden öffentlichen und der moralisch fragwürdigen privaten Person unterscheiden, warum nicht auch bei Kazan?

Obwohl der alte Mann nun wohl rehabilitiert wird: die Debatte ist noch nicht zu Ende.Der 90jährige Abraham Polonsky, der damals von Kazan denunziert wurde, sagte: "Ich hoffe, es erschießt ihn einer während der Zeremonie." Politischer Wirbel um die Oscars hat übrigens Tradition: 1973 weigerte sich Marlon Brando, seinen Oscar entgegenzunehmen, weil Hollywood die Indianer schlecht behandele.1993 kritisierten Tim Robbins und Susan Sarandon die Immigrationspolitik der USA.Und Vanessa Redgrave wurde 1978 vom Publikum ausgebuht - sie hatte öffentlich die PLO unterstützt.

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