Kultur : Ich mit Humor

Raquel J. Palacio über Kräfte gegen Mobbing.

Ulrich Karger

August leidet an dem Treacher-Collins- Syndrom, das zu Fehlbildungen, ja regelrechten Verformungen seines Gesichts führte. Unzählige Operationen waren allein dafür notwendig, dass er besser hören und eigenständig essen kann. Doch sein aufsehenerregendes Aussehen kann keine OP verändern. Und jetzt soll er auch noch zum ersten Mal eine Schule besuchen, nachdem er bis dahin stets von seiner Mutter zu Hause unterrichtet wurde …

Nach John Greens „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ legt nun Raquel J. Palacio mit „Wunder“ einen Roman vor, der einen kindlichen Helden und seine Umwelt mit einem äußerst extremen Handicap konfrontiert. Um eine derartige „Fallhöhe“ auch für Kinder durchdeklinieren zu können, bedarf es offenbar jener ausgeprägten Kultur des „positiven Denkens“ wie sie bislang insbesondere US-amerikanischen Autoren vorbehalten zu sein scheint. Und so gelingt auch Palacio jenes „Wunder“, sich nicht in den zahlreich ausgelegten Fallstricken zu verheddern und vom vorgegebenen schmalen Grat immer wieder in den Kitsch abzustürzen.

Da das Happy End einer wundersamen Heilung ausgeschlossen ist, kann es allein über die Veränderung der Sichtweisen hergestellt werden. Und hierfür zeichnet die Autorin ihren Helden mit einer am Leiden gewachsenen Ichstärke und einem nur selten zu erschütternden Humor aus. Beides gründet wiederum auf eine Familie, die ihn bedingungslos liebt – was aber auch Opfer fordert. Und das lässt die Autorin durch geschickt gesetzte Perspektivwechsel einfließen.

Zu Anfang, in der Mitte und am Ende hat „Auggie“ das Wort, dazwischen aber schildern unter anderem seine Schwester, deren Freund und auch ein Klassenkamerad ihre Sicht auf das Erleben mit ihm.

Doch natürlich geht es nicht ohne einige weitere idealtypische Stellschrauben, wie zum Beispiel einen äußerst fähigen und vorbildhaften Schulrektor. Denn August bleibt nach Eintritt in die 5. Klasse seiner Schule wirklich nichts erspart. Die von ihm zu erduldende Ausgrenzung bis hin zum systematischen Mobbing – keineswegs nur von Schülern, sondern auch von deren Eltern – würde wohl jeden in Verzweiflung stürzen, wären da nicht immer wieder auch einzelne, die gegen den Strom zu schwimmen bereit sind. Und diese einzelnen glaubwürdig und ohne Anschein eines willkürlich hervorgezauberten „Deus ex Machina“ auftreten zu lassen, ist eine bemerkenswerte Fähigkeit der Autorin.

Und damit sind wir auch schon beim Zielpublikum des Romans. Gott sei Dank sind nur vergleichsweise wenige Menschen vom Treacher-Collins-Syndrom betroffen, aber es bedarf ja erheblich weniger, ausgegrenzt und gemobbt zu werden. Von daher bietet sich das Buch zur Diskussion und Ermunterung all jener an, die sich nicht von Äußerlichkeiten und der Mehrheitsmeinung blenden lassen wollen (und sollen). Ulrich Karger

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