Kultur : „Ich möchte den Zuschauer verwirren“ Der taiwanesische Regisseur Tsai Ming-Liang

über Körper, Konsum und Pornografie

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Herr MingLiang, betrachten Sie „The Wayward Cloud“ (Die launische Wolke) als Komödie, als Farce oder gar als Manifest gegen die Pornografie?

Ich finde nicht, dass meine Filme auf Kritik aus sind. Mein Hauptthema war und ist der Körper. Pornografie ist für mich nur das Mittel, es so direkt wie nie zuvor anzugehen. Ich will die Dinge einfach so darstellen, wie ich sie sehe – im Gesellschaftlichen wie im Privaten.

Und Ihre kleine Notiz zum Film, in der Sie fragen: „Gibt es noch irgendetwas in diesem Konsumzeitalter, das nicht profitabel verkauft werden kann? Nichts. Nichts außer der Liebe“?

Natürlich sehe ich die Konsumgesellschaft kritisch. Aber nehmen Sie die Musicalszene, in der mein Hauptdarsteller Lee Kang-Sheng einen Penis darstellt. Da verwandelt er sich in ein reines Sexobjekt. Und trotzdem bewahrt er sich einen Rest Humanität. Er weiß noch, was Liebe bedeutet. Insofern ist er ein widersprüchlicher Charakter.

In einer anderen Musicalszene umtanzt und streichelt ein Heer junger Mädchen ein riesiges Standbild von Chiang Kai-Shek. Ist das ironische Verehrung oder Spott für Taiwans ersten Staatspräsidenten?

Ich versuche, ihn einfach als Mann zu sehen, ja ihn auf seine Männlichkeit zu reduzieren. Ich dachte mir, jetzt steht er schon so lange herum, wenn da einige Mädels an ihm herumklettern, freut ihn das sicher ungeheuer. Übrigens ist die Statue, die sich während der Dreharbeiten noch vor dem Palastmuseum in Taipeh befand, inzwischen demontiert und steht im Inneren des Gebäudes.

Mit Ihrer Lust, Genres zu vermengen, gehen Sie diesmal ziemlich weit.

Wenn ein Zuschauer „The Wayward Cloud“ verlässt, hoffe ich, dass er mit dem Gefühl herausgeht, einen sehr erotischen Nichtporno gesehen zu haben oder einen Nichtmusical-Musicalfilm. Er soll immer neu verwirrt darüber sein, was er sieht. Auch bei Bertolt Brecht …

… dessen „Guten Menschen von Sezuan“ Sie in einer choreografischen Bearbeitung auf die Bühne gebracht haben …

… entsteht die ganze Konstruktion im Hinblick auf das Thema. Ich will eben kein reines Konsumprodukt herstellen. Ich will kein reines Stück Kuchen vorsetzen. Ich will erreichen, dass sich die Zuschauer beim Verlassen des Kinos fragen: Was haben wir eigentlich gerade gegessen? Da kann es natürlich passieren, dass einige erst mal kotzen müssen.

Sie haben oft erklärt, wie wichtig das europäische Autorenkino von Antonioni, Bresson, Fassbinder oder Truffaut für Sie ist. Auch deshalb erkennen Europäer in Ihren Filmen Gefühlslagen, die sie als ihre eigenen interpretieren. Unterschätzen Sie damit nicht wesentliche Mentalitätsunterschiede?

Ich will bei meinen Zuschauern gar nicht viel voraussetzen. Was du siehst, ist das, was du auch kriegst: So würde ich es gerne halten. Ich glaube, dass der Akt des Verstehens sehr persönlich ist: Es kommt auf den Einzelnen an, nicht auf die Nationalität. Ich halte das Kino für eine Sprache, die auf der ganzen Welt verstanden wird. Wobei man den Zuschauer schon führen muss, um ihn etwas lehren zu können. Das globale Problem ist höchstens das Monopol der Hollywood-Perspektive. Die meisten Zuschauer sind einfach daran gewöhnt, Filme nur auf eine bestimmte Art wahrzunehmen. Selbst in Taiwan ist es so, dass Zuschauer meine Filme sehen und sagen: Ich verstehe das nicht. Aber ich bezweifle, dass sie nicht verstehen können. Sie sind es nur nicht gewohnt, etwas anderes als Hollywood-Filme mit ihrer einfachen, überall verständlichen Formel zu sehen.

Ihre Filme haben ein Arsenal von Markenzeichen entwickelt: ihren ewigen Hauptdarsteller Lee Kang-Sheng, das Wasser, die statische Kamera, die langsamen Einstellungen. Gibt es nie Momente, in denen sie Ihrer Welt entkommen wollen?

Wenn es so wäre, müsste ich nicht immer wieder neue Filme drehen. (Lacht wild) Ich möchte höchstens weniger Filme drehen, bin aber sehr gern mit meinen Darstellern zusammen, weil ich mit ihnen am besten meine Welt entwickeln kann. Es interessiert mich nicht, in die Breite zu gehen. Das Leben ist zu kurz, als dass man seine Zeit damit vertun sollte. Ich will in die Tiefe. Wer zu viel sieht, hat am Ende gar nichts gesehen.

Das Gespräch führte Gregor Dotzauer.

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