Kultur : Ich möchte ein Eisbär sein

Michaela Nolte

Während die New Economy leidet, bleibt der Boom junger Galerien in Berlin ungebrochen. Im Herbst verzeichnen die rund 300 privaten Kunsthändler zehn Neuzugänge. Dabei wirkt die zeitgenössische Kunst erfreulich konsolidiert, denn die Berlin-Neulinge sind durchweg keine Markt-Debütanten. Nach fünf Jahren in Oslo ist Atle Gerhardsen an die Spree übergesiedelt. An der Jannowitzbrücke präsentiert er ein internationales Programm mit skandinavischen Akzenten. Den Auftakt macht Annika Ströms Video-Sound-Installation "Six Songs For a Time Like This" (Holzmarktstraße 15-18, bis 10. November, Dienstag bis Sonnabend 11-18 Uhr). Es beginnt mit einer Bootsfahrt in malerischer Natur, und so eindringlich wie Mensch und Barke am Horizont entschwinden, verführt die 1964 geborene Schwedin den Betrachter. Musik, Landschafts- und Alltagsszenen erzählen von einer allemal vertrauten Welt, die in bizarre Ferne rückt, je weiter man in sie vordringt. Unaufgeregte Menschen in unspektakulärer Umgebung hintertreiben mit subtiler Komik die Megalomanie des Popkults. Ström dichtet, komponiert und singt ihre Lieder selbst, wobei ihre verschwommenen Bilder vom Ästhetizismus einer Pipilotti Rist weit entfernt ist. Wie hauchdünne Messer sezieren die scheinbar harmlos-fröhlichen Texte die Untiefen einer hypernormalen Welt.

Dem nordischen Understatement setzt die Galerie müllerdechiara amerikanische Fülle und Pop entgegen. Die dekorative Glühbirne von Luca Pancrazzi neben Paul Johnsons Videospiel-Installation und einer Leinwand von Jaqueline Humphries konterkarieren jegliche Linearität. Mit "Wattage and Friendship" fokussiert David Hunt, Gastkurator und New Yorker Publizist, den Energieaustausch mit all seinen Tücken. Joao Onofre hat den Computersound von "Kraftwerk" für einen Chor transkribiert und zur audiovisuellen Studie verdichtet. Satirisch blickt John Espinosa auf "Things you can or cannot learn from TV": Zwei Hirsche kämpfen Kopf in Kopf, also kopflos, und werden von einer Korona aus giftgrünem Plexiglas gehalten. Nicht alle 21 Künstler gehören zum Stamm der Galerie, doch auch das ist Programm. In Zeiten globaler Vernetzung gilt der Schulterschluss auf dem Kunstmarkt. Die New Yorker Galeristin Laurie De Chiara und der Berliner Kunsthistoriker Sönke Magnus Müller eröffnen 2002 am Rosa-Luxemburg-Platz; bis dahin gastieren sie im IG-Metall-Haus (Alte Jakobstraße 149, bis 17. November; Dienstag bis Sonnabend 12-18 Uhr).

Resonanzen und Dissonanzen der Wirklichkeit hat die Berliner Kunsthistorikerin Caroline Käding für die Ausstellung "Passion" akribisch eingerichtet. Sieben Rückkoppelungen von Bild und Wirklichkeit gruppieren sich um ein Ölporträt von Frank Auerbach. 1931 in Berlin geboren und seit 1948 in London lebend, konzentriert Auerbach die Figur zur kongenial abstrakten Bewegung; Modell und Realität auflösend und gleichsam in jeder Pinselspur evozierend. Dem Verlust von Wirklichkeit widmen sich Gabriel Orozco, Ceal Floyer, Mark Prince und Glenn Brown. David Claerbout zeigt zwei Leuchtkästen, die die Extension des Realen beeindruckend aus dem Nichts erstehen lassen. Die Hamburger Galerie Ascan Crone, seit dem Tod ihres Gründers von Andreas Osarek geleitet, eröffnet mit dieser wohltemperierten Schau ihre Berliner Dependance (Kochstraße 60, bis 8. November; Dienstag bis Freitag 11-18 Uhr, Sonnabend 12-18 Uhr). In unmittelbarer Nähe zum weiteren Zentrum in der Zimmerstraße will Osarek seine Künstler in der "vitalsten Kunstszene in Deutschland" verankern und neue Ausstellungskonzepte erproben.

Gegen den Trend zum Kunszentrum hat Jens Pepper abseits der Kunstpfade eröffnet. Die pepperprojects (Christburger Straße 6, Dienstag bis Freitag 14-18.30 Uhr, Sonnabend 11-17 Uhr) treten auch sonst eher durch Originalität denn Grandezza hervor. Pepper, den die Praxis schon während des Studiums umtrieb, setzt auf das junge und renommierte Berliner Spektrum. Zu den Ausstellungen erscheinen Edition, die im günstigen Abonnement gebucht werden können. Das mag verlocken, denn die Einweihung bestritt der britische Computerpionier Brian Reffin Smith, im nächsten Jahr folgen Christina Kubisch und Tyyne Claudia Pollmann. Nach dem Motto Platz ist in der kleinsten Hütte vereint die Ein-Raum-Galerie Fotografien, Zeichnungen sowie drei großformatige Leinwände von Eva Castringius. Während die Bilder im Stil des Neo-Surrealismus eine prägnante Kraft vermissen lassen, erfinden die Fotografien die Lichtmalerei noch einmal neu (bis 28. November).

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