Kultur : "Ich möchte keine Oper schreiben"

Als Komponist gehört Pierre Boulez seit den fünfziger Jahren zu den prominentesten Vertretern der musikalischen Avantgarde.Enttäuscht von der Qualität der Aufführungen Neuer Musik, widmet er sich inzwischen verstärkt dem Dirigieren.Im Rahmen der "Festtage" leitet er heute um 11 Uhr in der Berliner Staatsoper die Staatskapelle mit Mahlers "Lied von der Erde".Mit Boulez sprach Volker Straebel.



TAGESSPIEGEL: Pierre Boulez, während das Werk Schönbergs vor 1920 Ihr eigenes Komponieren stark beeinflußt hat, haben Sie sich sehr distanziert zu seiner klassizistischen Phase geäußert.Was interessiert Sie heute an der Oper "Moses und Aron", die in diese Periode fällt und die Sie am Donnerstag in der Philharmonie aufgeführt haben?

BOULEZ: Ich habe einen ziemlichen Abstand zu diesem Stück, das ich erst in den sechziger Jahren entdeckt habe, weil es vorher nicht gedruckt war.1995 dirigierte ich es wieder nach über 20 Jahren und habe die Partitur neu analysiert.Schönberg war sehr stolz, daß er eine ganze Oper theokratisch auf eine einzige Zwölftonreihe aufgebaut hat, anders als etwa Berg.Er ist wirklich clever mit seinem begrenzten Material umgegangen, und das hat mich sehr beeindruckt, mehr als früher.

TAGESSPIEGEL: Gibt es einen Gegensatz zur gewählten Form der Oper?

BOULEZ: Ja, es gibt einen inneren Widerspruch zwischen dem Vokabular, das immer Variation verlangt, und einer Technik, die Wiederholung verbietet.Es ist interessant zu sehen, welche Probleme Schönberg gehabt hat und wie er versuchte, zur tonalen Welt zurückzukommen.Im Gegensatz zu seinem Melodram "Erwartung", wo alles immer neu ist, erreicht er in dieser Oper Zusammenhalt durch die oft kaum zu hörende Wiederholung einzelner Melodien, ganz anders als Wagner mit seinen Leitmotiven.Diese Technik erinnert eher an Mahler, etwa an den langsamen Satz der vierten Symphonie, wo eine prominente Hauptmelodie später wörtlich als Nebenstimme wieder auftritt.Das ist für mich sehr interessant, denn diese Technik ist zugleich Zitat und organische Entwicklung.Schönberg hat damit die neoklassizistische Oper geschaffen, die Hindemith nie hätte schreiben können.

TAGESSPIEGEL: Trotz Ihres ambivalenten Verhältnisses zu dieser Gattung tragen Sie sich seit langem mit Plänen für eine eigene Oper.Als Librettisten waren Jean Genet und Heiner Müller im Gespräch.Wie ist jetzt der Stand der Dinge?

BOULEZ: Nun, die beiden sind inzwischen gestorben und ich suche jetzt wieder einen Mitarbeiter, denn ich halte mich nicht für geeignet, den Text selbst zu schreiben.Es gibt auch schon einige Kontakte.Ich selbst möchte keine Oper schreiben, das ist mein Problem.Wenn man bedenkt, was in den letzten 30, 40 Jahren im Theater passiert ist, reichen die einfachen Strukturen - hier die Bühne, dort der Orchestergraben - nicht mehr aus.Es gibt mehrere Stücke von mir, die am Theater orientiert sind, wie "Répons" (1981), und ich möchte gerne eine Lösung finden, die das alte Theater überwindet, aber in ein Opernhaus paßt.Wenn man etwas wirklich neues erfinden will, muß man es wie Wagner machen und utopisch sein, während man zugleich ganz realistisch ist.

TAGESSPIEGEL: Vor 25 Jahren haben Sie erklärt, Sie wollten in den Musikbetrieb als Dirigent eindringen, um sein System von innen zu verändern.Ist Ihnen das gelungen?

BOULEZ: Nein, das wirtschaftliche System ist zu stark, um es wirklich zu ändern.Ich habe gelegentlich Erfolge gehabt, zum Beispiel in meiner Zeit in London in den siebziger Jahren, als ich Konzerte mit Neuer Musik an Orten gegeben habe, wo sonst keine Musik gespielt wurde.Aber das verschwand wieder, als ich nicht mehr da war.Dafür habe ich erreicht, daß in Paris ein flexibler Konzertsaal gebaut wurde, die "Cité de la Musique", der bleibt natürlich.

TAGESSPIEGEL: Ihr jüngstes Werk nach "Sur Incices" (1996) ist das Orchesterstück "Notation VII" nach einer Nummer aus Ihrem Klavierzyklus "Douze Notation" von 1946.Welches Interesse haben Sie an der Bearbeitung eigener Stücke?

BOULEZ: Das ist wie eine Übung mit sich selbst.Ich habe jetzt einen völlig anderen Zugang zu dem Material als vor 50 Jahren.Als nächstes Stück plane ich "Anthèmes III" nach den ersten beiden für Cello und Geige mit Elektronik.Ich habe das sehr gern, wie Proust immer wieder das gleiche Material zu verwenden, ohne daß die Zusammenhänge offensichtlich sind.Ich schreibe nur selten Stücke, von denen ich sagen kann, gut, das ist fertig.

TAGESSPIEGEL: Treffen sich hier Komponist und interpretierender Dirigent?

BOULEZ: Ja, ich schaffe einen musikalischen Kern, aus dem sich dann verschiedene Stücke organisch entwickeln.Das bewundere ich besonders an Wagners "Ring", diese gewaltige Macht der Imagination, die von wenigen musikalischen Zellen ausgeht.

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