Kultur : „Ich möchte Köln ins Kunstfieber versetzen“

Am 28. Oktober eröffnet die Art Cologne. Ein Gespräch mit ihrem neuen Direktor Gérard Goodrow über den Messemarathon

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Als neuer Direktor der Art Cologne sind Sie sicher kritischen Auges durch die Berliner Kunstmesse gegangen. Welche Eindrücke haben sie vom diesjährigen Art Forum mitgenommen?

Die negativen Prognosen im Vorfeld, dass die Messe durch das Debüt der Londoner Frieze beeinträchtigt sein würde, lassen sich nicht halten. Der Umzug in die historischen ErmischHallen und die Reduzierung der Teilnehmerzahl taten dem Art Forum gut. Die Spannbreite der gezeigten Kunst bei 100 Teilnehmern ist allerdings relativ eng und wäre für die Kölner Messe nicht weit genug, da die Art Cologne ja über die zeitgenössische Kunst hinaus Nachkriegskunst und Klassische Moderne zeigt.

Aber die Kritik an der Art Cologne in den letzten Jahren richtete sich darauf, dass bei der inzwischen zwar reduzierten, immer noch großen Teilnehmerzahl zu viel mindere Qualität in Kauf genommen wird.

Das stimmt nur bedingt. Es reicht auch nicht, bessere Galerien heranzuholen. Wichtig ist, dass alle Teilnehmer frische Ware für die Messe reservieren. Manche Galerien bringen Ladenhüter mit. Das sollten Sie mal auf einer Auktion versuchen! Ich verstehe auch, warum die Kölner Regelung, nur eine begrenzte Zahl an Künstlern ausstellen zu dürfen, für viele Galerien problematisch ist. Sie sollen ihr ganzes Programm zeigen dürfen.

Die Präsenz der Sammler ist auf der Art Cologne weitgehend stabil. Wie können Sie als langjähriger Mitarbeiter von Christie’s diese Anbindung noch ausbauen?

Ich kenne viele Sammler und werde sie persönlich ansprechen können. Denn von Ausstellern habe ich schon gehört, dass dieser Kontakt bislang zu kurz kam, dass sie sich bei der Messegesellschaft melden mussten, wenn irgendetwas nicht stimmte. Während der Messezeit werde ich vor Ort sein und nicht im Büro sitzen bleiben. Mir ist der Dialog sehr wichtig. Das ganze Jahr über möchte ich Gespräche führen: mit Galerien, die nicht zugelassen wurden oder die noch nicht an der Messe sind und mit potenziellen Ausstellern. Man muss das offensiv angehen. Aber noch einmal zu den Sammlern. Der Service-Bereich der Art Cologne sollte dahingehend verbessert werden. In Europa scheint der Service immer noch ein Problem zu sein, da bin ich als Amerikaner etwas anderes gewohnt. Für die VIPs muss es ein Rahmenprogramm geben, mehr Beratung, häufiger Gänge über die Messe. Sie müssen einander und den Ausstellungsmachern, Museumsleuten oder Galeristen vorgestellt werden. Die Messe ist ein Forum. Und da reicht es nicht, ihnen eine VIP-Karte und einen Katalog in die Hand zu drücken. Ein VIP soll sich auch wie ein VIP fühlen.

Und die Künstler, denen die Messe letztlich die dort angebotene Ware Kunst verdankt?

Ich will eine spezielle VIP-Karte für Künstler einführen, damit die Künstler ihren wohlverdienten Platz im Messegeschehen einnehmen können. Auch wenn Künstler traditionell nicht unbedingt zur Käuferschicht gehören, tragen sie viel zur Atmosphäre bei – im Gegensatz zu jemandem, der lediglich eine Ausstellung sehen will. Ich fände es richtig gut, wenn Künstler wie Sarah Lucas oder Mike Kelley zur Messe kommen würden.

Der gewöhnliche Besucher ist nicht gefragt?

Ja und nein. Das ist ein Drahtseilakt. Letztlich muss ich darauf achten, dass sich die Sammler wohl fühlen. Dazu gehört, dass die Galeristen für sie Zeit haben. Natürlich wäre die Messe ohne den „normalen“ Besucher tot, aber zu viele machen sie auch nicht erfolgreicher. Wichtig sind die Käufer und die jungen Leute – die potenziellen Sammler von morgen. Konsum-und Investitionsgütermessen haben oft auch nur einen Besuchertag – wenn überhaupt. Kunstmessen sind dagegen traditionell Publikumsveranstaltungen. Die Messe sollte aber nicht mit einer Ausstellung verwechselt werden, sie ist in erster Linie ein Markt. Man muss das ganz nüchtern sehen. Einen Service für den „normalen“ Besucher habe ich mir allerdings auch überlegt. Man könnte etwa Auktionen in die Messe einbinden. Oder wie bei der Westdeutschen Kunstmesse einen Bewertungstag veranstalten, an dem die Besucher von Experten Kunstwerke aus ihrem Privatbesitz bewerten lassen können. Vor Jahren hatte man meines Wissens auf diese Weise einen van Gogh auf der Messe in Köln entdeckt.

Das alles tritt aber erst nächstes Jahr in Kraft, denn Sie haben erst Mitte September angefangen und konnten die Art Cologne 2003 kaum beeinflussen. Welche Neuerungen konnten Sie dennoch umsetzen?

I ch werde zum Beispiel zusammen mit dem Museum Ludwig und Kasper König auf der diesjährigen Art Cologne Kuratoren, Museums- und Kunstvereinsleiter aus der Region zu einem Planungsgespräch einladen. Es kommen Kollegen unter anderem aus Düsseldorf, Bonn, Duisburg und Essen. Später könnte man das vielleicht auf die gesamte Region ausweiten: das Dreiländereck, den Ruhrpott, das Gebiet von Kleve bis Frankfurt. Es geht dabei nicht nur um Terminabsprachen, auch um Ausstellungskonzepte, die im nächsten Jahr abgestimmt werden sollten. Das gefiel mir beispielsweise in Berlin sehr, dass die Museen der Stadt gut zusammengearbeitet haben. Auch in London hat die Messeleitung offensichtlich einen sehr guten Draht zu den verschiedenen Museen und Institutionen der Stadt. Und aus meiner persönlichen Erfahrung weiß ich, dass ich während der Messezeit eine tolle Eröffnung in Bonn besuchen wollte und immer am selben Abend etwas in Düsseldorf oder Köln verpasste. Solche Termine kann man absprechen – und das nicht nur zur Messezeit.

Ist die Art Basel ein Vorbild?

Es ist schwierig mit Basel zu konkurrieren. Für viele Sammler ist die Art Basel schon wegen des für sie günstigen Steuerrechtes interessanter . Die Basler Messegesellschaft hat keine Probleme mit dem Kartellrecht und kann so alleine entscheiden, wer mitmacht und wer nicht. Demzufolge ist es für sie auch einfacher, Galerien heranzuholen. Wir können viel von Basel lernen, die Basler aber auch von uns.

Was denn?

Sie können lernen, dass das Regionale auch wichtig ist. Basel konzentriert sich zu sehr auf das internationale Geschehen. Das ist anders, wenn man nach Köln kommt. Auch hat der Standort Köln einen weiteren, nicht unerheblichen Vorteil: Von hier aus ist man ganz schnell in Paris, Brüssel oder Amsterdam – vor allem mit den Billigfliegern. So kommt man aus Amerika, fliegt morgens nach Frankfurt oder Paris und abends zurück nach Köln. Keine andere Stadt hat das – weder New York noch Basel oder auch Miami.

Was ist Ihnen denn beim Debüt der Art Basel Miami im letzten Jahr aufgefallen?

Vor allem begeisterte mich, dass man täglich vor Messebeginn – sie war von 12 bis 21 Uhr geöffnet – morgens ab 9 Uhr zum Open House der Sammler gehen konnte – bei Kaffee in Pappbechern und Donuts. Es war gerade für die internationalen Besucher sehr interessant, die Sammlungen von Don und Mera Rubell oder Rosa und Carlos de la Cruz zu sehen. Überall in der Stadt gab es einen Shuttle-Service. Sogar die Politessen trugen Art-Basel-Miami-Pins. Die Stadt war im Kunstmessefieber. Selbst die Geschäfte, schließlich geht es bei Messen nicht nur um die Hotels und Restaurants. Deshalb sind wir zum Beispiel in Köln auch mit der City Marketing im Gespräch, einem Verein der Geschäfte im Zentrum. Der Kaufhof könnte beispielsweise ein Art-Cologne-Fenster zur Messe machen.

Bei einer vergleichsweise äteren Dame wie der Art Cologne wird es schwieriger sein, die ganze Stadt in ein Fieber zu versetzen...

In Köln gibt es wie beispielsweise in London und Basel auch eine ganz neue Situation: Die Art Cologne hat jetzt einen Direktor. Und ich denke schon, dass ich offen bin und mit meiner Begeisterung anstecke. Wenn wir beispielsweise einen Sponsor für die Rheinbrücken begeistern könnten, würden wir sie wieder wie früher mit Art-Cologne-Fahnen beflaggen. Es muss einfach zur Messe in ganz Köln eine gute Stimmung aufkommen!

Das Gespräch führte Uta M. Reindl

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