Kultur : Ich performe, also bin ich

Das Archivprojekt „React feminism“ gastiert in der Akademie der Künste.

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Viel Arbeit. Raeda Saadehs Videoinstallation „Vacuum“ aus dem Jahr 2007. Foto: Raeda Saadeh
Viel Arbeit. Raeda Saadehs Videoinstallation „Vacuum“ aus dem Jahr 2007. Foto: Raeda Saadeh

So manche Aktionskunst der 60er und 70er Jahre hätte ein böses Ende genommen, wenn nicht das Publikum beherzt eingeschritten wäre. Marina Abramovic, heute die Altmeisterin der Performance, ritzte sich damals in den Bauch und legte sich blutend auf einen Eisblock. Die Österreicherin Valie Export wiederum wälzte sich in Scherben. Nirgendwo sonst vermischen sich Kunst und Leben so sehr miteinander wie bei der Performance. Schon immer taugte sie daher als Ausdrucksmittel der Emanzipationsbewegung.

Es waren vor allem Künstlerinnen, die in ihren Aktionen die Kontrolle über ihr Tun immer wieder selbstzerstörerisch abgaben. Valie Export schreibt 1972 in ihrem Manifest: „Die Kunst kann für die Frauenbewegung von Bedeutung sein, indem wir aus der Kunst neue Bedeutungen – unsere Bedeutungen – schlagen: Dieser Funke kann den Prozess unserer Selbstbestimmung entzünden.“ Die Schrift ist nur eine der provokanten, emotionalen oder kämpferischen Proklamationen, die man jetzt in der Ausstellung „React feminism“ in der Berliner Akademie der Künste nachlesen kann. Die Textsammlung ist Teil des mobilen Archivs, das nach zweijähriger Europatour Station am Hanseatenweg macht. Das Herzstück bilden Filme und Fotografien von 180 Künstlerinnen und Kollektiven aus 40 Jahren Performancegeschichte, von den Anfängen mit Yoko Ono und Abramovic bis heute, von Osteuropa bis zum Nahen Osten. Sie stehen durchnummeriert in einem Regal, anschauen kann man sie an Arbeitstischen, die wie Überseekisten aussehen. So bleibt es jedem Besucher selbst überlassen, wie tief er oder sie in die Geschichte der feministischen Aktionskunst einsteigt.

Da gibt es die feinen ironischen Skizzen der 1966 in Teheran geborenen Künstlerin Ghazel: Sie filmte sich in den kaum zweiminütigen Videos der Reihe „Me“ beim Schwimmen, beim Fitnesstraining, Wasserskifahren oder Rasenmähen. Dabei trägt sie den traditionellen Tschador, der sie in ihrer Bewegungsfreiheit einschränkt – so kippen die Szenen ins Absurde. Auch feministische Klassiker sind dabei, wie die Arbeiten der 1991 verstorbenen radikalen Brasilianerin Leticia Parente. Sie nähte sich die Worte „Made in Brazil“ in die Fußsohle oder injizierte sich Spritzen, die gegen Rassismus oder kulturellen Kolonialismus helfen sollten. Immer wieder bäumte sich die Künstlerin gegen die Folter des brasilianischen Militärregimes auf.

Auch Männer haben zum Archiv beigetragen, wie der 1964 in Ludwigshafen geborene Robert Hutter. Gemeinsam mit seiner Partnerin Ingrid Mwangi versucht er, Geschlechterdefinitionen aufzuheben. Im Video sieht man nur ihre geschorenen Hinterköpfe. Schwer auszumachen, wer Mann, wer Frau ist.

Auf der Reise des Archivs durch Europa von der baskischen Stadt Vitoria-Gasteiz über Zagreb, Roskilde und Barcelona ist eine beeindruckende Sammlung von mehr als 250 Dokumenten zusammengekommen. Doch mehr als eine Videothek ist die Ausstellung in der Akademie dann leider doch nicht. Es werden keine Verbindungslinien von den Pionierinnen zur bereits zweiten und dritten Generation von Performerinnen gezogen oder regionale Unterschiede aufgezeigt, es gibt keine Einordnungen, nur Vielfalt.

Es ist das erklärte Ziel des Rechercheprojekts, die Berliner und die internationale Performanceszene zu vernetzen. Das kann gelingen. Wer jedoch nicht Teil der Szene ist oder wissenschaftlich arbeitet, ist auf das parallel angebotene Veranstaltungsprogramm mit Vorträgen, Workshops und Live-Performances angewiesen, um Zusammenhänge zu begreifen.

Hanseatenweg 10, bis 18.8., Di–So 11–10 Uhr. Informationen zum Begleitprogramm:

www.reactfeminism.blogspot.de

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