Kultur : Ich rief mich mit dem Namen einer Insel Zum 95. Geburtstag der Lyrikerin Hilde Domin

Katrin Hillgruber

Ihre schöpferische Freude am Widerspruch hält Hilde Domin jung. An der Poesie schätzt sie deren „unspezifische Genauigkeit“; der Gegensatz von Bedrohung und Verlust, von Hoffnung und Rettung prägt ihr vielfach preisgekröntes Werk. In seiner zugänglichen Hermetik gehört es längst zum Kanon deutschsprachiger Gegenwartslyrik und wurde in 22 Sprachen übersetzt. Die Erfahrung des Exils hat ihr Leben bestimmt. Die „linguistische Odyssee“ der Tochter eines jüdischen Rechtsanwalts aus Köln begann eher zufällig im Herbst 1932 auf einer Studienreise nach Rom mit ihrem späteren Mann, dem Schriftsteller und Kunsthistoriker Erwin Walter Palm, und führte über England bis nach Santo Domingo.

Hilde Domins eingängige Metaphorik, die, von den Sprachzweifeln der Moderne scheinbar unberührt, fest an die Macht des Wortes, an die bewährte Symbolik der Tauben und Rosen glaubt, hat sie berühmt gemacht.

1959 erschien das Lyrikdebüt der Fünfzigjährigen mit dem schwebenden Titel „Nur eine Rose als Stütze“, ein Band, dem Walter Jens „Vollkommenheit im Einfachen“ bescheinigte. Es ist ein ähnlicher, den direkten Weg in die Schulbücher weisender Ruhm wie der Erich Frieds. Die appellativen Zeitgedichte der beiden lassen sich vergleichen, etwa Domins „Napalm Lazarett“. Auch mit den Mechanismen literarischer Meinungsbildung und den erschwerten Bedingungen weiblichen Schreibens hat sie sich immer wieder pointiert auseinandergesetzt.

In „Landen dürfen“ aus dem zuletzt publizierten Buch „Der Baum blüht trotzdem“ (1999) erweist Hilde Domin der Dominikanischen Republik, Domizil der Palms von 1940 bis 1954, als Ort der Rettung und persönlichen Neubenennung („Domin“) ihre Reverenz: „Ich nannte mich /ich selber rief mich / mit dem Namen einer Insel. / Es ist der Name eines Sonntags / einer geträumten Insel. / Kolumbus erfand die Insel an einem Weihnachtssonntag.“

Die Lyrik wurde der Übersetzerin, Deutsch-Dozentin und Architekturfotografin zum „zweiten Paradies“, wie der Titel ihres autobiografischen Romans lautet. Die südamerikanische Wahlheimat zieht sich als Spur des Surrealen durch ihre Sprachbilder wie im erzählerischen Kleinod „Die andalusische Katze“, das 1987 mit Holzschnitten von Wolfgang Simon in der Eremiten-Presse erschien.

Ein Urvertrauen in die lang entbehrte deutsche Sprache leitet die Lyrikerin: „Ich setzte den Fuß in die Luft, und sie trug.“ Sie postuliert das Wort als autonome, von geschichtlichen Katastrophen unanfechtbare Instanz, der sie eine ins Anthropologische gesteigerte Verbindlichkeit abverlangt. Sprache wird wie die Natur zum überindividuellen Daseinsfaktor, zum nachgereichten Trost für Kollegen wie Paul Celan, Peter Szondi oder Jean Améry, „die nicht weiterleben wollten“. Ihnen ist das Gedicht „Ausbruch von hier“ gewidmet, das „auf der anderen Seite der Erde“ so etwas wie Zuversicht verheißt: „Dort will ich / freier atmen / dort will ich ein Alphabet erfinden / von tätigen Buchstaben.“ In ihrem ehemaligen Studienort Heidelberg fand sie 1961 ein dauerhaftes Domizil, in einer Villa hoch über dem Neckar. Heute, an ihrem 95. Geburtstag, zeichnet die Stadt die ungebrochen vitale Jubilarin mit dem Ehrenbürgerrecht aus.

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