Kultur : Ich rufe die Erde zu Hilfe

Die Schönheit der Mythen: der Künstler Anselm Kiefer über Anfänge, Alchimie – und revolutionäre Frauen

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Herr Kiefer, wie kein anderer zeitgenössischer Künstler wählen Sie germanische, griechische und mesopotamische Mythen, seit kurzem auch jüdische Mystik, als Vorlage. Der Kunstmarkt honoriert Ihre Arbeiten mehr denn je. Sind Mythen und Mystik zur Zeit so populär?

Sie waren immer populär. Die Werbung zum Beispiel bedient sich ständig der Mythen; allein der Jugend oder Jungbrunnen-Mythos ist allgegenwärtig. Man glaubt, sich mit kosmetischen oder chirurgischen Eingriffen ewige Jugend erkaufen zu können. Das ist eine Illusion. Sich künstlich zu verjüngen, finde ich hässlich. Alter hat doch eine Würde mit einer sehr ästhetischen Ausstrahlung. Mythologische Bilder veranschaulichen diese Art der Schönheit. Sie besitzen Heilkraft, aber man muss sie entschlüsseln lernen.

Wollen Sie mit Ihren Bildern dazu ermutigen?

Vor allem versuche ich, Sinn herzustellen. Weil es keinen Sinn gibt. Dabei helfen auch Rituale. Mythen und Rituale gehören zusammen. Das Ritual ist der Nachvollzug des Mythos, seine spirituelle Wiederholung. Mit seiner Hilfe gewinnt man Ordnung, stiftet Sinn. Wohlgemerkt, man kann Sinn nicht finden, nur konstruieren!

Welche Mythen sind in den Werken Ihrer aktuellen Ausstellung in Salzburg zentral?

Der Titel der Ausstellung ist „Am Anfang“. Wir alle würden gerne den Anfang kennen, unseren und den der Welt. Und damit auch unseren Weg, unser Ziel. Aber das können wir mit unseren Mitteln niemals herausfinden. Wir können uns höchstens herantasten. Der Anfang ist ein zentrales Thema der Kabbala. Auf meiner Collage „Sefer Hechaloth“ (Buch der Himmelspaläste) schweben – wie auf anderen Werken auch – Treppenstufen im Raum. Es spielt keine Rolle mehr, ob man sie hinauf- oder hinuntersteigt. Ein anderes Bild, „Pisces“, zeigt das Sternbild der Fische, einen kosmischen Raum ohne Anfang und Ende. Die kleinen Etiketten auf den Zahlen darauf sind die von der Nasa entlehnten Namen der Sterne. Dem Bild wird so ein paradoxer Schein von Wissenschaft verliehen.

In der Ausstellung gibt es auch Blei- und Gipsplastiken von weiblichen Figuren mit bodenlangen Reifröcken. Sie sind nach Frauen der Geschichte benannt, zum Beispiel der griechischen Dichterin Sappho.

Oft standen Frauen am Anfang von Umstürzen oder elementaren Veränderungen. Meine Werke verstehe ich als Hommage an sie, an die Frauen der Antike, die Königinnen von Frankreich oder die Heldinnen der Revolution. Kaum jemand weiß ja, dass die Salons von Madame Germaine de Stael in Paris oder Madame Henriette Roland in Amsterdam Keimzellen des französischen beziehungsweise des russischen Umsturzes waren! Leider besitzen wir umso weniger Quellen und Informationen, je weiter wir in der Zeit zurückgehen. Die Taten von Frauen waren selten ein Thema. Deshalb haben meine Skulpturen keine Köpfe. Es gibt nur ihre Silhouetten. Statt der Häupter tragen sie allegorische Attribute ihrer Identität, Bücher, ein Rad, eine Krone aus Stacheldraht .

Und welches Schicksal musste „Cornelia“ erleiden, an die Sie mit einer stacheldrahtumwickelten Skulptur erinnern?

Sie ist eine Vestalin, eine der sechs Priesterinnen der römischen Göttin Vesta, die das Herdfeuer des Staates hüteten. Als solche hatte sie sich einem keuschen Leben geweiht. Dann wurde sie verdächtigt, eine Affäre mit einem Mann zu haben und daraufhin bei lebendigem Leib eingemauert. Sie ist verhungert.

Meint der Titel „Am Anfang“ nicht auch, dass es immer einen Neubeginn geben kann?

Natürlich. Es gibt keine lineare Entwicklung. Die Eschatologie des Christentums oder der Marxismus haben versucht, Heilslinien von unten direkt in den Himmel zu ziehen. Das sind Einbahnstraßen. Alles geschieht in Zyklen, es gibt unendlich viele Anfänge.

Heißt das nicht auch, dass man zerstören muss, um kreativ sein zu können?

Ja. Künstlerisches Schaffen entsteht aus diesem Konflikt. Mein Arbeitsprozess ist tatsächlich ein destruktiver Akt, aber er enthält ein konstruktives Moment. Wenn ich Farbe über die Bilder kippe, mit der Axt auf sie einschlage, sie verbrenne, ein Jahr lang in den Regen stelle oder mit dem Auto über sie hinwegfahre, rufe ich die Erde zu Hilfe, damit das vielleicht zu sehr in der Welt Aufgegangene transformiert wird. So strukturiere ich die Bilder im Lauf der Zeit ständig um, aber ich vernichte sie nicht. Das ist entscheidend.

Stellen Sie sich mit diesem alchimistischen Arbeitsprinzip absichtlich jenseits des Mainstreams der Moderne?

Mich interessiert die Kunstgeschichte nicht, eigentlich interessiert mich auch die Kunst nicht. Die Kunst, die Malerei, die Skulptur oder mein Schreiben, das sind nur Mittel, kein Selbstzweck. Mit ihnen stelle ich die Fragen nach der Existenz. Ich bin ein Untergrundkünstler. Weil ich glaube, dass ich an etwas arbeite, das im Moment noch verschüttet ist.

Wie halten Sie die Balance aus Zerstören und Schaffen?

Diese Art Gleichgewicht kann man sich am besten mit dem Bild eines Gebirges vergegenwärtigen. Dort gibt es ein ständiges Werden und Vergehen. Sedimente falten sich auf und werden wieder abgetragen. Über meine Bilder könnte man ein geologisches Buch schreiben. Man könnte hineinbohren, die einzelnen Schichten herauspräparieren und sie dann analysieren.

Was würde man entdecken? Konservierte Materie und Zeit?

Genau. Ich verdichte geologische und kosmologische Rhythmen. Sie haben mit unseren menschlichen Tempi nicht das Geringste zu tun. So ähnlich wie ich gingen auch die Alchimisten vor. Sie beschleunigten Naturprozesse durch zum Teil hochgefährliche Experimente. Zum Beispiel machten sie aus Urin Phosphor, indem sie ihn in riesigen Mengen verdampften und bei hoher Temperatur brannten. Alchimistisch betrachtet, ist meine Arbeit ein Zusammenziehen von Zeit, um meine Lebenszeit so zur geologischen oder sogar kosmischen Zeit hin zu dehnen.

Ist Ihre Arbeit damit auch eine Meditation über die Sterblichkeit?

Ja. Auch wenn unsere gesamte Kulturindustrie den Tod verdrängt. Der Tod ist die größte persönliche Katastrophe, aber ohne ihn gäbe es kein Bewusstsein. Ohne ihn wären wir nicht vorhanden.

Das Gespräch führte Eva Karcher.

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