Kultur : Ich sage nichts und bin etwas

Zwischen Berlin und Malaysia: Peter Waterhouse beschwört in einem Gedichtroman sein Leben

Michael Braun

Als kleiner Junge hatte er sich immer vor der Sprache gefürchtet. Sprache, das war für Peter Waterhouse, den Sohn eines britischen Geheimagenten und einer österreichischen Mutter, die aus Mähren vertrieben worden war, immer etwas Ungreifbares, da die Wörter und die Dinge nicht zueinander passen wollten. Der 1956 in Berlin geborene Waterhouse wuchs in der Abgeschiedenheit Malaysias zweisprachig auf, mit dem Deutschen und dem Englischen, und schon früh entstand sein Wunsch, als Übersetzer die Räume zwischen den Sprachen zu betreten.

Die klandestine Tätigkeit des Vaters brachte es mit sich, dass die Familie nirgendwo heimisch wurde, sondern die Wohnsitze häufig wechseln musste. So kam der Junge von Malaysia nach Köln und Berlin, später nach Triest und Yorkshire in immer neue Sprachlandschaften. „Wenn wir sprechen, ist alles falsch“: Diesen Satz hörte der Junge von seinem Vater, der durch viele Länder der Welt gereist war, aber von seinen Abenteuern immer nur ein rätselhaftes Schweigen mit nach Hause brachte.

Ein Satz, der sich tief einbrannte ins Gedächtnis des Kindes und den Schriftsteller Peter Waterhouse zu seiner Poetik der Sprachempfindlichkeit führte, der wir nun sein Hauptwerk verdanken: ein großes Buch der Erinnerung, des Abschieds und der sinnlichen Wahrnehmung von Natur. Die autobiografische Unterströmung durchzieht die insgesamt zwanzig Kapitel dieser lyrischen Prosa, von den Urszenen über das Schweigen des Vaters bis hin zum Krebstod der Frau des Erzählers, der im letzten Kapitel in so dichten, berührenden Bildern vergegenwärtigt wird, dass einem der Atem stockt.

Wer sich eine Gattungsbezeichnung für dieses so eigenwillig zwischen lyrischen, essayistischen, sprachphilosophischen und erzählerischen Sequenzen changierende Buch wünscht, kann auf den Untertitel zurückgreifen, den Waterhouse seinem 1989 publizierten Prosabuch „Sprache Tod Nacht Außen“ gegeben hatte: „GEDICHT.Roman“. Schon dort vermochte Waterhouse seine Prosa „aus dem Identitätszwang“ und der „Benennung“ zu erlösen und in eine sanfte Bewegung zu verwandeln: „Das Gedicht ging von Übergang zu Übergang in kein Endgültiges.“ Diese sanfte, gleitende, die Wörter zunächst dekonstruierende und dann zu neuen Bindungen führende Bewegung entfaltet der Autor auch in „(Krieg und Welt)“.

Es ist ein assoziatives, sich weit verzweigendes Erzählen, das immer wieder seine Voraussetzungen befragt. Alles Vorsätzliche soll verbannt werden – in einem Akt romantischer Weltaneignung vertraut der Erzähler auf die unmittelbare Sprache der Natur: „Absicht, komische Sache. Etwas mitzuteilen, nein, nein. Der Natur konnte ich vertrauen, sie war ohne Mitteilung, nur Sprache, nur Anwesenheit. Da. Baum, enormes Wort ohne Mitteilung. Er sagte nichts, war etwas. Leben: war etwas. So wert und zart jede Stelle.“

Auf diesem Erzähl-Weg wird aus dem sprachempfindlichen Jungen ein Übersetzer, der auf seinen Spaziergängen vor den sinnlichen Qualitäten der Wörter ins Staunen gerät. Die Schauplätze des Buchs führen vom „Klangtal“ auf den Johore Bergen in Malaysia nach Wien, Berlin und London und in west-osteuropäische Grenzregionen wie Jesenice in Slowenien oder Brno/Brünn in Tschechien, der Heimatregion der Mutter des Erzählers.

Neben den Wörter-Offenbarungen, die dem Erzähler widerfahren, gibt es aber auch eine finstere Erfahrungsdimension des Buches, die im Titel „(Krieg und Welt)“ evoziert wird. Das darf man als Hinweis auf das Revolutionsgedicht von Wladimir Majakowski gleichen Titels und auf Leo Tolstois legendären Roman „Krieg und Frieden“ verstehen. Zugleich zeigt die Einbindung der Titelwörter in eine Klammer einen skeptischen Vorbehalt an, da der Erzähler grundsätzlich den „Hauptwörtern“ nicht traut. Und es signalisiert zugleich, dass „Krieg“ und „Welt“ wesenhaft zusammengehören.

Fast programmatisch wird in jedem Kapitel die dunkle Präsenz des Krieges aufgerufen. Der Vater des Erzählers ist in die subversiven Aktionen gegen das SED-Regime involviert, etwa am Bau von Flüchtlingstunneln durch das geteilte Berlin. Später beteiligt er sich in Kambodscha an undurchsichtigen Unterwanderungsaktionen. Auf den 670 Seiten dieses Buches tauchen immer neue Schauplätze der Subversion und der Zerstörung auf – dabei wird eine Vernichtungs-Linie gezogen vom „Brünner Todesmarsch“, der Vertreibung der Sudetendeutschen, bis hin zu den Massakern in der Krajina, einem der blutigsten Schauplätze in den jugoslawischen Bürgerkriegen.

Im letzten und bewegendsten Kapitel des Buches nimmt der Erzähler das letzte Geschenk des erblindeten Vaters zur Hand, ein Buch über die kriegerischen Konflikte vom China der Kaiserzeit bis in die Gegenwart. In seiner poetisch-phantastischen Manier verwandelt der Erzähler einige Sätze dieses historischen China-Romans in eine berührende Meditation über den Namen Maria und begibt sich damit ins Zentrum seiner familiengeschichtlichen Tragödie. Denn der Name Maria ist das Synonym für eine schmerzhafte Abwesenheit.

Nicht nur die Mutter des Erzählers, die sich vom unerträglich schweigenden Vater trennte, heißt Maria; auch die Frau des Erzählers, deren Sterben am Ende geschildert wird, trägt diesen Namen. „Wenn der geliebte Mensch stirbt, dann beginnen Melodien“, heißt es einmal in einem jener zahllosen Sätze dieses Buches, die zum innersten Kern eines Gedichts werden könnten. So viele zarte und zugleich komplizierte, naturmagische, lebensbejahende und zugleich todtraurige Melodien sind in einem Buch der Gegenwartsliteratur selten zu hören.

Peter Waterhouse: (Krieg und Welt).

Jung und Jung Verlag, Salzburg 2006.

672 Seiten, 44 €.

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