Kultur : "Ich sah ihnen nicht ins Gesicht" - Ein Dokumentarfilm

Werner Ginsberg

Der kleine Balkon an der Straßenecke hat die Zeiten überdauert. 27 000 junge und alte Menschen, fast alle jüdischen Einwohner des südpolnischen Bedzin, haben ihn nicht wiedergesehen, als sie 1943 die kurze Fahrt nach Auschwitz antraten. Einer der wenigen Überlebenden aber tritt 1999 auf seine Loggia in Tel Aviv. Er hält nach Gästen Ausschau, die mit ihm auf polnisch reden, und er wird ihnen erzählen, wie nahe einander vor allem viele junge jüdische und polnische Bewohner der Stadt waren, bevor 1939 die Deutschen einmarschierten. Die gegenseitigen Vorurteile schienen mit der älteren Generation auszusterben, so sah es damals aus.

Andrzej Klamt und Marek Pelc, der Regisseur und der Historiker, beide stammen aus Polen, gehen diesem Vorkriegstraum in ihrem Film "...Verzeihung, ich lebe" nicht weiter nach. Die Biografien der vier Überlebenden ziehen die Aufmerksamkeit von der Kleinstadt weg in Richtung Auschwitz. "Unser Transport war zu klein, um die Gaskammer zu füllen", berichtet die einzige Frau unter ihnen, und so ließ man sie im Schatten des rauchenden Schornsteins irgendeine Arbeit verrichten. "Nur die Schläfenlöckchen schor man mir nicht ab, so dass ich einem Talmud-Schüler ähnlich sah", erzählt die Frau, und es klingt fast lustig.

Die vier Personen, die Klamt und Pelc auf Grund eines im Museum Auschwitz deponierten Koffers mit 2400 Privatfotos aus Bedzin fanden, haben damals einen Kurzlehrgang über die deutsche Kultur absolviert. Im September 1939 versuchte die Frau den einmarschierenden Soldaten unter die Helme zu spähen. "Das waren doch Menschen aus dieser großen Nation, deren Dichter wir lasen." Später, in der Kiesgrube von Auschwitz, vermied es ihr Altersgefährte, den SS-Leuten ins Gesicht zu sehen. "Vielleicht habe ich darum überlebt."

Die Autoren kommentieren die Erzählungen der Vier und einiger polnischer Augenzeugen in Bedzin nicht, sie stellen aber immer wieder Bezüge zwischen damals und heute her, die sich auf geglückte Weise optisch vermitteln. Die Musik von Ulrich Rydzewski, der auch die Kamera führte, verschafft der Reflexion des Betrachters Raum, und die Bilder aus Tel Aviv wie aus der polnischen Provinzstadt stehen stets in einem Bezug zur Vergangenheit, die sich als nicht reproduzierbar erweist.

Der Film will nicht den Mechanismus des Holocaust neu untersuchen. Über Claude Lanzmans "Shoa" kann ohnehin kein Filmemacher hinausgehen. Aber man kann die Überlebenden sprechen lassen und die Hoffnungen, mit denen sie einst ins Leben traten, sowie ihr Gefasstsein gegen das Gefühl der Ohnmacht setzen. Die Fotos erinnern an Jugendträume, die nicht reifen konnten, und plötzlich erscheinen diese Überlebenden nicht mehr unter dem kalten Vorzeichen des Opfers, sondern als Menschen "wie du und ich". Das sind sie, ihrer Biographie wegen, keinesfalls - aber dass sie es sein könnten, verleiht dem Film eine quälende wie befreiende Kraft.In Berlin im Kino fsk am Oranienplatz

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