Kultur : "Ich schenke Berlusconi eine Hexe"

Signor Fo[Ihre Theaterkarriere begann im Jahr 195]

Dario Fo, Schauspieler und Dramatiker, ist mit demnächst 76 Jahren wieder zum komödiantischen Oppositionsführer Italiens geworden.

Signor Fo, Ihre Theaterkarriere begann im Jahr 1952, und nächste Woche werden Sie 76. Wie fühlt man sich, wenn man nun ein halbes Jahrhundert auf der Bühne steht?

Ich wundere mich jeden Morgen, dass ich ich immer noch soviel Kraft habe und mich so gut bewegen kann. Aber in Italien gibt es eine Menge Schauspieler, die auch mit 80 Jahren noch Theater spielen. Einige sterben sogar auf der Bühne - für mich ein echter Traumtod! Mein Stil ist es ja, noch immer bis zu zwei Stunden ununterbrochen auf der Bühne zu agieren und zu reden. Das hält mich jung.

Dabei kommt Ihnen zugute, dass Sie die Pantomime wie einen Sport erlernt haben.

Richtig. Das ist eine Art Sport, denn es verlangt absolute Körperbeherrschung. Ich habe später selbst Pantomime unterrichtet, und glauben Sie mir, meine Schüler hatten nicht viel zu lachen. Andere zum Lachen zu bringen, ist wie Hochleistungssport.

Was ist für Sie das Wichtigste als Komiker?

Die Gestik. Das Beherrschen seiner eigenen Gestik. Wer nicht mit seinen Armen, seinen Beinen und dem Gesicht etwas sagen kann, der sollte sich lieber eine andere Arbeit suchen.

Wie arbeiten Sie eigentlich bei sich zu Hause? Probieren Sie Ihre Monologe vor dem Spiegel? Ist ihre Frau Franca Rame anwesend?

Zuerst einmal mache ich mir Skizzen, Zeichnungen. Hört sich seltsam an, nicht? Ich bin ja auch Maler! Ich entwerfe mir zunächst eine Art komischer Szenerie. Ich zeichne mich selbst mit den Gesten, die ich im Sinn habe. Franca ist in solchen Momenten nie anwesend. Sie lässt mich in Ruhe, denn ich kann beim Arbeiten recht bissig werden.

Sie stellen also das Prinzip auf den Kopf, wonach Theater in Europa zumeist mit einem Text beginnt.

Genau. Ich habe einen Idee zu einem Thema, schreibe aber nicht erst den Text dazu, sondern kümmere mich zunächst um mögliche Gesten.

Für sich anverwandelt haben Sie auch die Kunst des Grammelot, jene alte rhetorische Form, bei der Sie in einem komisch-artistischen Fantasiefranzösisch zum Publikum sprechen und der Inhalt der Rede allein durch Ihre Gebärdensprache verständlich wird.

Ja, ein Grammelot ist bei jeder Aufführung etwas Neues. Da ich dieses Fantasie-Französisch, aber auch Englisch und Deutsch, auf der Bühne jedes Mal neu erfinde, unterscheidet sich bei mir jeder Auftritt vom vorherigen.

Was geschieht nach den Zeichnungen?

Ich stelle mich nicht vor einen Spiegel und probiere meine Gesten aus. Diesen Anblick könnte ich nicht ertragen!

Warum nicht?

Ich bin doch nicht eitel. Ich schaue mir stattdessen alte Videoaufnahmen von meinen vorherigen Monologen an. Dabei lerne ich und merke mir, was ich verbessern, verändern oder weglassen muss, wenn ich ein bestimmtes Gefühl oder eine Idee zum Ausdruck bringen will.

50 Jahre Dario Fo auf der Bühne heißt ja auch: 50 Jahre politisches Theater. Hat sich Italien in den letzten 50 Jahren zu seinem Besseren verändert?

Mah! Das ist schwer zu sagen. Tatsächlich ist die politische Situation in Italien heute schon ziemlich schlimm. Die Zeiten der italienischen Christdemokratie mit ihrem kleinbürgerlichen, katholischen Mief waren schon übel, aber das, was diese rechte Regierung jetzt bietet, weckt neue Befürchtungen. Damals unter den Christdemokraten gab es politische Kriminalität. Viele Attentate der 70er und 80er Jahre gehen auf Rechnung dieser Leute und der Ultrarechten. Heute wissen wir, dass es mitunter die Polizei war, die Attentäter von rechts finanzierte. Franca und ich haben die Gewalt jener Jahre zu spüren gekriegt. Wir wurden verhaftet, Theater wurden angezündet, Franca musste sogar unter physischer Gewalt leiden. Man hat versucht, unsere Wohnung anzustecken.

Sie übertreiben ...

Nein! Es war ein Kampf gegen die Freiheit der Rede, wie er einer lateinamerikanischen Militärregierung würdig gewesen wäre.

Und wie ist es heute, unter Berlusconi?

Wir wissen ja nicht, was wir uns noch von ihm erwarten dürfen. Sicher ist nur seine Arroganz. Die Rechte hat alle politischen Ruder in der Hand und sie macht Gebrauch davon. Da werden ad hoch Gesetzes geschaffen, die gewisse Politiker aus der Justizschlinge befreien sollen. Ich meine Berlusconi und seine Freunde, gegen die unter anderem wegen Korruption und Richterbestechung ermittelt wird. Ziel dieser neuen Gesetze ist es, die Justiz in den Griff zu bekommen. Nehmen Sie doch nur das Gesetz, wonach nur noch dann Beweisdokumente aus dem Ausland in Italien akzeptiert werden, wenn sie als Originale vorliegen. Und das, obwohl solche Dokumente seit Jahrzehnten nur als beglaubigte Kopien von einem Land in ein anderes verschickt werden und es noch nie ein Problem damit gab. Gegen Berlusconi wird mit ausländischen Dokumenten prozessiert. Wenn diese jetzt ungültig sind, dann müssen die Prozesse neu aufgerollt werden, und auf diese Weise verjähren die Klagen. So sieht es hier in Italien aus.

Sie arbeiten jetzt an einem Stück über Berlusconi.

Ja, das ist dringend notwendig, denn ich will den Menschen die Augen öffnen.

Was wird der Inhalt sein?

Zur Zeit bin ich in der Recherchephase, aber klar ist bereits das Gerüst für einen Monolog. Es wird sich um eine Fabel handeln. Eine Fabel, die mit Berlusconi beginnt, der eine Art Hexe trifft. Diese Hexe will Berlusconi bei seiner Karriere behilflich sein. Sie stellt ihrem Schützling bestimmte Aufgaben, die er erfüllen muss, will er Karriere machen. Er muss erhebliche Probleme lösen, die ihm die Hexe auferlegt. Sie gibt ihm viel Geld. Geld, dessen Herkunft unbekannt ist. Er muss sich dann aber der Öffentlichkeit gegenüber dafür verantworten, weil dieses Geld von der Mafia kommt. Die Hexe verlangt von ihm auch, dass er bei der umstürzlerischen Geheimloge Propaganda 2 Mitglied wird, dass er Parteien illegal finanziert und Steuern hinterzieht. Die Hexe stellt ihn auf lauter Proben, die er alle glänzend besteht.

Der arme Berlusconi.

Ja, er ist zu bemitleiden, denn die Hexe verlangt von ihm immer neue Talentproben, deshalb muss er weitermachen, sich immer wieder neu beweisen und neue Aufgaben erfüllen. Ein paradoxer Monolog, der nicht die Gerissenheit Berlusconis als Hauptaussage hat, sondern die Dummheit der Italiener: die Dummheit jener Leute, die so einen Mann akzeptieren. Einen Mann der Fabeln, der Lügen - und sie reagieren einfach nicht. Und das in einem Moment, in dem die oppositionelle Linke heillos zerstritten ist. Die linken Parteiführer sind doch unfähig, mit dieser Situation fertigzuwerden. Die streiten sich um Posten und ihre Position innerhalb der Oppositionskoalition. Von konkreten Ideen ist nichts zu hören. Europa hat allen Grund, in Sachen Italien perplex zu reagieren. Man spürt, dass in Italien etwas vor sich geht, aber man weiss nicht genau, was los ist. Das geht uns Italienern genauso.

Will Berlusconi aus der italienischen Demokratie ein autokratisches Regime machen?

In gewissen Sinne ist Italien heute schon so ein Regime. Manchmal habe ich die Hoffnung, aufzuwachen und dieser Alptraum ist vorbei.

Wie wird Italien Ihrer Meinung nach in zehn Jahren aussehen? Nach zehn Jahren Berlusconi-Regierung?

Das hängt davon ab, was die Italiener alles akzeptieren werden. Ich hoffe, dass sie doch stolz genug sind, sich nicht alles gefallen zu lassen. Vor allem die jungen Leute, die den Protest gegen Berlusconi artikulieren, den die alte Parteilinke nicht mehr fähig ist auszudrücken. Deshalb hoffe ich auf den Protest der italienischen Antiglobalisierungsgegner. Unsere Schüler und Arbeiter gehen ja momentan gegen die Regierung auf die Strasse. Das ist ein Silberstreif am Horizont. Hier wird jetzt wieder gestreikt wie schon seit Jahren nicht mehr. Während die linken Parteien schweigen, nehmen die Bürger und die Gewerkschaften die Sache in die Hand. Es muss zu einer Volksbewegung gegen Berlusconi kommen. Wenn wir auf die Oppositionsparteien warten, dann sind wir verloren.

Haben Sie ein Motto, das zu Ihrer Lebensphilosophie gehört?

Oh ja, erstens muss man immer zweifeln. Der Selbstzweifel erlaubt es mir, nicht allzu selbstgerecht zu werden. Zweitens darf man keine Vorurteile haben. Drittens bin ich davon überzeugt, dass man auch in den schlimmsten Momenten des Lebens immer etwas Positives entdecken kann. Viertens und vor allem muss man zu seinen Überzeugungen stehen und mit sich selbst im Reinen sein. Das sind meine Motti im Kampf gegen die Dummheit und für die Aufklärung. Ich hoffe, noch lange.

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