Kultur : Ich schieß’ auf dich

„Das Wiegenlied vom Recht“ in der Volksbühne

Peter Laudenbach

Irgendwie logisch, dass es Anne Tismer nach ihrem halben Abschied von der Schaubühne weit in den Wilden Westen verschlagen hat, wo die Sitten roh sind, die sozialkritische Dramaturgie weit weg und die Freiheit nur einen Schuss mit der Winchester entfernt ist. Endlich raus aus der verregelten Zivilisation! Annie, get your gun! Im drittem Stock der Berliner Volksbühne tobt Tismer mit Karacho und Revolver als Gangsterbraut Liberty über die kleine Bühne. Jungdramatiker David Lindemann singt „Das Wiegenlied vom Recht“.

In einer von Sebastian Mauksch locker aninszenierten Uraufführung geht es um so dramentaugliche Kleinigkeiten wie den Bürgerkrieg in Serbien, schießwütige Westernhelden, Schulstunden, gelynchte Indianer, das Gewaltmonopol des Staates und das übliche Diskurs-Geblubber. Aber in Wirklichkeit geht es natürlich nur um das beliebte Spiel des Trivialmythen-Recyclings und um die Liebe in Zeiten des Pulverdampfes. Die äußerst sich in Sätzen, die wie lustige Pollesch-Parodien klingen. Das macht aber nichts, schließlich klingen in letzter Zeit auch Original-Pollesch-Sätze wie Pollesch-Parodien. Wenn die zum großzügigen Gebrauch ihrer Schusswaffen neigende Liberty über den Zusammenhang zwischen Revolvern und Romantik nachdenkt, ist das von fataler Ausweglosigkeit. Einerseits hat ihr Lover in spe Glück gehabt: „Wenn ich dich nicht erschieße, was nur natürlich wäre, dann nicht wegen irgendeiner Grenze, sondern weil ich dich liebe.“ Anderseits weiß auch Liberty, dass der Honeymoon nicht ewig währt: „Sich schießen ist nun mal meine Art der Konfrontation, zu der es ja in jeder Liebesbeziehung irgendwann kommen muss ...“

Besser, man erschießt einander gleich. Das spart den Scheidungsanwalt und macht Schluss mit diesen ewigen Debatten. Schließlich trägt das Westernkaff, in dem sich Liberty, der abgedankte Offizier DeBuin (Oliver Urbanski) und der Farmer Chisum (Gary Wilmes) begegnen, den schönen Namen „Shithole“. Die Aufführung ist dank Anne Tismer in einigen Augenblicken nett und lustig anzusehen, ansonsten aber von szenetypischer Unbedarftheit. Shithole happens.

wieder am 30.September

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