Kultur : Ich schlage nicht, ich tanze

Ein Boxer als Popstar: Die CD „Hits And Misses“ huldigt Muhammad Ali

Christian Schröder

Sein größter Triumph lässt sich in einem Wort zusammenfassen: Bombaye. „Ali – Bombaye!“, das hatten ihm am 30. Oktober 1974 die Fans in Kinshasa immer wieder zugerufen. „Bombaye“ ist ein traditioneller kongolesischer Schlachtruf, übersetzt bedeutet er so viel wie „Töte ihn!“ Getötet hat Muhammad Ali seinen Gegner George Foreman an diesem Abend in Zaire nicht, er hat ihn in der achten Runde k.o. geschlagen. Ali ging als Außenseiter in den Kampf, dem sechs Jahre jüngeren und deutlich kräftigeren Foreman schien die Zukunft des Boxens zu gehören. Doch der Knockout von Kinshasa war nicht bloß eine sportliche Sensation, er war auch ein politisches Signal: Mit ihm holte sich Ali den Weltmeistertitel zurück, der ihm 1967 aberkannt worden war, als er wegen des Vietnamkriegs den Wehrdienst verweigert hatte. Und die „Bombaye“-Sprechchöre, die vom Fernsehen in die ganze Welt übertragen wurden, bewiesen, dass die Afrikaner diesen Amerikaner liebten, als ob er einer von ihnen gewesen wäre.

Jetzt ist der Schlachtruf aus dem als „Rumble in the Jungle“ legendär gewordenen Fight wieder zu hören: auf einer CD, die Muhammad Alis Rang als einem der größten Popstars des 20. Jahrhunderts eindrucksvoll dokumentiert. Die Compilation „Hits And Misses – Muhammad Ali And The Ultimate Sound Of Fistfighting“ (Trikont) versammelt zwei Dutzend Songs, die dem inzwischen 61-jährigen, an der Parkinsonschen Krankheit leidenden Boxer huldigen. Auch Ali selbst singt auf dem Album, sein Stück stammt aus dem Jahr 1976 und heißt, logisch, „I’m The Greatest“. Unterlegt von schmetternden Disco-Fanfaren fragt er da mit etwas dünnem Bass „Who knocked the crack in the liberty bell?“, und ein Chor antwortet: „Ali’s always getting blamed for things he didn’t do.“ Spätestens, seitdem er sich Mitte der Sechzigerjahre der militanten „Nation of Islam“ angeschlossen und seinen Taufnamen Cassius Clay abgelegt hatte, traute das weiße Amerika diesem Mann alles zu, sogar, dass er einen Sprung in die Freiheitsglocke schlagen könnte.

Doch noch stärker als das Selbstbewusstsein war und ist bei Ali etwas anderes ausgeprägt: seine Fähigkeit zur Selbstironie. So nahm er in den Siebzigerjahren nicht bloß das Funkalbum „I’m The Greatest“ auf, sondern auch zwei Platten, die sich in den Dienst der Dentalhygiene stellten. „The Adventures Of Ali & His Gang Vs. Mr. Tooth Decay“ handelten davon, wie schon kleine Kinder der Kariesgefahr harte Schläge versetzen können: mit der Zahnbürste. Unterstützt wurde Ali dabei unter anderem von Frank Sinatra, Richie Havens und Pat Boone. Die Siebziger waren überhaupt eine Ära der singenden Boxer. Joe Frazier, der 1971 Ali besiegt hatte und dann 1974 und 1975 gegen ihn verlor, ist auf „Hits And Misses“ mit der Kopf-hoch-Hymne „Try It Again“ vertreten, George Foreman, der nach seiner Sportkarriere die Predigerlaufbahn einschlug, mit einem flammend vorgetragenenen Gospel-Sprechgesang.

„Cassius Clay alias Muhammad Ali, der widersprüchlichste aller Champions, war vor allem ein brillanter Ringstratege, ein Wunderkind, das seiner Schnelligkeit wegen kaum zu treffen war“, hat Joyce Carol Oates geschrieben. „Der junge Ali strahlte eine immense Freude aus: allein schon durch die unnachahmliche Arroganz des Schwergewichtlers, der seine verwirrten Gegner umtänzelt, Fäuste in Taillenhöhe, und sie auffordert, ihn zu schlagen – es doch zu versuchen.“ Ali war mehr Tänzer als Schläger, sein Kampfstil hatte eine natürliche Affinität zur Musik. „The Ali Shuffle“ heißt ein brodelndes Soulfunkstück, das J.W. Grasshopper & The Butterfly dem Champion 1974 widmeten. „Let me tell you something folks this man is like human honey, like what? / Like human honey, who? / Muhammad Ali, ohh Muhammad Ali“, säuseln eine Sängerin und ein Sänger einander zu, während im Hintergrund die Saxofone schäumen. Ein Mann wie Honig: Es dürfte nicht viele Boxer geben, denen ein derartiges Kompliment gewidmet wurde.

Die treffendste Metapher für seine Kunst, die Gegner durch geradezu choreografisch anmutende Ausweichbewegungen zu zermürben, hat Ali selbst geprägt: Float Like A Butterfly, sting like a bee. Flieg wie ein Schmetterling, stich zu wie eine Biene. In den Songs, die Alis Leben und seine Kämpfe nacherzählen, kommt dieser Satz natürlich immer wieder vor, er ist das lyrische Leitmotiv der vom Münchener Musikjournalisten Jonathan Fischer und dem Labelmacher Claas Gottesleben herausgegebenen CD. Der weiße Countrysänger Tom Russell macht daraus sogar einen treffenden Paarreim: „Float like a butterfly sting like a bee / My name is Muhammad Ali“. Der schlicht „Muhammad Ali“ betitelte Song ist eine Hagiografie in Talkin’ Blues-Form, von Alis Kindheit in Louisville über den Gewinn der Olympia-Goldmedaille 1960 in Rom, von den Schimpfattacken auf den ersten WM-Gegner Sonny Liston bis zum Comeback von Kinshasa wird keine Lebensstation ausgelassen. Die letzten beiden Zeilen lauten: „His heart is tender his soul is free / Don’t cry for Muhammad Ali.“ Alis Hände mögen heute zittern, aber niemand muss weinen um diesen Helden.

„Hits And Misses“ beweist vor allem eins: Dieser Boxer wird buchstäblich in der ganzen Welt geliebt. Es gibt nahezu keine populäre Musik der letzten 20, 30 Jahre, die auf dem Album nicht vorkommt. Der Brasilianer Jorge Ben besingt „Marcellus Cassius Clay“ in einem geigenumtosten Samba, das Orchestre G. O. Malebo begrüßt ihn mit swingenden Soukous-Gitarren in Zaire, Mr. Calypso aus Trinidad lobt die Schläge des Boxers und mahnt „Don’t mess with the champion!“. Keine Frage: Ali war, ist, bleibt der Größte.

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