Kultur : Ich sehe was, was du nicht hörst

Lob der Gebärdensprache: die Romanze „Stille Liebe“

Franziska Richter

Caroline Links „Jenseits der Stille“ machte das Thema populär. Mit Christoph Schaubs „Stille Liebe“ kommt nun, sieben Jahren nach Links Überraschungserfolg, ein Film in die Kinos, der – in sehr stillen Bildern – die Liebe zwischen zwei Gehörlosen ganz in seinen Mittelpunkt rückt. Am Anfang steht die Schweizer Oberin Verena (Renate Becker). Sie nimmt sich der Bauerntochter Antonia (Emmanuelle Laborit) an und sucht ihr eine Lehrerin für Gebärdensprache. Das Mädchen entdeckt sich und ihre Umwelt über ihre Sprache – und über die Jahre baut Antonia zu der Oberin eine so enge Beziehung auf, dass sie ohne langes Zögern in den Orden eintritt. Zu ihren Pflichten gehört auch, eine wohltätige Arbeit in Zürich anzunehmen. Von nun an fährt Antonia täglich in die Stadt, um in einem Obdachlosenheim auszuhelfen. Dort begegnet sie dem ebenfalls gehörlosen Mikas (Lars Otterstedt). Ganz langsam lernen sich die beiden kennen und lieben.

Auch die Orte der Handlung wählt Schaub mit Bedacht – sie bezeichnen nicht nur die Hin-und-her-Gerissenheit Antonias, sondern auch die Anonymität der Stadt, in der sie sich zu orientieren sucht. Etwa im Zug: Auf der Rückfahrt ins Kloster beobachtet sie zum ersten Mal, wie Mikas sich auf Gebärdensprache unterhält. Oder am Bahnhof: Mikas bemerkt Antonias Gehörlosigkeit, als sie eine Zeitung kauft und den Preis von der Kasse abliest. Etwas dick aufgetragen hat Schaub allerdings beim sozialen Kontrast der Liebesgeschichte. Mikas ist ein litauischer Taschendieb, Antonia lebt isoliert im Kloster. Fragwürdig auch, wie Heimleiter Fritz die Unsicherheit gegenüber Gehörlosen verkörpert: Warum muss sich ein Fünfzigjähriger vor einer jungen, gehörlosen Nonne schämen, seine Brille aufzusetzen, wenn er mit ihr schriftlich kommunizieren will?

Das Packendste an „Stille Liebe“ aber ist der souveräne Umgang mit der Gebärdensprache, die durchgehend untertitelt wird. Gerade weil sie nur teilweise die Dramaturgie des Sprechens ersetzen kann, konzentriert sich alles auf Gestik und Mimik. Beides setzt die gehörlose Schauspielerin Emmanuelle Laborit anschaulich ein – ob wütend über das Kloster-Verbot, in ein Gehörlosentheater zu gehen, ob innerlich zerissen nach der gemeinsamen Nacht mit Mikas oder auch glücklich tanzend in seinen Armen. Lars Otterstedt spielt seine erste Filmrolle nicht weniger überzeugend, etwa wenn er mit seinem auch in der Gebärdensprache verblüffend gut funktionierenden Wortwitz die schüchterne Nonne bei einem Kaffee im Bahnhofsbistro aus der Reserve lockt.

Zu den Gebärden wird fast nie gesprochen, und nur selten werden Szenen mit Musik unterlegt. Lieber arbeitet Schaub mit knappen und einprägsamen Bildern: die Nonnen vertieft ins Morgengebet oder bei der Arbeit im Klostergarten, Antonia, wie sie grübelnd im Zug zur Arbeit fährt, Mikas wartend am Bahnhof. Irgendwann muss sich Antonia gegenüber der besorgten Oberin rechtfertigen. Fast ein Ausbruch in der Gebärdensprache, deren wichtigste Zeichen die Oberin gelernt hat, fast ein Aufschrei die Worte, die Antonia in die Luft malt: „Ich kann alleine leben!“

In Berlin in den Kinos Blow Up, Neue Kant Kinos, Eiszeit (mit Untertiteln für Gehörlose)

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