Kultur : Ich sehne mich nach Ewigkeit

Der Sprung in den Glauben: Zum 150. Todestag des Philosophen Sören Kierkegaard

Rolf Spinnler

Am 2. Oktober 1855 findet sich im Königlichen Frederiks Hospital in Kopenhagen ein 42-jähriger Mann ein und bittet darum, untersucht zu werden: Er sei vor wenigen Tagen auf offener Straße zusammengebrochen. Der Medizinalassistent vermerkt in der Patientenakte: „Er kann für seine jetzige Krankheit keinen bestimmten Grund anführen. Er hält die Krankheit für tödlich. Sein Tod ist für die Sache vonnöten. Will er leben, muss er seinen religiösen Kampf fortsetzen, aber der wird ihn ja ermüden, wohingegen er bei seinem Tod seine Stärke erhalten wird und, wie er meint, seinen Sieg.“ Der Patient ist der Magister Sören Aabye Kierkegaard. Er wird die Klinik nicht mehr lebend verlassen: Am 11. November abends um neun ist er tot. Diagnose: Paralysis, totale Lähmung. Eine Obduktion der Leiche wird auf Wunsch des Verstorbenen nicht vorgenommen. Noch heute rätseln die Fachleute, woran er gestorben sein könnte. Kierkegaard selbst hätte die Experten verspottet: „Die Ärzte verstehen meine Krankheit nicht; es ist psychisch“, soll er auf dem Krankenlager gesagt haben.

Wer war dieser Mann, der in seinem kurzen Leben ein Werk von vielen tausend Seiten schuf? Ein gescheiterter Dichter oder Dänemarks größter Prosaschriftsteller? Ein religiöser Fundamentalist oder der Erneuerer des Christentums? Kierkegaard fühlte sich hin- und hergerissen zwischen ästhetischen Neigungen und religiösen Überzeugungen: „Christlich betrachtet, ist jede Dichterexistenz Sünde, und zwar die: zu dichten, anstatt zu sein, sich zum Guten und Wahren durch Fantasie zu verhalten, anstatt es zu sein, das heißt, existenziell danach zu streben“. Dennoch war gerade diese Zerrissenheit die Quelle seiner Produktivität.

Sören Aabye wurde am 5. Mai 1813 als jüngstes Kind eines reichen Kopenhagener Wollwarenhändlers geboren. Michael Pedersen Kierkegaard war ein zur Schwermut neigender Pietist, der diese Lebenseinstellung auch an seine Kinder weitergab. Der hochbegabte Junge beginnt 1830 mit einem Theologiestudium, aber beschäftigt sich mehr mit deutscher Philosophie (vor allem derjenigen Hegels) und der Literatur der deutschen Romantik als mit der christlichen Dogmatik. Im Tagebuch des Studenten finden sich kritische Bemerkungen über das Christentum. Man werde von ihm seiner „Mannheit beraubt“, klagt er etwa im Oktober 1835, eine „wunderlich stickige Luft“ herrsche allerorten. „Fast überall, wo der Christ sich mit dem Künftigen beschäftigt, ist Strafe, Vernichtung, Untergang, ewige Qual und Pein das, was ihm vorschwebt; und wie üppig und ausschweifend seine Fantasie in dieser Hinsicht ist, ebenso dürftig ist sie, wenn von der Seligkeit der Glaubenden und Auserwählten die Rede ist“.

Der Theologiestudent führt das Leben eines Bohemiens – auf Vaters Kosten, der die exorbitanten Rechnungen für Kleider, Parfums, Konditoreiwaren, Zigarren, Weine, Kutschen, Theaterbesuche und Bücher begleichen muss. Aber hinter der Fassade des spätromantischen Dandys verbirgt sich eine innere Unruhe: „Was mir eigentlich fehlt, ist, dass ich mit mir selbst ins Reine darüber komme, was ich tun soll, nicht darüber, was ich erkennen soll. Es kommt darauf an, meine Bestimmung zu verstehen, zu sehen, was die Gottheit eigentlich will, dass ich tun solle; es gilt eine Wahrheit zu finden, die Wahrheit für mich ist, die Idee zu finden, für die ich leben und sterben will. Und was nützte es mir dazu, wenn ich eine so genannte objektive Wahrheit ausfindig machte; wenn ich mich durch die Systeme der Philosophen hindurcharbeitete“, notiert er 1835.

Mit diesen Sätzen hat Kierkegaard das Gründungsmanifest des Existenzialismus geschrieben. Alle seine Schlagworte sind hier versammelt: die „Wahrheit für mich“ anstelle einer „objektiven Wahrheit“, die individuelle Existenz statt der Summe der Philosophie, der Vorrang des Handelns gegenüber dem Denken. Dass die Philosophen die Welt bisher nur verschieden interpretiert haben, es aber jetzt darauf ankomme, sie zu verändern, das fordert zur selben Zeit auch ein anderer Junghegelianer: der preußische Jurastudent Karl Marx. Aber während dessen Adressat das politisch organisierte Kollektiv ist, setzt der Däne seine Hoffnungen auf den „Einzelnen“: „Die Menge ist die Unwahrheit.“

1838 stirbt Vater Kierkegaard, und der Sohn erbt ein beträchtliches Vermögen. 1840 beendet er sein Studium und schließt eine Magisterarbeit an: „Über den Begriff der Ironie mit ständiger Rücksicht auf Sokrates“. Am 8. September 1840 passiert, was Kierkegaards Biograf Joakim Garff in seiner gerade als Taschenbuch bei dtv erschienenen Biografie „Kierkegaard“ (992 Seiten, 24,50 €) „den glücklichsten Fehler seines Lebens“ nennt: Sören verlobt sich. Regine Olsen ist süße 18, hübsch, aus gutem Haus – aber ach, der Grübler hat Angst vor der leidenschaftlichen Spontaneität der jungen Frau. Sie verstehe ihn nicht: seine Schwermut, seine Abgründe; er könne sich ihr gegenüber nicht öffnen. So lauten seine Begründungen für die Auflösung der Verlobung. Sie löst einen Schreibrausch aus, der innerhalb weniger Jahre jene Werke entstehen lässt, die Kierkegaard berühmt machen: „Entweder-Oder“, „Die Wiederholung“, „Furcht und Zittern“ (alle drei 1843), „Der Begriff Angst“, „Philosophische Brocken“ (1844), „Stadien auf dem Lebensweg“ (1845), „Abschließende unwissenschaftliche Nachschrift“ (1846). Alle diese Werke erscheinen unter Pseudonymen wie Viktor Eremita, Johannes de Silentio, Vigilius Haufniensis, Frater Taciturnus oder Johannes Climacus. Und der formale Aufbau dieser Schriften erinnert nicht an philosophische Abhandlungen, sondern an die verschachtelte Struktur romantischer Romane von Clemens Brentano, Jean Paul oder E.T.A. Hoffmann.

Die erste Gestalt des Zeitgeists, mit der Kierkegaard den Kampf aufnimmt, ist die Figur des Ästhetikers. Das sind jene, die mit dem Leben nur spielen, sich ständig neu erfinden, wie das heute heißt. Im ersten Teil von „Entweder-Oder“ kommt solch ein Lebenskünstler selbst zu Wort. Ihm tritt im zweiten Teil der Repräsentant der ethischen Lebenseinstellung, ein Familienvater, entgegen: „Dein Leben löst sich in lauter so genannte interessante Einzelheiten auf.“ Es gibt noch ein drittes Stadium jenseits des Ästhetischen und des Ethischen: das Religiöse. Doch zu ihm gelangt man nur durch „Furcht und Zittern“, wenn man den Blick in den Abgrund der Verzweiflung riskiert und dann den Sprung in den Glauben wagt.

Kierkegaards Glaube zeigt sich erst in der Verzweiflung, die Gnade in der Sünde, die Freiheit in der Angst, die Wahrheit in der Torheit, die Seligkeit im Leiden, der allmächtige Gott im ohnmächtigen Christus. Die Philosophie Hegels hatte versucht, den christlichen Glauben mit der Vernunft zu versöhnen, Religion in Religionsphilosophie aufzuheben. Gegen diesen Versuch läuft Kierkegaard Sturm. Ein Glaube, der sich beweisen lässt, ist kein Glaube mehr. Der dänische Protestant kehrt zurück zum augustinischen „Credo quia absurdum est“: Ich glaube, weil es absurd ist. Kierkegaard treibt das Denken bis zu dem Punkt, an dem es kapituliert vor dem „Absolut-Verschiedenen“, das sich nur noch glauben lässt. Die Leidenschaft, die sich Kierkegaard in der erotischen Sphäre versagen musste, feiert in den Paradoxien des Glaubens ihre Auferstehung.

Den Hegelianer Hans Lassen Martensen, 1854 zum Bischof von Seeland geweiht, erkor sich Kierkegaard zur Zielscheibe seiner „Einmannrevolution“ (Garff). Die real existierende Christenheit, so sein Vorwurf, hat das wahre Christentum längst preisgegeben. Die lutherische Staatskirche ist das neue Heidentum. Als der Bischof sich verteidigt, kratzt Kierkegaard den Rest seines Vermögens zusammen und gründet die Zeitschrift „Der Augenblick“, die in zehn Ausgaben – erstmals unter eigenem Namen – die Scheinheiligkeit der Pastoren entlarvt. Die letzte Ausgabe erschien im November 1855, seinem Sterbemonat, heute vor 150 Jahren. Die Diagnose der eigenen „Krankheit zum Tode“ hatte er sich lange zuvor gestellt: Es war „Sehnsucht nach der Ewigkeit“.

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