Kultur : Ich singe, also bin ich

Christiane Peitz

Ganz schön hart, diese Stimme. Metallisches Timbre, kantige Konsonanten, ein fauchendes R: als ob an den Tönen noch der Schmutz der Gosse klebte, die ganze freudlose Kindheit samt dem eisernen Willen, sich nicht auch noch das letzte bisschen Spaß nehmen zu lassen. Nur manchmal flattert ein Vibrato daher und der Gesang gibt sekundenkurz nach, wird zittrig, betörend, lasziv.

Ganz schön klein, diese Gestalt. Zarte Figur, zerbrechliche Glieder, der Kopf gebeugt, und später, im Alter, ist der Rücken von Arthritis gekrümmt.

Ganz schön groß, diese Augen im blassen Gesicht von Edith Piaf. Ein Clownsgesicht mit Stupsnase, fliehendem Kinn, Schmollmund und runden, aufgerissenen, staunenden Augen unter der gerunzelten Stirn. Man sieht sie oft in „La vie en rose“ und denkt, das passt gut zur Berlinale-Eröffnung. Mit ähnlich großen Augen sitzen schließlich auch wir Festival-Besucher in den Kinos der Stadt, staunen - und runzeln mitunter die Stirn.

Berlinale-Chef Dieter Kosslick hatte in den letzten Jahren kein gutes Händchen bei der Wahl des Eröffnungsfilms. 2006 sorgte Sigourney Weaver als Autistin in „Snow Cake“ nicht gerade für festliche Stimmung, 2005 kamen mit „Man to Man“ höchstens die Anthropologen unter den Gala-Gästen auf ihre Kosten, 2004 fror Nicole Kidman im Bürgerkriegsepos „Cold Mountain“. Lauter Filme, denen es an Glamour mangelte – und nicht nur das.

Aber Kosslick kann auch anders: Edith Piaf auf den Bühnen der Welt, in den Bars von Montmartre, im Pariser Olympia, in den New Yorker Music-Halls, na also! Licht aus, Spot an, kleines Nicken in Richtung Orchester und los geht’s. Und die Chansongöttin schreitet über Rosen.

Zum Glück ist Olivier Dahans „La vie en rose“ nicht einfach ein opulent ausgestatteter, mit gut zwei Dutzend Piaf-Klassikern angereicherter Kostümfilm in Cinemascope, mehr als die szenische Illustration von Chansons wie „Padam“, „Milord“, „L’hymne à l’amour“, „Mon Dieu“ oder „Je ne regrette rien“. Dabei hätte ein klassisches Stationendrama ja nahegelegen. Aufstieg und Fall eines Weltstars. Geburt 1915, elende Kindheit in einer Pariser Schaustellerfamilie und bei den Huren in Omas Bordell, vorübergehende Erblindung und Gebete zur Heiligen Theresa, erste Gesangserfolge in Pigalle, Entdeckung durch den Nachtclubbesitzer Louis Leplée (Gérard Depardieu), Steilstkarriere inklusive Affären, Champagner, Drogen und der kurzen, leidenschaftlichen Liebe zum Boxweltmeister Marcel Cerdan sowie einer Handvoll Getreuer auch in Zeiten ihrer Krebserkrankung – bis zum frühen Tod am 11. Oktober 1963.

Aber Dahans Film spart nicht nur Piafs berühmte Bekanntschaften mit Aznavour oder Chaplin aus (einzige Ausnahme: ein atemberaubender Kurzauftritt Marlene Dietrichs), er verzichtet auch auf Chronologie. Springt zwischen den Zeiten und Kontinenten, zwischen Backstage-Momenten und Bühnen-Performance, Erinnerungsflashs und Sehnsuchtsbildern, Elend und Glanz. Es wird viel gestorben in dieser Biografie: Immer wieder muss Piaf sich trennen, sei es, dass der Tod oder menschliche Willkür sie von ihren Liebsten scheidet. „La vie en rose“ funktioniert wie ein Medley: alle paar Minuten ein neues Thema, eine neue Melodie, eine neue Stimmung. Das Leben ist kein langer, ruhiger Fluss, sondern eine kurze, heftige Erschütterung, ein zersplitterter Spiegel.

Marion Cotillard spielt den Spatz von Paris. Die kokette 18-Jährige, die launische 30-Jährige, die verhärmte 47-Jährige, die aussieht wie eine Greisin. Furchtlos wagt Cotillard sich daran, am Mythos Piaf zu kratzen – und der Göttin menschliche Züge zu verleihen. Eine Achterbahnfahrt der Temperamente: Mal bockt die Piaf, mal gurrt sie, mal stößt sie ihre Liebsten vor den Kopf, wirft die beste Freundin (Sylvie Testud) im Affekt aus ihrem Leben heraus, ist impulsiv, elegant, ordinär, himmelhochjauchzend, besoffen, allein. Großartig, wie Cotillard jeden Blick, jede Geste in den Dienst dieser Unberechenbarkeit stellt.

Piaf selbst weiß nicht, wie sie sich beim Singen bewegen soll. Aber sie wird es lernen, das Posieren fürs Publikum. Nur elegant wird es nie bei Piaf. Seit sie als Kind neben ihrem Akrobaten-Vater auf irgendeinem Marktplatz die Marseillaise anstimmte, damit die Leute ein paar Münzen in ihre Wollmütze werfen, weiß sie, dass es auf die Pose nicht ankommt. Energisch ertrotzt sie sich den nächsten Auftritt, die nächste Liedzeile. Sie kann nicht mehr? Aber sie will, sie muss. Und man begreift, warum soviel Metall in der Stimme steckt. Weil jedes Chanson dem Leben abgerungen ist – und das bisschen Leben zwischen den Liedern eine Trotzreaktion bleibt, eine Kampfansage an den Rest der Welt.

Auch die Kamera kennt keine Gnade. Flackernder, unsteter Blick, Suchscheinwerfer, Nervosität einer Getriebenen. Eine Piaf-Komplizin. Mitunter würde man diese blutjunge, uralte Frau gern in Ruhe betrachten, die Stimme genießen. Keine Chance: Der Film zerrt am Sehnerv, hin- und hergerissen zwischen der Lust auf die Kultfigur und dem Wissen, dass das Wesen hinter dem Kult bestenfalls in Bruchstücken zu erkennen ist. Es gibt nur den Oberflächen-Scan, nur kurze Einblicke, vorläufige Augenblicke der Wahrheit. Und weiter, schnell weiter, das Leben ist kurz.

„Heaven Have a Mercy“, Himmel, hab’ Erbarmen, singt Edith Piaf zu Beginn – und bricht auf offener Bühne zusammen. In den folgenden 140 Minuten erlebt der Zuschauer viel Agonie, sieht viel Schminke, die zahlreichen tragischen Masken der Edith Piaf. Das ist manchmal ein bisschen dick aufgetragen. Macht aber nichts. Denn was wäre ein Filmfest ohne die Kunst der Übertreibung, was wäre die Berlinale ohne die schillernde Mischung aus Glamour und menschlichem Faktor? Auf dass wir die Augen aufreißen: zehn Tage lang im Herzen der Hauptstadt.

Heute 15 und 18.30 Uhr (Urania)

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