Kultur : Ich singe ja nur

Coralie Clément, die junge Jazzstimme Frankreichs, gibt beim Francophonic-Festival ihr Berlindebüt

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Mademoiselle Clément, Ihre DebütCD „Salles des pas perdus“ wurde nicht nur in Frankreich als große Überraschung gefeiert. Man scheint sie auch in Ländern zu verstehen, die Chansons nicht kennen.

Meine Musik schöpfe ich aus dem Leben, nicht so sehr aus der französischen Kultur – Kino oder Literatur sind mir dabei weniger wichtig. Meine Texte schreibe ich meist, wenn ich mich einsam fühle. Was ich in glücklicheren Momenten zu Papier bringe, ist dagegen banal. Vielleicht spricht das die Menschen an. Es geht mir nicht um ein bestimmtes Genre, das ich besonders kunstvoll bedienen will.

Aber Sie haben eine sehr alte Musik reanimiert, die auch in Frankreich eine große Tradition hat: den Bossa Nova.

Meine neue Platte orientiert sich stärker an Pop und Rock, nicht mehr so sehr an Jazz, Bossa Nova und Walzer. Ich habe mit meinem Freund Daniel Lorca zusammengearbeitet, dem Bassisten der amerikanischen Rockband Nada Surf. Ich war mit ihm auf Tournee und habe dabei viele amerikanische Gruppen entdeckt. Das hat mich etwas vom klassischen französischen Chanson abgebracht.

Dabei gilt Ihr Bruder, der Komponist Benjamin Biolay, als Erneuerer des französischen Chansons. Er hat auch die meisten Ihrer bisherigen Stücke produziert...

... das ergab sich ganz von selbst, wie durch Zufall. Ich studierte Musik in Lyon und verfolgte die Karriere meines Bruders nicht eben aus nächster Nähe. Mich interessierte aber, was er tat und eiferte ihm nach – wie kleine Schwestern das so zu tun pflegen. Als ich ihn eines Tages in Paris besuchte, hatte er Lieder für eine Frauenstimme geschrieben, die mir so gut gefielen, dass ich anfing, sie zu singen. Er hat das Ganze beiläufig aufgezeichnet und einer Plattenfirma gegeben. Als ich ins Studio eingeladen wurde, war ich völlig überrascht und habe die Aufnahmen dann ganz spontan gemacht. Alles war von einer entwaffnenden Einfachheit. Dadurch konnte ich mir auch meine Natürlichkeit bewahren: Am liebsten singe ich so wie ich rede. Und genau das scheint Benjamin zu gefallen.

Welche Einflüsse bringen Sie selbst in die Musik ein?

Meine wichtigsten Vorbilder kommen aus meiner Kindheit: Serge Gainsbourg, Vanessa Paradis und Françoise Hardy. Ich mochte eben den französischen Chanson, der viel Wert auf den Text legte. Für mich ist Gainsbourg ein echter Poet. Seine Texte haben mich sehr berührt. Besonders gefällt mir das Lied „Café Couleur“, indem er eine junge Métisse so poetisch beschrieben hat, dass ich das Gefühl hatte, ihr wie einer Freundin verbunden zu sein. Es gibt nicht ein einziges Lied von Gainsbourg, das ich nicht mag. Später habe ich dann durch meinen Bruder die Beatles entdeckt: Wenn man, wie ich, 15 Jahre lang Geige gespielt hat, dann kann man gar nicht anders als die Beatles und ihre Melodien zu lieben!

Heute gehören Gainsbourg, Bossa Nova und die Beatles schon fast zu einer neuen Klassik des 20. Jahrhunderts. Arbeiten Sie an einer Art klassischem Code der Popmusik?

Pop und Klassik sind sich oft sehr nahe. Ich liebe die klassische Musik, aber für eine Karriere als Geigerin war ich viel zu faul. Meine große Schwester ist Flötistin: Sie hat sehr unter den Aufnahmeprüfungen für die Orchester gelitten und musste dann erleben, wie grausam sich die Musiker innerhalb des Orchesters bekämpfen, das hat mich abgeschreckt. Trotzdem hat mir die klassische Ausbildung, das ständige Übenmüssen geholfen. Es hat mir die Disziplin beigebracht, die vielen Popmusikern fehlt.

Wie kommen Sie in dem ungleich schnelllebigeren Milieu der Musikindustrie zurecht?

Ich singe ja bloß, das ist alles. Die ganze Promotion nach einer Platteneinspielung amüsiert mich eher, als dass es mich nervt, weil ich meine „Karriere“ als Sängerin lange nicht so ernst genommen und mit der Musikbranche nicht viel zu tun habe. Benjamin hat mich anfangs auch geschützt: Direkt nach den Plattenaufnahmen musste ich die Zwischenprüfungen an der Uni über mich ergehen lassen. Ich sang als 22-Jährige im Studio und kehrte abends in mein kleines Zimmer zurück, um zu lernen. Zum Glück gab es gute Kritiken. Ablehnung hätte mir den Mut geraubt, weiter zu singen.

Ihr Bruder schleppt eine Art Weltschmerz mit sich herum – so als ob er früher viel unter Einsamkeit und dem Unverständnis anderer gelitten hätte. Ihre Musik ist eher von fröhlicher Melancholie.

Im Gegensatz zu meinem Bruder habe ich eine glückliche Kindheit verbracht. Ich habe die Schule gehasst, mich viel amüsiert, wenig gearbeitet. Aber da ich sechs Jahre jünger bin als Benjamin, waren meine Eltern nicht mehr so streng wie mit ihm – als Nesthäkchen hat man es eben leichter.

Beim Francophonic-Festival treten Sie erstmals in Berlin auf. Wie wichtig ist Ihnen die französische Sprache?

Es ist die Sprache meiner Kindheit und die Sprache der Musik, in der ich zuhause bin. In Frankreich ist es völlig selbstverständlich, auch die eher anglophonen Genres Pop oder Jazz französisch zu singen. Ich kann mir allerdings gut vorstellen, mich demnächst in Englisch zu versuchen.

Marcus Rothe traf Coralie Clément in Paris.

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