Kultur : Ich stürbe gern vor Liebe

Zwischen Mystik und Erotik: zum 800. Geburtstag Mechthilds von Magdeburg

Mechthild Rausch

Mechthild, Mette, Metze, genannt von Magdeburg. Wer kennt die schreib- undstreitlustige Begine aus dem 13. Jahrhundert? Am ehesten Katholiken, Germanisten, Mystikfachleute, Feministinnen. Nun sollen auch die Magdeburger mit ihr Bekanntschaft machen. Das kulturhistorische Museum und das Bistum Magdeburg haben der einzigen Stadtnamensträgerin anlässlich ihres 800. Geburtstags eine Kabinettausstellung mit dem Titel „Minne, Mut, Mystik“ gewidmet.

Die ansprechende Präsentation – mit Texttafeln, Abbildungen und anonymen Fundstücken aus dem Mittelalter – bringt uns die historische Person aber kaum näher, was unter den gegebenen Voraussetzungen auch schwer zu bewerkstelligen war. Von Mechthild existiert nur noch ein persönliches Relikt: ihre geistliche Autobiografie „Das fließende Licht der Gottheit“. Auch sie ist aber nicht im authentischen Wortlaut überliefert.

Die ungelehrte Autorin schrieb ihr Buch in altem Niederdeutsch, wie man es in der Gegend sprach. Man übersetzte es zuerst ins Lateinische, später ins Mittelhochdeutsche. Von letzterer Bearbeitung blieb, Gott sei Dank, eine vollständige Fassung erhalten. Der Codex Einsidelensis 277, eine Sammelhandschrift des 14. Jahrhunderts aus der Stiftsbibliothek Einsiedeln, ist in einem Glassarg zu bestaunen. Man kann ihn auch Seite für Seite betrachten, in einer eigens angefertigten digitalen Fassung.

Fast alles, was wir von Mechthilds Lebensumständen wissen, steht in ihrem Buch. Es sind spärliche Angaben, die zu Spekulationen geradezu einladen: geboren vermutlich um 1207/1208, vermutlich außerhalb Magdeburgs, möglicherweise auf einer Burg. Mit zwölf Jahren erfuhr sie, wie Maria, den „göttlichen Gruß“, den ersten direkten Kontakt nach oben. Mit Anfang zwanzig kam sie „in diese Stadt“, wahrscheinlich Magdeburg, getrieben von dem Wunsch, Gott mit Werken der Nächstenliebe zu dienen. Etwa vierzig Jahre lebte sie in einer Beginengemeinschaft, unter freiwilliger Beachtung der Ordensgelübde Armut, Keuschheit und Gehorsam.

Mit Anfang vierzig begann sie, auf Befehl von oben, ihre Visionen und Auditionen niederzuschreiben. „Das Buch soll man gern empfangen, weil Gott selbst die Worte spricht“, sagt sie in der Vorrede. Aber auch: „Es betrifft alleine mich und offenbart mein Geheimnis.“ Man spürt, dass sich hier kein willenloses Werkzeug höherer Mächte, sondern ein selbstbewusster Mensch äußert. Sie war überzeugt, dass zwischen ihr und Gott eine gegenseitige Abhängigkeit bestehe – ein Gedanke, den auch Meister Eckhart seiner philosophischen Mystik zugrunde legte.

Mechthilds „Geheimnis“ sind die göttlichen Eingebungen, es ist aber auch ihre innige Liebesbeziehung zu Jesus. Diese preist sie in Versen von großer Schönheit und schamloser Offenheit. Sie stimmt einen geistlichen Minnesang an, der Liebesjubel und Liebesklage in Worte fasst und der auch den Beischlaf nicht ausspart.

„Wird ein Mensch zu einer Stund’ / von wahrer Liebe richtig wund,/ so wird er niemals mehr gesund,/ er küsse denn denselben Mund,/ von dem die Seele wurde wund.“ Was heißt hier noch geistlich? Diese Verse lassen sich, ohne ein Jota zu ändern, auch auf weltliche Liebesgefühle anwenden. Früher glaubte die Germanistik, die Erotik in den Liedern weltlicher und geistlicher Troubadore mit dem mittelhochdeutschen Lehnwort „Minne“ bezeichnen zu müssen, so, als hätte man damals anders geliebt als heute. Glücklicherweise rücken die Philologen seit einiger Zeit von diesem Wortgebrauch ab. Und so ist es schade, dass die Magdeburger Ausstellung im Titel und in den Begleittexten am altbackenen Begriff festhält.

Liebeslyrik und -epik machen nur einen Teil des erstaunlichen Buches aus. Es enthält vielerlei mehr: Visionen vom Weltende, Fegefeuer und Hölle, Lobpreisungen Gottes, Gebete, Betrachtungen biblischer Inhalte, besonders der Passion Jesu, auch Belehrungen und Ermahnungen. Ein geistliches Sammelsurium, das durch ein starkes erzählerisches Band zusammengehalten wird, nämlich durch direkte und indirekte autobiografische Mitteilungen. Man erfährt von Mechthilds wechselvollem Leben, ihrer Jugend, ihren Krankheiten, ihrem Alter, ihrem Ringen um Anerkennung, ihren Kämpfen mit der Geistlichkeit.

In der Kritik am Klerus nimmt sie kein Blatt vor den Mund. „Stinkende Böcke“ nennt sie Magdeburger Domherren, weil sie in Luxus und Unkeuschheit lebten. Ihr lebenslanger Zorn gegen die Kirchenoberen hatte noch einen tieferen Grund: Die „Offenbarungen“ der Begine stießen im Weltklerus von Anfang an auf Ablehnung: Man drohte, ihre Schriften zu verbrennen, schloss sie zeitweise vom Empfang der Sakramente aus. Schließlich hatte sie einen dreifachen Sündenfall begangen, indem sie das Wort Gottes in deutscher Sprache und ohne kirchlichen Auftrag verkündete, als ungelehrter, ungeweihter, weiblicher Mensch.

Im späten 13. Jahrhundert verbot die Kirche im Bistum Magdeburg und andernorts das Beginentum. Viele der Frauen suchten hinter Klostermauern Zuflucht, Mechthild im Kloster Helfta bei Eisleben. Dort konnte sie noch das schöne Alterskapitel des „Fließenden Lichtes“ schreiben oder diktieren. Sie starb, erblindet, in den achtziger oder neunziger Jahren.

In Helfta trug ihr Werk Früchte: Mechthild von Hackeborn und Gertrud von Helfta verfassten ebenfalls bedeutende Offenbarungsbücher, allerdings in lateinischer Sprache und mit weniger brisantem Inhalt. Bezeichnenderweise wurden die beiden Nonnen bald nach ihrem Tod heiliggesprochen, während die Magdeburger Begine sich mit dem Status der Seligen zufriedengeben musste.

Tempi passati. Heute darf Mechthild, zumindest im Bistum Magdeburg, als Heilige verehrt werden. Auch „Das fließende Licht der Gottheit“ erfuhr eine Art Kanonisierung, indem es 2003 in den Deutschen Klassiker-Verlag aufgenommen wurde, vorbildlich ediert und kommentiert von Gisela Vollmann-Profe (870 Seiten, 76 Euro). Die Übersetzung ins Hochdeutsche ist etwas nüchtern geraten, aber man kann ja bei der Lektüre die Augen immer wieder nach links wenden und sich am Originaltext delektieren.

Kulturhistorisches Museum Magdeburg, Otto-von-Guericke-Str. 68-73, bis 6. Juli, tgl. außer montags 10-17 Uhr. Ausführliche Informationen unter www.mechthild-von-magdeburg.de.

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