Kultur : Ich tobe nicht, wenn mich jemand schlägt

Ein Gespräch mit der Songwriterin Aimee Mann über die Leidenschaft fürs Boxen und ihr Album „The Forgotten Arm“

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Frau Mann, wie ist Ihr Punch?

Ich habe eine ziemlich gute Rechte, aber meine Gerade ist nicht beeindruckend. Kann man wohl auch kaum erwarten. Aber ich habe eine ziemlich große Reichweite, das gleicht das aus.

Haben Sie schon mal jemanden k.o. geschlagen?

Nein. Ich boxe erst seit anderthalb Jahren mit einer Gruppe im Sportstudio. Wenn wir Sparring-Unterricht haben, tragen wir Kopfschutz und Nierenpanzer und haben einen Trainer dabei. Da passiert nichts.

Wie kamen Sie dazu?

Ich habe einen Freund, nach dessen Vorbild ich auch eine der Hauptfiguren der Geschichte auf meiner neuen CD entwickelt habe. John ist ein Boxer und ein Junkie. Ein faszinierender Mensch, sehr schlau, sehr charismatisch, aber leider, naja, den Drogen verfallen. Er ist einer dieser Typen, die so viel Charme haben, dass sie sich aus jeder Situation wieder herausreden können. Aber dieses Talent und seine Intelligenz verschwendet er dafür, seine Drogensucht zu befriedigen. Eines Tages gab er mir nur so zum Spaß eine Boxstunde. Ich erzählte einer Freundin davon, die jemanden kannte, der gerade ein Sportstudio eröffnen wollte und Privatstunden gab. Also begann ich, Unterricht zu nehmen.

Und, machen Sie Fortschritte?

Ja, ich arbeite hart daran.

Sie sehen nicht aus wie eine Frau, die gerne Schmerzen erträgt.

Es tut nicht so weh, geschlagen zu werden, wie Sie vielleicht denken. Naja, direkt auf die Nase, das tut weh ...

Die Schriftstellerin Joyce Carol Oates, ein großer Box-Fan, sagte einmal, Boxen sei der einzige Sport, wo die Wut ihren Platz hat, wo Wut in Kunst verwandelt wird. Sind Sie eine wütende Person?

Ich muss Joyce widersprechen. Leute sind kaum wütend, wenn sie boxen. Wer zu Wutanfällen neigt, gerät schnell außer Kontrolle, sobald er geschlagen wird. Das ist nicht gut fürs Boxen. Ich werde nie wütend, auch nicht, wenn mich jemand schlägt. Ich reagiere noch nicht mal genervt. Mein Trainer versucht immer, mich nur leicht oder gar nicht zu schlagen. Das ist schlimmer, als wenn er mir eine ballern würde, denn es motiviert mich nicht. Ich stehe nur da und empfange den Wischer, aber lerne nicht, meinen Kopf wegzubewegen. Damit es mir etwas bedeutet, müsste er härter zuschlagen. Übrigens, die Hälfte der Leute in meiner Klasse sind Frauen: Wenn die einen Treffer gelandet haben, entschuldigen sie sich immer. Bimmm! – „Oh, sorry!“ Für mich wäre das Größte, an einem Amateurkampf teilzunehmen.

Fühlen Sie sich zu schwach?

Ich hätte nichts dagegen, stärker zu werden. Aber schauen sie doch! (hebt ihre zarten Arme und spannt die Muskeln an) Glauben Sie, die werden noch wesentlich kräftiger? (lacht) Ich kann noch nicht mal Gewichte heben. Aber Schlagkraft hat nur zum Teil mit körperlicher Stärke zu tun. Es geht um das richtige Timing. Die Mädchen im Club sagen, meine Rechte schmerzt. Also denke ich, für meine Zwecke bin ich stark genug.

Joyce Carol Oates hält nicht viel von Boxerinnen. Für sie ist Boxen die männlichste aller Sportarten. Im Ring zeige sich der Mann in seiner äußersten Erscheinung.

Wir haben alle männliche und ein paar weibliche Eigenschaften in uns. Aber man sollte nicht bestimmte Charakterzüge für männlicher halten als andere. Beim Boxen geht es zwar darum, sich durchzusetzen. Aber aggressiv ist es deswegen noch lange nicht, zumindest nicht immer. Die besten Boxer waren defensive Boxer. Jeder kann einen guten Schlag landen, und es ist toll, einen Gegner auszuknocken. Aber es gibt Kämpfer wie Roy Jones Jr., der einen wuchtigen Schwinger besaß und auch eine gute Abwehr, aber dann wurde er langsamer und ging k.o., und das war sein Ende.

Also geht es beim Boxen mehr darum, die Abwehr zu trainieren als den Angriff?

Für mich ist es das Wichtigste. Es gibt ein großartiges Zitat von George Foreman: „Jeder hat einen Plan, bis ihn der erste Schlag trifft.“ Man kann in den Ring steigen mit einem tollen Konzept, aber sobald man selbst getroffen wird, zerbröseln alle Pläne. Nach einem harten Treffer kann man nicht mehr klar denken.

Klingt, als sei Boxen für Sie nicht nur Sport, sondern auch Lebensphilosophie.

Ja, ist es nicht eine perfekte Metapher für das Leben? Jeder hat einen Plan, bis er erschüttert wird. Der beste Plan, den du haben kannst, lautet: Wie ich nicht getroffen werde.

Mike Tysons größte Angst war der Schmerz. Das machte ihn so aggressiv.

Ja, in meinem Boxclub gehöre ich auch zu den aggressiveren Kämpferinnen. Anfangs glaubte ich, dass Angriff die beste Verteidigung sei. Und so bin ich auch ein paarmal losgestürmt. Aber ich wurde oft genug getroffen, um zu wissen: Ich muss an meiner Verteidigung arbeiten.

Das Cover Ihrer CD zieren zwei Kämpfer, die sich umklammern und schlagen. Ihre Songs aber handeln von der Liebe. Ist sie eine andere Form des Kampfes?

Der Titel bezieht sich auf einen Schlag, von dem mir mein Freund, der boxende Drogenabhängige, erzählt hat. Er nennt diesen Trick „The Forgotten Arm“. Dabei wird der Gegner in die Seile gedrängt. Man prügelt mit der Linken auf ihn ein, so dass er abgelenkt wird. Die eigene Rechte hängt schlaff herunter, bis sie plötzlich hochschnellt und den anderen wie aus dem Nichts trifft. Das klang für mich wie eine perfekte Metapher für das, wovon mein Album erzählt: von der Drogenabhängigkeit dieses Typen. Dessen Traumatisierung rauscht wie ein „vergessener Arm“ in die Beziehung der beiden Hauptfiguren und zerschlägt sie. So was geschieht auch, wenn ein netter Kerl mit einer verrückten Frau zusammen ist, und er hofft immer wieder, dass er sie von ihren Aussetzern abbringen kann, dass er irgendetwas tun kann, um sie zu verändern. Es müssen nicht erst Drogen ins Spiel kommen.

Ihre Figuren haben Angst, sich zu verlieben. Warum ist Liebe in Ihren Songs stets konfliktbeladen?

Menschen vertrauen einander eine Weile, sie kommen sich nahe, aber nie zu nah. Es fällt ihnen schwer, sich selbst so zu akzeptieren, dass ein anderer an ihnen nicht verzweifelt. Viele erwarten, dass andere einem die Probleme lösen. Es ist ein Desaster.

Eine typische Aimee-Mann-Situation: Sich zu verlieben, heißt die Flucht zu ergreifen. Wie viel von Ihnen selbst steckt darin?

Mir wurde das Herz auch ein paarmal gebrochen. Ich bin über vierzig, da ließ sich das nicht vermeiden. Ich wollte mich um jemanden kümmern, und es hat nicht funktioniert. Wir lebten zusammen, bezogen ein Haus, aber wir sagten, dass wir nicht heiraten würden. Schon damals wussten wir, dass es auseinander gehen würde. Trotzdem tut es weh, wenn es nach drei Jahren wirklich geschieht.

Ihr Herz gehört den Verlierern, die ihren Niedergang selbst verschulden ...

... ist nicht jeder für seine Fehler verantwortlich?

Menschen geben die Schuld am eigenen Unglück meist anderen.

Ja, richtig. Viel Glück damit.

Ihr Songwriting greift biografische Erfahrungen auf. Was war es diesmal?

Ich hatte das Bild eines Rummelplatzes aus meiner Heimat Virginia im Kopf. Und wie ich als 17-Jährige zwischen all den Buden und Karussells hindurchgeschlendert bin und es nicht erwarten konnte, endlich wegzukommen. All die gescheiterten Freundschaften, die mir über den Weg liefen; meine Eltern hatten sich auch scheiden lassen. Ich konnte nur woanders mein Glück versuchen.

Der „vergessene Arm“: Ist das auch der Körperteil, in den ihr Freund seine Drogen pumpt?

Daran dachte ich gar nicht, aber es gefällt mir.

Und Sie? Haben Sie die Schlagkombination einmal ausprobiert?

Nein, ich kann nicht denken, wenn ich boxe.

Das Gespräch führten Kai Müller und

Lars von Törne.

Geboren 1960 in Richmond, Virginia, zählt

Aimee Mann zu den

faszinierendsten Songwriterinnen der Gegenwart. Nach der Trennung der Eltern wird die Vierjährige von der Mutter nach Europa entführt, der Vater lässt sie durch einen Privatdetektiv suchen und holt sie in die USA zurück. Später studiert sie an der Berklee School of Music in

Boston.

Ihre Karriere beginnt in der New-Wave-Band ’Til Tuesday , seit Anfang der Neunziger arbeitet sie solo. Ihre ersten beiden Platten – Whatever (1993) und I’m With Stupid (1994) – erscheinen bei einem Major-

label, von dem sie bald auf Eis gelegt wird. Sie kauft ihr Bänder zurück und gründet mit SuperEgo Records eine eigene Firma.

Der Durchbruch kommt 1999 mit dem Film Magnolia , für den Regisseur Paul Thomas Anderson sich von ihren Songs inspirieren lässt. Die CD „Bachelor No. 2“ verkauft sich 150000-mal.

Heute erscheint mit The Forgotten Arm (V2 Records) ihr fünftes Album. Der Titel spielt auf einen Begriff aus dem Boxsport an; Aimee Mann boxt seit eineinhalb Jahren.

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