Kultur : Ich trage jetzt auch Pudelmütze

Bodo Mrozek

Neulich rief eine Kollegin an, die ein Buch über das Älterwerden schreibt (nein, nicht das Elternwerden). Man solle ihr fünf Indizien nennen, woran man merke, dass man älter werde. Mir zum Beispiel macht es nichts mehr aus, eine hässliche Pudelmütze zu tragen, um keine Grippe zu bekommen. (Früher hätte man jede Bronchitis oder Kopfgrippe freudig der Peinlichkeit vorgezogen, wie ein weichgekochtes Ei auszusehen.) Es gibt natürlich einige Punkte mehr, aber der wichtigste ist momentan wohl dieser: Es ist mir nicht mehr schnuppe, wo ich Silvester verbringe.

Jahrzehntelang war es vollkommen gleichgültig, ob man sich in einer Bar über zu teuren Sekt, zu Hause über ungebetene Gäste oder in einem Club über schlechte Tanzmusik ärgerte. Hauptsache es knallte. Mit der Zeit wird man wählerischer, auch was die Musik betrifft. Man will nicht mehr nur Krach hören. Auch der Ort spielt plötzlich eine Rolle, Silvester zieht es einen immer öfter ins Theater. Clubleben und Theater haben bei allen Unterschieden vieles gemeinsam, nicht nur die mittlerweile fast angeglichenen Eintrittspreise. An Silvester treffen sich beide Sphären in schönster Einigkeit, zum Beispiel beim Konzert der Band Britta am 31. Dezember im Wirtshaus am Ufer (HAU, Hallesches Tor, 22.30 Uhr). Die melancholischen Texte, das gediegene Gitarrenspiel und das angenehm reifere Understatement der letzten echten Berliner Girl-Band, in der erwachsene Mädchen (und sogar einige Männer!) ihre Frau stehen dürfen, sind mehr als geeignet, das neue Jahr in aufgeräumter Stimmung zu beginnen.

Neujahr ist wie kein Tag im Jahr geeignet, Rückschau zu halten, zu sortieren und lang aufgeschobene Entscheidungen zu treffen. Manchmal führt dies notwendig zu einem Abschied, von dem es in einem kitschigen Lied heißt, er sei ein bisschen wie sterben. Die Kolumne „Mischpult“ verabschiedet sich heute von ihren Leserinnen und Lesern. Über das Clubleben informiert auch künftig die Kolumne „Party Gänger“ mittwochs im Lokalteil. An dieser Stelle wird Christine Wahl ab Januar über Theater schreiben. Spot aus, Vorhang auf!

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