Kultur : „Ich verbrauche 120 Schuhe im Jahr“

Sie tanzt, seitdem sie drei ist. Polina Semionova ist der Star unter Berlins Ballerinen. Aber ihr eigenes Kind würde sie nie ins Ballett geben.

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Polina Semionova, 21, kam vor vier Jahren direkt von der Ballettschule in Moskau ans Staatsballett Berlin. Sie tanzt auf Galas in der ganzen Welt, letztes Jahr wurde ihr der Deutsche Kritikerpreis verliehen. Derzeit ist sie verletzt und wird wohl erst wieder beim „International Dance Summit“ ab 13. Mai in Berlin auftreten.

Interview: Jens Mühling und Annabel Wahba Foto: Mike Wolff Frau Semionova, träumen Sie manchmal, dass Sie fliegen können?

Nein, aber ich träume oft, dass ich mich drehe und drehe, immer weiter und nicht aufhören kann. Irgendwann wache ich dann auf. Komischerweise ist mir danach nie schwindlig. Wenn ich dann zum Training gehe, versuche ich mich zu erinnern, wie ich diese irren Pirouetten im Traum hinbekommen habe. Aber leider klappt das nie.

Dem berühmten Tänzer Vladimir Malakhov soll sein Ballettlehrer als Kind Sandsäcke an die Füße gebunden haben, damit er höher springen kann.

Das mit den Sandsäcken habe ich nicht erlebt. Aber natürlich trainiert man mit Gewichten an den Beinen für die Sprungkraft. Die Sachen, die man in der Ballettschule macht, sind immer ein bisschen verrückt. Zum Beispiel die Mädchen, die einen Spagat zwischen zwei Stühlen machen. Das sieht man dann und denkt sich: Das muss ich auch mal ausprobieren. Aber das Härteste für mich war, mich immer wieder anzuspornen und die Müdigkeit zu besiegen. Ich erinnere mich, als ich 16 war und mich nach der Ballettschule abends noch auf Wettbewerbe vorbereitete: Da war ich gerade mitten in einer Wachstumsphase, ich schoss in die Höhe, aber nahm nicht an Gewicht zu. Mein Lehrer trieb mich an, ich machte weiter, ohne Pause, obwohl ich dachte, ich kann nicht mehr. Aber wenn man diesen Punkt überwunden hat, dann geht es doch.

Sie waren erst 17, als Sie Malakhov, der Intendant des Staatsballetts, als Erste Solotänzerin nach Berlin holte. Eine ziemlich ungewöhnliche Karriere.

Zum Glück war die ersten zwei Wochen mein Vater mit mir in Berlin. Er hat mir geholfen, eine Wohnung in Mitte zu finden. Aber irgendwann musste er wieder zurück nach Russland. In der ersten Nacht allein konnte ich nicht schlafen und dachte immer, lass es bitte Morgen sein, damit ich ins Theater gehen kann. Dort waren zumindest immer Leute um mich, ich war das nämlich nicht gewohnt, dass ich abends nach Hause komme, und niemand ist da. In Moskau waren immer meine Eltern und meine beiden Geschwister da.

Sie hatten Heimweh.

Natürlich habe ich meine Familie vermisst. Und vor allem das Essen. Wie sehr ich das mag, habe ich erst gemerkt, als ich hierher kam und es nicht mehr hatte. Ich liebe Salat Olivié, das ist ein Salat mit sehr viel Mayonnaise. Wenn ich Heimweh habe, gehe ich manchmal in Mitte zur Museumsinsel, weil es dort ein bisschen aussieht wie in St. Petersburg. Ich bin zwar aus Moskau, aber ich liebe St. Petersburg. Anfangs war das Heimweh besonders groß, wenn ich für zwei oder drei Tage nach Russland fuhr und dann nach Berlin zurückkam.

Andere junge Leute ziehen in eine WG, um Leute um sich zu haben.

Als Solistin ist es wichtig, allein zu wohnen, weil man nachts schlafen muss, um am Morgen fürs Training fit zu sein. Ich kann nicht mit Freunden wohnen, die spontan Lust haben, bis drei Uhr morgens am Computer zu spielen. Mein Terminplan ist eben ganz anders.

Die besten Balletttänzer und viele Komponisten kommen aus Russland. Woher kommt die Liebe der Russen zum Ballett?

Das Ballett stammt ja ursprünglich aus Frankreich, aber schon sehr früh kamen französische Tänzer nach Russland. Dass die Russen so gerne ins Ballett gehen, liegt vermutlich daran, dass sie so gefühlsbetonte Menschen sind. Aber ich bin immer vorsichtig mit solchen Stereotypen, es stimmt ja auch nicht, dass alle Russen trinken und die Franzosen immer verliebt sind.

Aber die Leidenschaft der Russen spürt man in den Aufführungen: Sie springen von den Sitzen und rufen Bravo nach jeder Szene, die ihnen gefällt.

Ja, stimmt. In Russland haben wir auch keinen Orchestergraben, so dass Zuschauer nach der Aufführung nach vorne kommen und uns Tänzern Blumen bringen. Aber manchmal ist das gar nicht so gut, wenn jemand plötzlich laut dazwischenruft oder -klatscht. Der Applaus kann einen auch raus bringen, wenn man sich gerade emotional auf eine Rolle eingestellt hat.

Ein russischer Ballettarzt sagte mal: „Gott hat den Menschen nicht geschaffen, damit er auf Spitzen geht und sich nach hinten bis auf den Boden biegt.“

Tänzer haben immer irgendwas, alles tut weh, die Muskeln, die Knochen. Das ist ganz normal. Wenn der Fuß drei Stunden lang in Ballettschuhen steckt und man auf der Spitze tanzt, werden die Zehen aneinander gequetscht. Durch die Reibung beim Tanz kann es dann Blasen geben. Wenn die nicht so groß sind, gehen sie nach zwei bis drei Tagen wieder weg. Sonst tut man Creme drauf und Pflaster.

Blasen sind noch das geringste Problem. Balletttänzer sind anfällig für Muskelzerrungen, Sehnenentzündungen, Rückgratschäden, Kniescheiben- und Knochenentzündungen. Wie lebt man mit den ständigen Schmerzen?

Vergessen kann man die leider nicht, aber man kann den Schmerz lindern. Ich denke genau nach, welche Bewegungen ich mache, um den Schmerz zu vermeiden. Außerdem gehe ich zur Massage und bekomme Ultraschallbehandlungen. Bei den Männern ist es eher der Rücken, der weh tut, weil sie die Frauen heben müssen, und bei den Frauen sind es Beine und Füße. Aber bisher habe ich immer einen Weg gefunden, um zu trainieren ...

... bis vergangene Woche. Da haben Sie sich in der Probe verletzt.

Ja, das war zu „Onegin“, ich habe mir einen einfachen Bänderriss zugezogen.

Jetzt müssen Sie ein paar Wochen pausieren. Als Zuschauer wundert man sich, dass nicht mehr passiert, wenn die Männer die Frauen durch die Luft wirbeln, und die dann auf einer Fußspitze landen.

Ja, es passiert auch viel. Ich bin nach einem hohen Sprung mal auf dem Boden ausgerutscht und hingefallen. Zum Glück ist mir nichts passiert. Manchmal fallen die Mädchen runter, weil der Partner sie aus irgendeinem Grund nicht richtig fangen konnte. Da kommt es sogar vor, dass sie sich die Zähne ausschlagen, weil sie auf dem Kinn landen. Man muss eben aufpassen.

Ihr Freund ist auch Balletttänzer im Ensemble des Staatsballetts Berlin. Ist das gut, wenn beide den gleichen Beruf haben?

Für mich ja, weil er mich sonst nicht verstehen würde. Oft ist es so, dass ich nach einem Tag voller Training, Proben und Aufführung erst um zwölf nach Hause komme. Dann kann ich nicht mehr viel machen, außer mich noch ein bisschen unterhalten und vielleicht fernsehen. Wir versuchen aber nicht zu viel übers Tanzen zu reden.

Und was machen Sie, wenn Sie das Ballett mal vergessen wollen, wenn Ihnen alles zu viel wird?

Es ist nie zu viel. In den Theaterferien im Sommer tanze ich oft noch ein paar Galas, aber zwei Wochen im Jahr mache ich Ferien. Da trainiere ich überhaupt nicht, am liebsten fahre ich dann ans Meer, lege mich in die Sonne, gehe schwimmen und esse richtig. Da gehen alle Schmerzen weg, das braucht mein Körper. Und ich versuche immer, einen Tag in der Woche frei zu haben. Meist ist das der Sonntag. Wenn ich kann, gehe ich am Samstagabend aus, manchmal die ganze Nacht.

Geht eine Ballerina dann in den Club zum Tanzen?

Ja klar, das ist sehr gut für mich. Immer nur Ballett den ganzen Tag, da braucht man auch mal Abwechslung. Ich finde es auch wichtig, den Tagesrhythmus immer mal wieder zu verändern und nicht jeden Tag früh ins Bett zu gehen.

Seit Sie klein sind, führen Sie ein ziemlich asketisches Leben. Schon mit acht Jahren kamen Sie auf die Ballettschule des Bolschoitheaters. Über den Schülern liegt ständig die Drohung, dass sie rausfliegen, wenn sie zu schwer sind. Ein Mädchen darf bei einen Meter 70 maximal 50 Kilo wiegen.

Ja, vor allem in der Pubertät bekommen Mädchen da ein Problem, weil sich der Körper verändert. Die bekommen dann ein Ultimatum, um abzunehmen, und machen dann allerlei verrückte Sachen. Wenn sie trotzdem nicht dünner werden, fliegen sie raus. Das ist sehr hart, aber manchmal kann man einfach nichts machen, da verändern sich die Proportionen, plötzlich wird das Becken zu breit oder der Oberkörper wächst schneller als die Beine.

Und was tun Sie, wenn Sie mal ein Kilo zu viel auf der Waage haben?

Das kommt nicht vor. Ich war zum Glück immer schon sehr schlank. Das ganze Geheimnis ist: Ich habe einfach keine Zeit zu essen. Um zehn oder halb elf beginnt das Training, danach sind Proben. Wenn man Glück hat, hat man mal eine halbe Stunde zwischen zwei Proben, da muss man sich entscheiden: Essen oder Massage. Außerdem kann man da nicht einfach drauflos essen, sondern holt sich nur schnell ein Sandwich, weil man mit einem vollen Bauch nicht tanzen kann.

Sie haben Ihr ganzes Leben immer getanzt. Hatten Sie als Kind Freunde außerhalb des Balletts?

Nein. Aber das hat mich nicht gestört, ich war ja den ganzen Tag in der Schule, und zu Hause hatte ich meinen Bruder und meine Schwester. Ich habe mich nie einsam gefühlt, wir haben immer was zusammen gemacht. Mein älterer Bruder ist auch Solotänzer, er ist am Marinskij-Theater in St.Petersburg, leider sehen wir uns jetzt sehr selten, zuletzt habe ich ihn im Sommer getroffen.

Das Marinskij ist eine der berühmtesten Bühnen der Welt. Hat der Erfolg Ihres Bruders Sie angespornt?

Er ist zweieinhalb Jahre älter als ich und war auch schon mit 17 Solist, als ich noch zur Ballettschule ging. Es gab nie eine Konkurrenz zwischen uns, aber in der Schule haben die Lehrer zu mir gesagt, nimm dir ein Beispiel an ihm. Ich wollte zeigen, dass ich nicht schlechter bin als er.

Sie sind eine Perfektionistin. Wie wirkt sich das eigentlich auf Ihr Leben außerhalb des Theaters aus?

Da bin ich viel weniger kontrolliert. Ich bin leider sehr schlecht darin, meinen Alltag zu organisieren. Ich hasse zum Beispiel diesen ganzen Papierkram, Sachen wir Telefonverträge, die man unterschreiben muss. Ich bekomme auch immer Mahnungen, weil ich vergesse, Rechnungen zu bezahlen. Aber selbst mir passiert es manchmal, dass ich zur Probe komme und überhaupt keine Lust habe.

Und doch stehen Sie fast jeden Tag an der Ballettstange. Wie viel Paar Schuhe verbrauchen Sie da?

Oh, das ist ein Problem! Ich habe einen irrsinnigen Schuhverschleiß. Wir Tänzer am Staatsballett bekommen unsere Schuhe von einem Hersteller in London. Die sagten mal zu mir: Jeder andere Tänzer braucht 60 Schuhe im Jahr und du 120.

Und woher kommt das?

Meine Schuhe müssen sehr steif sein. Ich brauche pro Akt ein Paar Schuhe, denn durchs Tanzen auf der Spitze werden sie im Laufe des Aktes immer weicher. In der Pause wechsle ich dann die Schuhe. Ich brauche vor jeder Aufführung ein bis zwei Stunden, um meine Schuhe vorzubereiten. Erst binde ich das Band, so dass es schön fest ist, dann brauche ich noch elastisches Klebeband, damit die Ferse nicht herausschlüpft. Zum Schluss tue ich noch manchmal Farbe drauf, damit der Stoff nicht so glänzt. Tja, und dann komme ich auf die Bühne und fühle mich trotzdem manchmal unbequem.

Andere Tänzer schlagen ihre Schuhe gegen Türpfosten oder hauen mit dem Hammer drauf, um sie flexibler zu machen.

Ja, damit sie nicht so klackern, wenn man damit über die Bühne läuft. Ich mache das aber nicht, sonst könnte ich darin nicht mehr tanzen.

Nurejew soll mal gesagt haben: Wenn man tanzen will, muss man auch ein Maler sein. Er ging gerne in die Eremitage. Was inspiriert Sie?

Wir Tänzer müssen viel lesen, schöne Filme ansehen, alles was zur Kunst dazugehört. Wann immer ich in einer anderen Stadt bin, gehe ich spazieren, gucke mir die Architektur an und gehe so oft wie möglich ins Museum. Ich versuche, das Maximum an Kulturprogramm zu schaffen. In Wien, London oder Paris ist das natürlich besonders toll.

Haben Sie eine Lieblingsrolle?

Mein liebstes Ballett ist „Manon“, weil das so leidenschaftlich ist. Ich habe das Buch gelesen, bevor ich das Ballett kannte. Ich erinnere mich, dass ich damals im Flugzeug in die USA saß, 12 Stunden lang, ich habe das Buch in einem durchgelesen.

Und was gefällt Ihnen so gut an Manon?

Es ist die Geschichte einer jungen Frau, die sich in einen Mann namens Des Grieux verliebt, der wenig Geld hat. Als ein anderer, reicher Mann sie mit Juwelen beschenkt, kommt sie mit ihm zusammen, obwohl sie den anderen noch liebt. Es endet damit, dass sie stirbt, weil sie krank wird. Ich liebe dieses Ballett so sehr, weil jeder Akt anders ist: Im ersten ist Manon eine Frau, die alles bekommt. Im zweiten Akt ist sie eine reiche Frau, die mit den Männern spielt. Und im letzten Akt ist sie arm und krank. Ich mag es, wenn ich so unterschiedliche Sachen spielen kann. Das Stück berührt mich nicht so sehr wegen ihr, sondern wegen Des Grieux. Er verzeiht Manon einfach alles und liebt sie wie verrückt.

Tänzerkarrieren enden meist mit Mitte 30. Haben Sie sich mal Gedanken gemacht, was Sie tun werden, wenn Sie in zehn Jahren in Rente gehen?

Natürlich. Früher dachte ich immer, ich würde dann Ballettlehrerin werden. Ich habe mich immer dafür interessiert, wie man aus einem Körper einen Ballettkörper macht. Aber mittlerweile hat sich meine Meinung geändert.

Weil Sie eine schlechte Erinnerung an die eigene Kindheit haben?

Nein, aber wenn ich ein Kind hätte, würde ich es nie ins Ballett geben.

Warum?

Weil nur die wenigsten es schaffen, ihr Ziel zu erreichen. Selbst wenn sie an der Schule aufgenommen werden, kann der Traum mit der Pubertät plötzlich vorbei sein. Und selbst wenn sie die Ausbildung bis zu Ende machen, träumen die meisten Mädchen von einer Karriere als Solistin, wollen immer weiter nach oben. Aber nur die wenigsten schaffen es, und dann immer die Gefahr der Verletzung, eine Ballettkarriere kann so frustrierend sein.

Mussten Sie je ans Aufhören denken?

Nein. Das wäre für mich unvorstellbar. Ich habe mir aber auch nie Sorgen um mich selbst gemacht, Ballett ist mein Weg. Das ist so, wie wenn man einen Menschen liebt. Du weißt, dass er diesen und jenen Fehler hat, aber du liebst ihn trotzdem.

Aber nach ein paar Jahren kann es doch vorkommen, dass man sagt: Die Fehler sind so groß, ich will ihn nicht mehr.

Mag sein, aber je weiter man geht und je tiefer man in dem Job ist, umso weniger kann man aufhören.

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