Kultur : „Ich verbreite gerne Binsenweisheiten“

Der Berliner Künstler Daniel Richter über Erfolg, Etikettenzwang und den Mythos vom Maler als Tellerwäscher

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Aus Anlass Ihrer Ausstellung haben Sie sich die große Treppe der Hamburger Kunsthalle herabstürzend fotografieren lassen. Ist Ihre Retrospektive nicht eher ein Heraufklettern auf der Karriereleiter?

Ich wollte das Unheil heraufbeschwören, damit ich hinterher als erster sagen kann: Seht ihr, ich habe es gleich gesagt.

Also bitte: Die Retrospektive ist doch wohl eher der endgültige Ritterschlag.

Wahrscheinlich. Mir kommt das geradezu zwangsläufig vor. Aber mal ernst: Die Honorierung durch die Kunsthalle vermengt sich mit meiner eigenen Geschichte in der Stadt. Plötzlich wird man vom Privatmenschen zur öffentlichen Person, und die eigenen Bilder treten einem durch die Augen der Leute plötzlich ganz anders entgegen.

Sie leben in Hamburg und arbeiten in Berlin. Hätten Sie nicht lieber in Berlin eine solche Rückschau gehabt?

Das kann ich mir nicht aussuchen. Natürlich habe ich mich über Hamburg gefreut, denn ich bin das Ergebnis bestimmter Strukturen der Stadt, der Hochschule, bestimmter Szenen. In Berlin werde ich unter dem Mythos „Vom Tellerwäscher zum Millionär“ subsumiert. Letztlich ist das egal: Ich bin als Arbeitstourist gerne in der Stadt.

Ihre Professur an der Universität der Künste haben Sie allerdings aus Protest gegen die Bürokratie zurückgegeben.

Die UdK ist eine schlechte Hochschule, ein Spiegelbild der Berliner Verhältnisse: eine Mischung aus zu viel Geld aus der alten Zeit, Seilschaften, einer riesigen Bürokratie und Verantwortungslosigkeit, was die Nachberufungen in den letzten 15 Jahren betrifft. Die Situation an der UdK ist ein Pendant zum gegenwärtigen Geleier über die Versäumnisse am Hamburger Bahnhof. Da wurden Fehler gemacht, haben sich Strukturen ausgebildet, die keiner mehr durchschaut.

Arme Studenten.

Für die Studenten tut es mir leid, denn Berlin befindet sich in einer guten Situation, weil alles so billig ist. Berlin ist der Welttreffpunkt für jeden, der kein Geld hat, aber Ambition. Aber ich wollte nicht mehr, obwohl die C4-Professur eine Sicherheit für weniger rosige Zeiten war.

Auch von Ihrem Werk kennt man riskante Entscheidungen. So haben Sie vor sieben Jahren die abstrakte Maler hinter sich gelassen und arbeiten seitdem figurativ.

Wenn etwas gut gemacht ist, dann setzt es sich durch. Einem Musiker kann das passieren, einem Literaten, dass er ein hervorragendes Buch schreibt und dann abschmiert. In der Kunst ist das kaum möglich. Das liegt an den ökonomischen Grundlagen der Kunst, an ihrer leichten Zugänglichkeit.Im 20. Jahrhundert hat es viele Hungerleider unter den Künstlern gegeben als Folge von Pogromen und Kriegen; trotzdem wurden sie bekannt. Es gibt kaum Künstler, dessen Werk nach dem Tod eine Neudeutung erfährt. Alle anderen erleben die üblichen Höhen und Tiefen. So wird es mir auch gehen. Jetzt hatte ich eine gute Zeit, dann kommt eine schlechte, dann Reue, Bescheidenheit, Selbstbefragung, Zwölftonmusik.

Im Moment wird Ihre Arbeit stark als politische Malerei diskutiert. Wie sehen Sie sich selber?

Ich bin gewiss kein moralischer Maler. Der Unterschied zwischen mir und einer Generation von Malern, die das Politische zum Thema hatten, besteht darin, dass es diese Gut-Böse-Konstellation nicht mehr gibt. Mir geht es um die Politizität der Bilder, was sie auflädt mit Bedeutung. Die Schilderung von Richtig und Falsch interessiert mich nicht. Dazu ist die Wahrnehmung von Bildern zu komplex, wie das Leben insgesamt. Es ist auch nicht die Aufgabe von Malerei, Wahrheiten zu verbreiten. Ich als Privatier verbreite gerne großartige Binsenweisheiten. Aber ich hoffe, man sieht meinen Bildern an, dass sie das nicht tun.

Woher kommen solche Etiketten?

Sie sind ein Vehikel der Kritik, um das Ganze zu kategorisieren. Darin unterscheidet sich meine Arbeit von anderen, die zumeist Elfenbeinturmermalerei ist. Ich bin auf den Titel politischer Maler nicht scharf, ehrlich nicht.

Vermutlich begünstigt Ihre Vergangenheit in der Hamburger Punkerszene eine solche Einordnung. Speist sich aus diesem Hintergrund auch die Aggressivität Ihrer Kunst?

Ich sehe in meiner Malerei eher Zärtlichkeit.. Sicher, meine Weltsicht ist nicht optimistisch. Ich könnte keine Bilder malen, die nur gefallen. Sie müssen auf den Ebenen von Schönheit und Zerrissenheit funktionieren. Gerade das hat mich an abstrakter Malerei interessiert: das Organisieren von Widersprüchen.

Kommen Sie damit nicht dem „L’art pour l’art“ sehr nahe?

Auf keinen Fall. Zum Beispiel Morandi hat sein Leben lang Flaschen gemalt, womit er eine bestimmte Signifikanz hergestellt hat. Allein dadurch, dass jemand dem Vokabular der Malerei einen Baustein hinzufügt, rechtfertigt sein Schaffen. Ich finde es interessanter, wenn die Dinge komplexer werden, wenn Medienbild, Pornografie und paranoide Infrarotlichter zusammengehen, verschiedene Ebenen der Wirklichkeit einfließen.

Für wen malen Sie Ihre Bilder?

Der Marxist würde sagen „Für den Markt“, der Freudianer „Für die Befriedigung meines Narziss“, der Soziologe sagt „Du malst für deine Freunde“. Ich weiß es nicht. Ich male, um eine visuelle Kommunikation herzustellen und um mir über die Welt klarwerden will.

Denken Sie über die Menschen nach, bei denen Ihre Bilder später hängen?

Das sind wahrscheinlich ganz schlechte Menschen (lacht). Sie sind bereit, den geforderten Preis zu bezahlen. Bei meiner geringen Produktion ist gut zu kontrollieren, in welche Sammlung die Bilder gehen. Aber es kann passieren, dass ich sie nicht geliehen bekomme wie jetzt für die Hamburger Ausstellung. Vielleicht sind diese Sammler selber Narzissten und wollen das Bild nicht teilen. Außerdem sind die an den Auktionspreise orientierten Versicherungssummen und Transportkosten mittlerweile so hoch, dass sich die Museen das nicht mehr leisten können. Würde man sich an die Einkaufssumme der Bilder halten, wären diese Kosten nur auf ein Zehntel so hoch.

Erfüllt es Sie mit Stolz, wenn Ihre Bilder Rekordpreise bei Auktionen erzielen?

Von mir aus können sie noch höher gehen. Da sollte man nicht naiv sein. Wenn ich eine Million Euro für ein Bild kriegen kann statt 100 000, dann wäre ich ein Narr, wenn ich nicht mitmachen würde. Natürlich sind die Preissteigerungen risikoreich. Aber ich sage mir: Je mehr du jetzt kriegst, desto weniger hast du verloren, wenn der ganze Scheiß zusammenbricht. Hinter der Faszination für die hohen Summen steckt das Midas-Bild der Verwandlung von Öl, Kacke und Holz in riesige Werte. Bei Juwelen, Diamanten, Gold, Autos werden die Preise nie in Abrede gestellt. Jeder sieht die Arbeit darin, die Rarheit des Materials. In der Kunst wird eine Idee bezahlt – und ein Einrichtungsgegenstand.

Gemeinsam mit Jonathan Meese und Neo Rauch gehören Sie international zu den gefragtesten deutschen Malern. Wie erklären Sie sich das Interesse?

Wahrscheinlich ist das nur temporär, übermorgen sind es drei andere. Interessant ist daran, dass es deutsche Malerei ist, aufgeladen mit Geschichtlichkeit. Bei Jonathan geschieht dies in der Form von Irrsinn, von Entwertung, bei Neo in der Form von Traum und konservativem Gedenken. Meine Bilder sind eine Schrottvariante des negativen Historienbildes. Ich halte mich noch für den am wenigsten deutschen Maler in diesem Trio.

Da haben Sie eine kurvenreiche Entwicklung genommen: vom Autonomen zum deutschen Historienmaler.

Es ist kurios, und ich möchte davon auch nicht vereinnahmt werden. Ich bin kein Patriot, und ich empfinde die deutsche Geschichte eher als unselig. Für mich ist das alles unappetitlich.

Mit den gestiegenen Preisen ist auch das Interesse an Ihrer Person gewachsen.

Das erklärt sich aus dem Bedürfnis, aus dem Künstler eine Figur zu machen. Da genügt es nicht, nur über die Bilder zu schreiben. Seit 10, 15 Jahren wird Kunst nicht mehr nur in kleinen Zirkeln wahrgenommen. Deshalb muss der Künstlermythos eingespeist werden mit seinen Halligalli-Geschichten: bei Jonathan Meese ist das die Vaterlosigkeit, die Geburt in Japan, dieses Leben als Schrat am Rande der Gesellschaft, bei Neo Rauch ist es der Tod der Eltern in jungen Jahren, das ganze DDR-Ding. Bei mir ist es das Autonomenpunkersubkulturding.

Wird Ihnen da nicht schwindelig, angesichts dieses Zirkus’? Allein in diesem Sommer finden Documenta, Biennale in Venedig und Art Basel gleichzeitig statt.

Ich werde keine einzige Veranstaltung besuchen. Das ist für mich wie die Fußballweltmeisterschaft. Vielleicht ist diese Beschleunigung auch gut so, und es gibt es eine große Erschöpfung. Aber der Kunstmarkt wird nicht zusammenbrechen. Er ist weder durch die Mullahs gefährdet noch durch die großen sozialistischen Bewegungen, die die Enteignung auf ihre Fahnen geschrieben haben. Weder in Amerika noch in Europa ist die Bourgeoisie jemals ungefährdeter gewesen. Dahinter steckt nicht nur Konsum, sondern auch eine Sehnsucht nach Wahrheit. Vielleicht gehört Beschäftigung mit Kunst auch nur zum guten Stil wie die teure Uhr oder die handgenähten Schuhe.

Das Gespräch führte Nicola Kuhn.

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