Kultur : Ich war dabei, als ...

Katrin Wittneven

Im Zuge der immer schneller voranschreitenden Historisierung richteten die Analytiker schon vor der Jahrtausendwende ihren Blick zurück nach vorn. Die Chroniken des Jahrtausends waren verkaufsträchtig schon vor dem Millennium in den Läden. Die Kunst hinkt hinterher, doch auch hier hat die Analyse der neunziger Jahre längst begonnen. "Ich war dabei, als ..." heißt etwa die lesenswerte Zusammenstellung von Interviews, die der Zitty-Redakteur Marius Babias zwischen 1990 und 2000 geführt hat, und die in diesen Tagen bei Revolver Blanco, einer Schriftenreihe zur aktuellen Kunst, erschienen ist.

Auch die ifa-Ausstellung "QUOBO" wagt sich mit dem Untertitel "Kunst in Berlin 1989 - 1999" an die Analyse der letzten Dekade (vergleiche Tagesspiegel vom 14. 10). Ein Symposium im Rahmen der im Sommer begonnenen Reihe "Künstlerreden" im Hamburger Bahnhof spürte jetzt den Schlüsselworten "Situation" und "Kontext" nach, die die Kuratorinnen Gabriele Knapstein und Ingrid Buschmann ins Zentrum ihrer Wanderausstellung gerückt haben. Denn einst war Berlin eine Malerstadt. Als Ende der achtziger Jahre die Mauer fällt, beginnt auch für die Kunst eine neue Ära. Der künstlerischen Entwicklung der neunziger Jahre entsprechend, rücken konzeptuelle Ansätze in den Vordergrund: Neue Produktionsformen, die das metaphorische Kunstwerk und den autonomen Künstler in Frage stellen, werden in leerstehenden Gebäuden und auf brachliegendem Gelände erprobt. Diese situations- und raumbezogenen künstlerischen Strategien stehen im Zentrum von "QUOBO". Wesentlicher Teil der Ausstellung ist ein Archiv, das über verschiedene freie Projekte vom "Büro Berlin" über die "Botschaft" bis hin zu Einrichtungen wie dem Club "Kunst und Technik" informiert.

Fünf Vertreter dieser freien Projekte diskutierten am Wochenende über ihre Erfahrungen, doch zunächst näherten sich drei Theoretiker den Begriffen "Situation" und "Kontext". Der Bamberger Künstler und Philosoph Hubert Sowa skizzierte den Unterschied zwischen hermeneutischem und phänomenologischem Verständnis von "Situation" und trug die Erkenntnis bei, dass die Situation ein unscharfer Zustand zwischen Vergangenheit und Zukunft sei. Der Hamburger Autor Roberto Ohrt umriss die Strategien von Guy Debord, der Ende der fünfziger Jahre Mitgründer der "Situationistischen Internationale" in Frankreich war. Die "Konstruktion von Situationen des Aufruhrs" gehörte zum subversiven Vorgehen dieser revolutionären Vereinigung, die sich 1972 auflöste. Die Autorin und Kunstkritikerin Stella Rollig schließlich überzeugte durch ihre mitreißenden Ausführungen. Den Paradigmenwechsel in den neunziger Jahren verankerte sie in den Strategien der sechziger und siebziger Jahre und erläuterte Zusammenhänge zu gesellschaftlichen Entwicklungen wie Rezession und steigenden Arbeitslosenzahlen.

Die anschließende von der Zitty-Redakteurin Claudia Wahjudi moderierte Diskussion mit Vertretern von "mikro e.V., Verein zur Pflege von Medienkulturen", "boschaft e.V."," loop - raum für aktuelle kunst", "plattform" sowie "kunst und technik" leidet ein wenig am langwierigen Vorstellungsprozedere, hat aber dennoch Charme. Denn sie macht nicht nur ihre Kurzlebigkeit und die Schwierigkeiten einer Musealisierung deutlich, sondern auch ihre Offenheit und den ihnen innewohnenden immerwährenden Neuanfang. "Zukunftspläne?" fragte Claudia Wahjudi. "Neue Projekte, voller Energie!" anwortet Inke Arns, die Vertreterin des zurzeit "schlafenden" Vereins mikro e.V. Zum Abschluss des Symposiums gibt der Berliner Künstler Carsten Nicolai noch ein Konzert. Doch nach sechs Stunden des Zuhörens muss die Rezensentin sowohl der Situation als auch dem Kontext entfliehen, empfiehlt aber gerne Nicolais neue Elektro-CD "transform", die Nicolai unter dem Pseudonym "alva noto." auf dem Label "mille plateaux mp102" herausgegeben hat.

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