Kultur : Ich war ein Salatkopf

Caryl Churchills Klon-Drama „Die Kopien“ an der Schaubühne

Peter Laudenbach

Am Tag vor der deutschen Erstaufführung von Caryl Churchills Klon-Stück „Die Kopien“ stellte die obskure Raelianer-Sekte unscharfe Fotos ihrer angeblich erfolgreich geklonten Retorten-Babys ins Internet: ein kleiner Fake-Beweis für die Menschenzüchtung. Caryl Churchill braucht keine grellen Science-Fiction-Szenarien, um über die Zukunft des Menschen im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit nachzudenken. Stattdessen entwirft sie eine Vater-Sohn-Geschichte als eine Art Versuchsanordnung, in der sich die Verunsicherungen und Verluste durchspielen lassen, die angesichts des in Serie gegangenen genetischen Codes einzelner Menschen zu erwarten sind: eine Schadensbilanz des kopierten Individuums.

Josef Bierbichler sitzt schwer und vergrübelt in seiner Sofaecke, Mark Waschke als Sohn berichtet ihm von einer unheimlichen Begegnung: Er hat im Krankenhaus genidentische Kopien seiner selbst gesehen. Nur im flatternden Spiel der Hände, die das Sofa abtasten, übers Gesicht fahren, sich aneinander reiben oder am Jackett zupfen, entlädt sich die Unruhe des Vaters. Je mehr Waschke zappelt und sich in hilflose Aufregung hineinredet, desto schweigsamer wird Bierbichler. Während der Sohn noch versucht, den Schock zu verdauen, hat der Vater schon die Rationalisierung parat: Man müsse „die“ verklagen, auf eine halbe Million pro Gen-Kopie mindestens. Der Versuch, das Unfassbare juristisch zu fassen, kaschiert ein dunkles Geheimnis. Der Vater selbst hat eine Gen-Kopie in Auftrag gegeben, und der Sohn ist ein Produkt dieser Reproduktionsreihe, das einzige, von dem der Vater wusste: „Einen Einzigen von dir sollten sie machen, aber nicht eine ganze Serie.“ Was folgt, ist die erste Version der Wahrheit, von der es, wie von den reproduzierten Kindern, in diesem Stück eine ganze Versuchsserie gibt. Die erste Version der Vergangenheit: Mutter und Sohn starben bei einem Autounfall, aus Zellmaterial ließ der Vater einen neuen Sohn im Reagenzglas züchten.

So weit, so gespenstisch. James MacDonalds Inszenierung erzählt das denkbar trocken und unaufgeregt. Der Schrecken des Sohnes, der von seiner Reagenzglas-Produktion erfährt, wird lakonisch zur Kenntnis genommen. In seinem Schweigen, den mühsamen Erklärungen wirkt der Vater auf unsentimentale Weise anrührend. MacDonald, der in Großbritannien mit Uraufführungen der Stücke Sarah Kanes bekannt wurde, gelingt eine intelligente, eindringliche Inszenierung, die Churchills knappes Stück nicht aufbläht.

Nächste Szene, nächster Sohn, wieder gespielt von Mark Waschke: ein aggressiver Prolet, einer, der lieber schreit als zuhört. Am liebsten würde er seinen Bruder, diese Fälschung seiner selbst, umbringen. Die zweite Version der Vergangenheit, die der Vater mühsam und immer stoisch bleibend aus sich rauspresst: Der ältere Sohn ist das ungeliebte Original, das Kind aus der ersten Szene die Kopie. Die Mutter hat sich umgebraucht, der allein erziehende Vater tröstete sich mit Suff und Drogen, er kam mit dem Kind nicht zurecht und hat es weg gegeben. Einen Neubeginn will er mit der Kopie machen: Das Leben wird zur Versuchsserie. Waschke gelingt eine scharfe Typenzeichnung des ersten, weggeworfenen Kindes. Er wird seinen Bruder ermorden und sich anschließend selbst töten. Der Mord Kains an Abel ist ein biblisches Motiv: In einer gottlosen Welt des technisch vervielfältigten Menschen wird der Brudermord zum letzten Mittel, eigene Einzigartigkeit zu erzwingen.

Ein gespenstisches Nachspiel. Der Vater trifft einen der zwanzig Genkopierten: einen ihm vollkommen fremden jungen Menschen, den Waschke diesmal als naiven Optimisten spielt, den das Wissen um die vielen Doppelgänger nicht schockt, sondern amüsiert. „Dreißig Prozent unseres Gen-Materials sind identisch mit dem des Salatkopfes.“ Ein glücklicher Bewohner der schönen neuen Welt.

Wieder am 30. März, 2., 3., 8. April .

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