• "Ich war Jud Süß": Friedrich Knillis Biografie über Ferdinand Marian, den Hauptdarsteller des NS-Propagandafilms

Kultur : "Ich war Jud Süß": Friedrich Knillis Biografie über Ferdinand Marian, den Hauptdarsteller des NS-Propagandafilms

Christian Schröder

Eine Szene aus einem Berliner S-Bahnhof, kurz vor dem Zweiten Weltkrieg. Vor dem Kontrollhäuschen, in dem ein Beamter den Zugang zum Bahnsteig überwacht, steht ein Mann und findet seine Karte nicht. "Erst mal wurde eine Suchnummer veranstaltet. Zwei Taschen im Mantel, vier Taschen in der Jacke, zwei in der Hose, alles ausführlich und mit einer Langsamkeit, die den Beamten in seinem Häuschen allmählich nervös werden ließ. Und je mehr Leute sich ansammelten und je länger die Schlange wurde, um so lustiger funkelten die Augen meines Freundes. Dann verwickelte er den Beamten in ein Gespräch über die Tatsache, dass er die Karte eben noch in der Hand gehabt hätte und vielleicht hätte sie ihm jemand gestohlen, eine so schöne Karte. Und seine Frau habe auch gesagt, er solle auf die Karte aufpassen und ihm sei das alles so peinlich. Und so geht es weiter, bis die Leute murren und er endlich die Karte findet, die er natürlich die ganze Zeit in der Hand gehabt hatte."

Der Mann, der hier so lange braucht, um seine Fahrkarte zu finden, ist der Schauspieler Ferdinand Marian. Die S-Bahn-Nummer gehörte gewissermaßen zu seinem Standard-Repertoire, die er gerne auch in verschiedenen Dialekten, als Kurzsichtiger oder als Stotterer gegeben hat, wie sich sein Kollege Carl-Heinz Schroth in seinen Memoiren erinnert. Marian war ein Besessener. Applaus brauchte er auch außerhalb der Theaterbühne, spielen wollte er um jeden Preis. Das war sein Verhängnis, denn für die Karriere war er bereit, alles zu geben - auch seine Seele. 1940 hat Marian die Hauptrolle in einem Film gespielt, der bis heute als das perfideste Produkt der NS-Propaganda gilt: den "Jud Süß" in Veit Harlans gleichnamigem antisemitischen Melodram. Marian war ein begabter Schauspieler, einer der in seine Rollen hineinzuschlüpfen vermochte wie in einen gut geschnittenen Anzug. Den Jud Süß spielte er nicht als Karikatur, sondern als Menschen aus Fleisch und Blut.

Auf den heutigen Betrachter mag der Film deshalb irritierend wirken: Der durchtriebene Finanzberater des Herzogs von Württemberg tritt einem als vollplastischer Charakter entgegen, während die so genannten Arier um ihn herum - biedere Schwaben des 18. Jahrhunderts - bloß als pappmachéartige Parolenaufsager agieren. Marian zieht alle Register, er bringt das Böse zum Schillern. Das aasige Lächeln hat er genauso drauf wie das kratzfüßige Antichambrieren, das säuselnde Umgarnen wie das lüsterne Augenbrauen-Anheben. Es gibt eine Szene, in der man beinahe Mitleid bekommt mit dem dämonisch gezeichneten Einschmeichler und Verführer. Da sagt ihm einer auf den Kopf zu "Das ist doch ein Jude, der Herr Oppenheimer aus Frankfurt!", und Marian senkt beschämt den Blick. Er trägt einen teuren Anzug, hat Hochdeutsch gelernt - und wird dennoch enttarnt. Nur in den Momenten höchster Erregung fällt Süß in sein jiddelndes Idiom zurück - zum Beispiel, bevor er Kristina Söderbaum vergewaltigt.

Marian macht sich zum willigen Vollstrecker der NS-Ideologie, gerade weil er seinem Jud Süß ein menschliches Antlitz gibt. Denn dieses Antlitz ist nur die Maske, hinter der sich der "Volksschädling" versteckt. Am Ende wird der Jude vom aufgebrachten Volk im eisernen Käfig aufgehängt, da mag er betteln - "Lasst mer mein Leben! Ich will leben! Leben will ich, leben!" -, wie er will. Und Söderbaums Vater, gespielt von Eugen Klöpfer, verkündet: "So aber ein Jude mit einer Christin sich fleischlich vermengt, soll er mit dem Strang vom Leben zum Tod gebracht werden, ihm zur wohlverdienten Strafe, jedermann aber zum abschreckenden Exempel".

"Jud Süß" war nicht bloß ein Hetzfilm, er lieferte den Mordaufruf auch gleich mit. Nur, dass die meisten Juden im Jahr 1940 nicht mit dem Strang, sondern in der Gaskammer umgebracht wurden. Bei der Biennale in Venedig wurde der Film freundlich aufgenommen, der junge Filmkritiker Michelangelo Antonioni war insbesondere von Marian beeindruckt: "Das Spiel der Hände, der Blicke, Tönungen der Stimme, Bewegungen des Körpers, alles ist vollendet." Danach sahen bis zum Kriegsende rund zwanzig Millionen Zuschauer in Deutschland und den von Deutschen besetzten Ländern den Film. In einigen Städten - in Frankreich und in Budapest - kam es im Anschluss an die Aufführung zu antisemitischen Ausschreitungen. "Jud Süß" wurde auch in KZs eingesetzt, als Anschauungsmaterial für die SS-Mannschaften. Brutale Misshandlungen von Häftlingen waren die Folge. Bei der feierlichen Premiere des Films im Berliner Ufa-Palast am Zoo saß Ferdinand Marian in der Loge von Propagandaminister Joseph Goebbels. So nahe sollte er der Macht nie wieder kommen. Aus dem Schauspieler war ein Kumpan der Nazis geworden, ein Täter.

Wer ist der Schlechteste?



"Ich war Jud Süß" heißt das Buch, das Friedrich Knilli über Ferdinand Marian geschrieben hat. Er gliedert die Biografie des Täter-Schauspielers in drei Teile: vor, während, nach "Jud Süß". Marian wollte den Süß nicht spielen, er ließ sich lange bitten, die Rolle zu übernehmen. Die ersten Probeaufnahmen, zu denen außer ihm auch René Deltgen, Richard Häußler, Rudolf Fernau, Paul Dahlke und Siegfried Breuer eingeladen waren, wurden von allen Schauspielern sabotiert. Jedenfalls hat es Marian kurz nach dem Krieg so dargestellt: "Es gelang jedem Einzelnen, durch Maske (wir nahmen alle Zopfperücken) und Spiel seine Nichteignung für diese Rolle klarzumachen. Es war der einzig dastehende Konkurrenzkampf von sechs Künstlern, der schlechteste zu sein." Weitere Probeaufnahmen wurden anberaumt, Marian wurde zu Goebbels zitiert. Der Minister soll den Schauspieler geradezu gezwungen haben, die Rolle zu akzeptieren: "Den Film brauche ich. Und zwar sofort. Von heute ab müssen alle ran. Sie sind der Erste. Heil Hitler!"

Anschließend will Marian sich mit Kognak betrunken und im Rausch seine Wohnungseinrichtung zertrümmert haben. Im Nachhinein stilisiert sich der Süß-Darsteller zum Opfer: seine jämmerlichste Rolle. Knilli folgt in seiner Darstellung blind der Apologetik Marians. Distanz zum Gegenstand seiner Biografie kennt er ohnehin nicht: Er bietet Marian sozusagen das "Du" an und nennt ihn plump-vertraulich "Ferdl". Die Frage, warum der Schauspieler beim angeblich so verhassten Jud-Süß-Projekt am Ende doch mitgemacht hat, kann Knilli nicht beantworten, er greift zu nebulöser Psychologie: "Von allen Gründen (...) liegt der wohl entscheidende in dem in der Adoleszenz so tief eingeschliffenen Schema vom Immer-wieder-Aufbegehren und letztlich doch Immer-wieder-Unterordnen unter die Autorität begründet."

Marian war ein Ausbüchser. Mit 17 haut der in Wien geborene Sohn eines Opernsängers und einer Gesangslehrerin von zu Hause ab, schlägt sich als Hausdiener, Bauarbeiter, Chauffeur durch. Er landet beim Theater in Graz und spielt sich vom Komparsen zum Hauptdarsteller hoch. Im Rheinland, wo er ab 1927 auf verschiedenen Bühnen engagiert ist, tritt er auch in völkischen und antisemitischen Stücken auf, in Hamburg schließt er sich zeitweilig einer linken Agitprop-Truppe an.

Den Durchbruch schafft er 1935 mit Shakespeare: als Jago im Hamburger Schauspielhaus. Außenseiter-Rollen konnte Marian schon deshalb perfekt spielen, weil er selber einer war. Er hatte tschechische Vorfahren, sein Geburtsname lautete Ferdinand Haschkowetz. Auf einen Exoten wie ihn scheint die Kamera nur gewartet zu haben. Marian bringt ein erotisch aufgeladenes Element in den Ufa-Film und weiß im Typen-Repertoire des Dritten Reiches als Vorläufer des Latin Lovers zu gefallen, wo die Planstellen Draufgänger (Hans Albers), Patriarch (Heinrich George), Herzensbrecher (Willy Fritsch) und Kleiner Mann (Heinz Rühmann) bereits vergeben sind. Mit puertoricanischer Grandezza erobert er in "La Habanera" (1938) Zarah Leander, in "Münchhausen" (43) gibt er den zwielichtigen Zauberer Cagliostro, in "Die Nacht der Zwölf" (45) einen strizzihaften Vorstadtcasanova. Auch für Propagandafilme gibt sich Marian immer wieder her. In "Ohm Krüger" (42) stattet er - an der Seite von Gustaf Gründgens, einem anderen Karrieristen - Cecil Rhodes mit steiflippiger Upperclass-Arroganz aus. Und in "Der Fuchs von Glenarvon" (40) intrigriert er als englischer Friedensrichter in Irland und wird dafür - genau wie in "Jud Süß" - vom Volk gehenkt.

Im wirklichen Leben ist Ferdinand Marian bei einem Verkehrsunfall gestorben, 1946 bei München und wahrscheinlich unter Alkoholeinfluss. Aufstieg und Fall dieses Schauspielers hätten der Stoff sein können für eine Geschichte, die vom Fluch einer Verstrickung handelt. Schade, dass Friedrich Knilli sie nicht erzählt.

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