Kultur : „Ich weigere mich, über Geld zu reden“

Die designierte Kulturstaatsministerin Christina Weiss über Kunst, Kulturpolitik und gesellschaftliche Dummheit

NAME

Seit Montagnachmittag steht es fest: Christina Weiss wird als Nachfolgerin von Julian Nida-Rümelin erste Kulturstaatsministerin der Bundesrepublik. Dabei wollte sie – nach zehn Jahren als Kultursenatorin in Hamburg und zuvor Leiterin des Hamburger Literaturhauses – gerade ein lukratives Angebot als Geschäftsführerin einer großen Stiftung in Süddeutschland annehmen. Doch nach einem Gespräch mit Bundeskanzler Gerhard Schröder am Montag in Berlin entschloss sich die 49-jährige promovierte Literaturwissenschaftlerin, dessen Angebot anzunehmen. Schröders erster Anruf hatte sie Ende letzter Woche, wie sie selbst sagt, noch „kalt erwischt“. Unsere Mitarbeiterin Isabelle Hofmann sprach mit der parteilosen designierten Kulturstaatsministerin.

Frau Weiss, Kulturstaatsministerin in Berlin – Ihr Traumjob?

(Lacht). Nein, kein Traum.

Aber eine reizvolle Aufgabe …

Unbedingt. Vor allem, weil ich immer wieder darauf hinweisen werde, wie wichtig die Kunst ist. Wir brauchen eine starke Repräsentanz für Kultur in diesem Land.

Bei einem Vorgespräch wiesen Sie auf „erkennbare Defizite“ hin. Ein Vorschlag von Ihnen ist, die Goethe-Institute, bisher dem Auswärtigen Amt zugeordnet, dem Kulturstaatsminister zuzuschlagen.

Das stimmt. Aber es ist zu früh, jetzt schon über Reformen zu reden.

Sie wollten sich aus der Politik eigentlich verabschieden.

Ja. Bevor ich Kultursenatorin in Hamburg wurde, habe ich nicht nur das Literaturhaus geleitet, sondern auch als Journalistin gearbeitet. Viel Rundfunk und Fernsehen gemacht, zum Beispiel die Talkrunde „Café Größenwahn“ im Südwestfunk Baden Baden. Ich sitze zur Zeit noch an etlichen Texten über Künstler. Journalismus ist durchaus eine reizvolle Alternative für mich.

Wie würden Sie sich selbst beschreiben?

Ich bin ein sehr intensiv lebender Mensch. Sehr gesellig und grenzenlos neugierig (lacht). Das möchte ich auch bis ins höchste Alter bleiben. Ich bin sehr freiheitsliebend. Und ich habe ein echtes Suchtproblem: Ich lese unendlich viel und kann nicht aufhören, Bücher zu kaufen.

In ihrem kürzlich gehaltenen Vortrag „Kunst - Neugier oder Konsum?“ warnten Sie vor den Folgen der Eventkul tur. Hamburgs derzeitige Kultursenatorin Jana Horáková glaubt, die Stadt brauche mehr Glanz und Events.

Das ist ein Irrtum. Hamburg hat keine große Traditionspräsenz wie München oder Berlin. Also muss Hamburg staat kurzfristiger Events die Gegenwartskunst fördern. Damit kann die Stadt auch Glanz erreichen.

Warum ist zeitgenössische Kunst so wichtig?

Künstler, und ich meine alle Sparten der Kunst, sind die Seismographen einer Zeit. Sie spüren am meisten Entwicklungen im voraus. Deshalb muss man ihnen den Raum geben, ihre Arbeit zu zeigen und das Publikum fordern, diese geistige Arbeit mitzumachen. In einer Gesellschaft, in der Wahrnehmungsstörungen täglich zunehmen, in der kaum noch jemand genau hinhören und hinschauen kann, ist die Kunst das einzige und letzte Trainingsfeld.

Was passiert mit unserer Gesellschaft, wenn es nur noch Trivialkultur gäbe?

Dann wird sie geistig verarmen. Wir sind zur Zeit wieder in eine politische Phase eingetreten, in der die Werte des Geistigen und Kulturellen bagatellisiert und banalisiert werden. Ich erachte diese Entwicklung für eine Katastrophe. In fast allen deutschen Städten ist zu beobachten, dass die Kulturpolitik, die ernsthaft an der Förderung der neuen Künste und Künstler arbeiten sollte, immer mehr durch eine Politik ersetzt wird, die mit Hilfe von Events die touristische Attraktivität der Stadt steigert.

Was spricht gegen touristische Attraktivität?

Gar nichts. Aber es gibt Kulturkonsum, der so an der glatten Oberfläche bleibt, dass er den Zugang zum eigenen Nachdenken und der eigenen Subjektivität, zum inneren Reichtum von Menschen verstopft. Man hat das Gefühl, man nimmt an Kultur teil. Es passiert jedoch nichts, was einen zum Nachdenken bringt, was eine neue Weltsicht bringt. Eine Pseudobefriedigung, ein Abspeisen auf die Schnelle an der Oberfläche.

Das klingt nach Ihrem großen Credo.

Alles, was die Subjektivität betäubt oder gar auslöscht, zerstört ein Stück eigenständiger Persönlichkeit. Das größte Schreckensbild ist für mich eine Gesellschaft, die nur noch oberflächlich lebt, mit geringer Bildung und Kultur. Eine solche Gesellschaft ist endlos manipulierbar und verführbar.

Heute versuchen aber auch seriöse Theater, den Besuch zum Event zu stilisieren.

Theater ist kein Event. Jedes ernstzunehmende Kunstwerk schafft zumindest einen neuen Aspekt. Es geht mir auch nicht darum Hochkultur gegen populäre Kultur zu setzten. Ein richtig guter Schlager , ein richtig guter Rocksong, kann einen genau so packen, genau so erschüttern und unter die Haut gehen wie eine Oper. Was ich kritisiere, sind, zum Beispiel, die drei, sieben oder zehn Tenöre. Die Light-Version der Oper. Das zerstört die Wahrnehmung von Oper.

Sind Großprojekte wie der fliegende Grünkernbratling der Artgenda, der größten Biennale für junge Kunst in Europa, Events oder Kunst?

Kunst. Ob gut und tragfähig, wird die Kunstgeschichte weisen. Aber die Provokation und Irritation war vorhanden. Es war peinlich, wie sich Hamburg der Artgenda gegenüber verhalten hat. Ich habe mich geschämt. Es ist der zweitgrößten Stadt Deutschlands nicht würdig , eine Biennale junger Kunst so zu verhöhnen wie es dort passiert ist.

Kein Bewusstsein für zeitgenössische Kunst?

Es fehlt uns an Respekt vor der Arbeit von Künstlern. Das ist ein großes Bildungs-Manko in unserer Gesellschaft. Wir merken nicht, dass die Künstler auch Forschungsarbeit leisten, für uns alle.

Das sieht man vielerorts offenbar anders. In Hamburg wurde der Etat für Kunst im öffentlichen Raum um 50 Prozent gekürzt. Auch in anderen Städten krankt dieser Bereich.

Man muss unterscheiden zwischen Kunst im öffentlichen Raum und einer Möblierung der Städte. Wenn man der Auffassung ist, alle Plätze möbliert zu haben, braucht man irgendwann keine neuen Möbel mehr. Wenn man Kunst im öffentlichen Raum als Begegnungsanstoß für einen bestimmten Zeitraum nimmt, dann sind sie vergänglich. Dann braucht man wieder neue Anstöße. Das war das Hamburger Konzept – und wie ich meine, ein sehr attraktives.

Liegt es nur am Geld, dass heute Künstler und Kunstinstitutionen um ihre Existenz bangen? .

Ich weigere mich, eine Debatte ums Geld zu führen. Für eine Gesellschaft, die zu dumm geworden ist, ins Museum zu gehen, gibt es keine Überlebenschance. Auch nicht durch Geld. Politisches und privates Geld gibt es dann, wenn Kunst ein hochgeschätzter Teil der Gesellschaft ist. Wenn man jemanden wertschätzt, dann unterstützt man ihn auch. Dann nimmt man nicht willkürlich Geld weg. Aber viel wichtiger als Geld ist das geistige Klima. Das geistige Klima ist nicht bezahlbar. Künstler brauchen immer wieder die Bestätigung, dass man sie will, dass man sie bewundert und ihre Arbeit braucht. Überall in Deutschland verliert die wildwuchernde Szene ihre Räume. Ganz klar, dass sie sich dann zurückzieht. Übrigens immer mehr nach Berlin, weil da noch Raum für ist. Hier ist der Untergrund noch lebendig .

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben